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Raiffeisen: Schwarzer Peter Pierin

Ein Vollgeld-Aktivist mit einer Pierin Vincenz-Maske

Ein Aktivist mit einer Pierin Vincenz-Maske bei einer Veranstaltung zur Vollgeld-Initiative.

Quelle: KEYSTONE / Melanie Duchene

Beim Lesen des Gehrig-Berichts stellt sich die Frage: Weshalb liess es der damalige Raiffeisen-VR zu, dass Vincenz quasi freie Hand hatte?

Kommentar  
Von Sven Millischer
am 22.01.2019

Die Raiffeisen Schweiz setzt unter dem neuen Führungsduo Lachappelle Huber ein Zeichen. Die Genossenschaftsbank veröffentlicht eine öffentlichkeitskompatible Version der unabhängigen Untersuchung, die der Ex-Swiss-Life-Präsident Bruno Gehrig seit Frühjahr 2018 durchgeführt hat. 

Das ist grundsätzlich zu begrüssen und zeigt, dass auch am Roten Platz in St. Gallen endlich Glasnost und Perestroika eingekehrt sind. Es ist zu hoffen, dass dieser «Wind of Change» anhält und nicht wider zum lauen Lüftchen abflacht.  

Item: Gehrig und seine Forensiker konzentrierten sich in ihrem Bericht auf die Beteiligungsnahmen der Raiffeisen ab 2005: Es sind über 100, wovon 22 Geschäfte genauer unter die Lupe genommen wurden. Im Fokus steht dabei nebst dem Genossenschaftsausflug ins Private Banking (Wegelin), und den strukturierten Produkten (Leonteq-Beteiligung) vor allem der Aufbau eines Asset-Management-Standbeins namens TCMG über den wahllosen Zukauf fragwürdiger Anlageboutiquen (von CEAMS bis Dynapartners).

Die Befunde des Gehrig-Berichts beim agressiv-expansiven Eintritt der Raiffeisen ins institutionelle Anlage-Geschäft sind ernüchternd: Der unabhängige Chefermittler und Ex-EBK-Mann spricht von einer Überforderung der bestehenden Strukturen und einer «Hemdsärmeligkeit», die den Kauf von Beteiligungen ohne angemessene Rücksicht auf betriebswirtschaftliche Logik, Preis oder Risiken forciert habe. «Letzteres zeigte sich insbesondere beim Aufbau des Asset-Management-Geschäfts.»

Grosse Abrechnung

Gehrigs Anspielung auf die «Hemdsärmligkeit» ist natürlich ein direkter Tritt ans Schienbein von Pierin Vincenz, dessen saloppe Art über die Branche hinaus bekannt war. Überhaupt liest sich der Bericht wie eine einzige grosse Abrechnung mit dem einstigen Übervater der Genossenschaftsinstituts. Ganze 18 Mal taucht der Name des Bündner Alpha-Bankers in den rund 30 Seiten auf. Aus dem säulenheiligen Vincenz ist anscheinend der Schwarze Peter Pierin geworden, dem der Raiffeisen-Verwaltungsrat nun noch diesen «unabhängigen Bericht» hinterherschickt. 

Dabei stellt sich mit jeder Seite Lektüre dieses Untersuchungsberichts drängender die Frage: Weshalb  liess es der damalige Raiffeisen-Verwaltungsrat zu, dass Vincenz Schalten und Walten konnte wie er wollte? Wo waren der HSG-Corporate-Governance-Theoretiker und damalige Raiffeisen-Präsident Johannes Rüegg-Stürm beziehungsweise seine Kopfnicker-Kollegen? 

Der Bericht in Ehren, aber diese zentralen Fragen zur zivilrechtlichen Haftung der ehemaligen obersten Organe der Raiffeisen Schweiz harren nach Gehrigs löblicher Fleissarbeit nun der raschen Beantwortung. Die neue Führung um Präsident Lachappelle sollte auch im Falle von Rüegg & Co die Interessen der Bank ohne falsche Nach- und Rücksicht durchsetzen.

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