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Autoindustrie
PSA und General Motors: Teures Tauziehen um Opel

Opel
Opel: PSA hat am neuen Tochterkonzern keine Freude. Quelle: Keystone

Opel war für PSA nur auf den ersten Blick ein Schäppchenkauf. Die Franzosen fühlen sich von Ex-Besitzer General Motors hinters Licht geführt – den Amerikanern droht eine millionenschwere Klage.

Von Nikolaus Doll («Die Welt»)
am 30.11.2017

Um Opel bahnt sich offenbar ein millionenschwerer Konflikt zwischen der ehemaligen Konzernmutter General Motors (GM) und dem neuen Eigentümer, dem Drei-Marken-Konzern PSA, an. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, wollen die Franzosen einen erheblichen Teil des Kaufpreises von GM zurück – mehrere Hundert Millionen Euro. Man fühle sich bei PSA getäuscht, heisst es demnach.

Opel sei nicht wie erwartet auf die Einhaltung der neuen Schadstoffobergrenzen in der EU vorbereitet. Es drohten hohe Strafzahlungen. PSA wollte dazu offiziell keinen Kommentar abgeben.

GM nimmt Bedrohung ernst

Aber die Reaktion bei den beteiligten Autobauern zeigt, dass es ganz offensichtlich als Folge der Opel-Übernahme Streit zwischen PSA und GM gibt. GM beliess es nicht mit dem üblichen «no comment», sondern teilte mit: Man sei noch nicht mit Forderungen von PSA konfrontiert worden. Was nicht bedeutet, dass diese nicht angekündigt wurden und die Franzosen die nicht schon vorbereitet haben.

Wie ernst man mögliche Erstattungsansprüche der Franzosen in Detroit nimmt, zeigt die Tatsache, dass die Amerikaner sofort ungewöhnlich defensiv in Verteidigungshaltung gingen. «PSA hat eine belastbare, sorgfältige Unternehmensprüfung durchgeführt, durch eigene Leute, mit vielen Experten und Anwälten», heisst es. Das Thema CO2-Ausstoss und wie fit Opel dabei sei, sei nie Thema gewesen.

Kritik des PSA-Chefs

Spätestens jetzt ist es das. PSA-Chef Carlos Tavares hatte sich nach Abschluss des Kaufs von Opel im August mehrfach zwar anerkennend über die Marke gezeigt und optimistisch, dass man sie sanieren könne. Gleichzeitig hatte er massive Kritik daran geübt, wie sich Opel und GM auf die schärferen Grenzwerte für CO2 in der EU vorbereitet hätten – nämlich zu wenig.

Der «Welt am Sonntag» hatte Tavares vor rund einem Monat gesagt: «Eines ist uns inzwischen klar: Die Pläne für die Entwicklung von Technologien und Modellen bei Opel waren nicht ausreichend, um das Unternehmen erfolgreich zu machen. Es wurde eine Strategie verfolgt, die einfach nicht funktioniert hat.» Nun stehe man der Gefahr gegenüber, dass Opel die 2020 in Kraft tretenden Emissionsobergrenzen nicht einhalten könne. «Das ist extrem gefährlich für das Unternehmen.»

«Verborgene Seite des Mondes»

In anderen Interviews legte der PSA-Chef nach. Vor der Übernahme habe PSA nicht alle Informationen von Opel bekommen, erklärte er. Als man Opel dann gekauft habe, hätte PSA die «verborgene Seite des Mondes nicht zu sehen bekommen». Zum Beispiel, dass es keinen Plan für die kostspielige Einhaltung der EU-Vorgaben für CO2-Emissionen gegeben habe.

Insider bei Opel bestätigten, dass es die «verborgene Seite des Mondes» für PSA tatsächlich gegeben haben kann. «Die wussten nicht über unsere ganze Produktpalette Bescheid», sagt ein Opelaner. «In der Zeit zwischen dem Unterschreiben des Kaufvertrags und dem Abschluss des Geschäfts, also von März bis August dieses Jahres, mussten wir PSA wegen kartellrechtlicher Auflagen wie einen Wettbewerber behandeln. Wir durften nicht alles offenlegen.»

Schwäche war ein offenes Geheimnis

Kann es also sein, dass PSA einen Automobilhersteller gekauft hat und über eine zentrale Schwachstelle nicht Bescheid wusste? Offenbar ist das denkbar. Nur: Dass Opel bei E-Autos – wie übrigens auch die Konzernmutter GM – schwach aufgestellt war, wusste jeder in der Branche. Man musste kein Insider sein, um zu wissen, dass die Amerikaner Opel vor allem auch deshalb verkaufen wollten, weil es für GM nach eigener Einschätzung zu teuer gewesen wäre, für Opel saubere Motoren und E-Autos zu entwickeln und so die neuen Schadstoffobergrenzen einzuhalten.

Die Frage ist, ob den Franzosen klar war, wie blank Opel dastand. Die Schwäche bei E-Autos war offenbar auch für viele Opelaner eine Überraschung. Irgendwann sei ihm klar geworden, dass GM keinerlei tragende Konzepte für Elektroautos gehabt hätte, hatte Opel-Betriebsratschef Wolfgang Schäfer-Klug der «Welt» gesagt. «Wir hätten da ja gerne bei GM ins Regal gegriffen. Aber da war einfach nichts.»

Amerikaner fordern Geld zurück

Die Franzosen monieren nun, dass sie den Makel in Windeseile abstellen müssten. Nun soll 2020 auf Basis von PSA-Technologie mit dem Grandland ein Hybrid auf den Markt kommen. Im selben Jahr soll es den Corsa als reines Elektroauto geben. Bis 2024 soll die gesamte Flotte von Opel elektrifiziert, also als E-Modelle oder zumindest Mild-Hybride erhältlich sein. Ohne Know-how, Geld und andere Unterstützung aus Frankreich wäre diese Umrüstung nicht möglich. Und die Kosten dafür will sich PSA offenbar mit GM teilen.

Insider sagen, PSA wolle nun von den Amerikanern mehr als 500 Millionen Euro zurück. Einer der Insider sprach von 600 bis 800 Millionen Euro. Bezahlt hatten die Franzosen für Opel rund 1,3 Milliarden Euro.

Es droht eine Klage

Rechtliche Schritte sind den Angaben zufolge nicht ausgeschlossen. Opel habe einen Plan zur Einhaltung der Abgasvorschriften verfolgt, der auf hohen Absatzzahlen des Elektroautos Ampera-e basiert habe – bei einem Verlust von annähernd 10’000 Euro pro verkauftes Fahrzeug. «Ihre technische Lösung war unrentabel und hätte zu enormen Verlusten geführt», sagte ein Insider. Stoppe man allerdings die Produktion des E-Modells, «explodieren die Abgaswerte der Flotte».

Ein Druckmittel für ihre Forderungen haben die Franzosen. GM kann sich auch nach dem Verkauf von Opel nicht so ohne Weiteres zurückziehen. Opel war rund 90 Jahre ein Teil von GM, die Unternehmen sind in vielen Bereichen eng miteinander verwoben. Da könnte PSA den Amerikaner beim Entflechten viele Probleme bereiten und Opel für Detroit noch viele Jahre nach dem Verkauf zu einem Sorgenkind machen. Dabei will GM mit Opel nur noch eins: einen Schlussstrich ziehen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der «Welt» unter dem Titel: «Warum die Franzosen jetzt viel Geld von GM wollen».

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