Kalt. Eiskalt. Minus 110 Grad Celsius, um genau zu sein, sind es in der Kältekammer des Lanserhof Lans in Tirol. Kälter, als es je irgendwo auf der Erde wird. Dafür muss man es dort nur drei Minuten aushalten. In Badebekleidung und unter ständiger Beobachtung eines Therapeuten. Zusätzlich werden Hände, Füsse, Nase und Ohren geschützt. Die sogenannte Kryotherapie soll bei zahlreichen chronischen Leiden Wunder bewirken, ausserdem wird sie auch von Spitzensportlern zur schnelleren Regeneration und von den Lanserhof-Kurgästen für den ganz besonderen Frischekick genutzt – so mancher Gast bucht die coole Kälte gleich mehrmals pro Tag, ein Durchgang kostet 48 Euro.

Anhaltender Hype

Doch das ist längst nicht alles. Der unlängst erweiterte und geschmackvoll futuristisch sanierte Lanserhof Lans, der drittplatzierte Gesundheitstempel im aktuellen Spa-Ranking der «Handelszeitung» (siehe Grafik und Bildergalerie), macht mit weiteren medizinischen Features von sich reden, etwa der Kapselendoskopie zur raschen Beurteilung des Verdauungssystems, der 24-Stunden-Herzraten-Variabilitätsmessung oder dem mobilen Schlaflabor, das während einer Nacht im normalen Hotelzimmer zum Einsatz kommt. Auch schamanische Heiler, welche Energieblockaden lösen können, stehen hier hoch im Kurs.

Was vor 35 Jahren als naturheilkundliches Regenerationszentrum zum Entgiften, Entschlacken und Entsäuern begonnen hat, wird heute von ganzheitlicher Diagnostik, einem hochtechnisierten Instrumentarium und einem Angebot von medizinischen Therapien ergänzt, dessen Auflistung umfassender scheint als die Weinkarte in jedem österreichischen Gourmetlokal. Das Versprechen: Jeder Gast soll im Lanserhof einen nachhaltigen Neustart seines Lebens erfahren. Wird es eingelöst? Die Mehrheit der 68 befragten Experten meint: ja. Dies jedoch mit der mehrfach genannten Einschränkung, dass das Branding besser sei als die tatsächliche Effizienz einer Lanserhof-Kur. Auch sind die Treatments mal begeisternd, mal sehr durchschnittlich, und bei unserem Test im November überraschten Ärztin und Therapeuten bisweilen mit gegensätzlichen Empfehlungen, was individuell gesundheitsförderlich sei – etwa zum Thema Nahrungsergänzungsmittel. 

Trotz diesen Einwänden: Sowohl im Mutterhaus in Lans als auch im 2014 eröffneten Lanserhof Tegernsee in Oberbayern fällt die Zimmerbelegung lediglich im Frühsommer unter 85 Prozent. Oftmals heisst es «ausgebucht» – dies trotz Mindestaufenthalt von einer Woche und aktiv betriebener Gästeselektion respektive Reservationsstopp bei einer gewissen Anzahl von Kunden spezifischer Herkunftsländer. Jedenfalls fühlt sich ein internationales Publikum von der Marke Lanserhof magnetisch angezogen, weshalb Geschäftsführer Christian Harisch zuversichtlich auf den dritten, im nächsten Jahr eröffnenden Hotelableger Lanserhof Sylt blickt.

Der anhaltende Hype bringt selbstbewusste Preise mit sich, die auf russische Oligarchen, deutsche Milliardärinnen und afrikanische Regierungschefs abgestimmt zu sein scheinen: So werden beispielsweise 50 Minuten beim Osteopathen mit 178 Euro verrechnet, eine halbe Stunde Akupunktur oder Ernährungs-Coaching mit 170 respektive 191 Euro – von Spezialitäten wie der Kapselendoskopie (1517 Euro) gar nicht zu reden.

Unter dem Deckmantel persönlich angepasster Gesundheitsprogramme kann das flott forcierte Upselling von Behandlungen aller Art ein ungutes Gefühl einer geldgetriebenen Gesundheitsmaschine erzeugen. Selbst unter den Mitarbeitenden ist die Preispolitik ein Reizthema: «Damit halten wir normalverdienende Gäste von eigentlich sinnvollen medizinischen Behandlungen ab», sagt die behandelnde Ärztin beim Testbesuch hinter vorgehaltener Hand. 

Schnelleres Erfolgsgefühl

Während Harisch darauf hinweist, dass für einen wirklich sinnvollen Regenerationserfolg aus medizinischen Gründen ein Mindestaufenthalt von zwei Wochen erforderlich sei, sieht das Henri Chenot gelassener. Der Hausherr im Palace Merano, dem wiederholten Spitzenreiter unter den Health-Retreats, ist überzeugt: «Unsere Kuren zum Detoxen und Regenerieren sind streng, doch genügt eine Woche, um die Menschen in ihren natürlichen, gesunden Rhythmus zurückzuführen.» Chenot weiss nach mehr als fünfzig Jahren Erfahrung und als Pionier des High-End-Gesundheitstourismus um die Wichtigkeit, die Auszeit seiner Kunden nicht überzustrapazieren und diesen nicht mehr Zeit als nötig abzuverlangen.

Das Ergebnis des massgeschneiderten Gesundheitsregimes geht jedenfalls in Richtung neugeboren, das Gefühl ist grosse Zufriedenheit. Was auch ein bisschen mit dem heiter stimmenden Belle-Époque-Ambiente des gartenumgebenen Hotelpalasts am Rand der Meraner Altstadt zu tun hat und mit dem Serviceverständnis im ganzen Haus: Die Mitarbeitenden sind sichtlich stolz, Teil eines gut gelaunten Teams von Menschen zu sein, die so positiv auf andere Menschen wirken.

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Chenot und seiner allgegenwärtigen Frau Dominique ist sehr bewusst, dass ihre ausgeklügelte Methode zwar die Batterien ihrer Kurgäste innert sieben Tagen aufzuladen vermag, diese Zeit aber kaum ausreicht, viele Jahre ungesunden Lebenswandels anhaltend zu korrigieren. Deshalb nehmen sich die Ärzte und Therapeuten viel Zeit, den Gast auf einen vernünftiger gelebten Alltag zu sensibilisieren und für einen Wandel seiner gesundheitsschädlichen Gewohnheiten zu motivieren. Madame Chenot bemerkt: «Unser Körper gibt uns viele Zeichen. Aber wir wollen nicht hören. Dann nehmen wir Tabletten, um einen Schmerz loszuwerden. Dabei ginge es viel einfacher.» Das Palace Merano weist – besser und undogmatischer als alle anderen Gesundheitstempel – den eigenverantwortlichen Weg zu weniger Tempo im Alltag und mehr Taktgefühl für den eigenen Körper.

Rundumerneuerung Quellenhof

Vom vierten auf den zweiten Rang kletterte das Grand Resort Bad Ragaz. Hier wurden in den letzten 150 Jahren schon viele Krankheiten weggebadet. Reicht das Eintauchen ins Thermalwasser nicht zum Wohlfühlen aus, steht ein Team von 120 teilweise hoch spezialisierten Fachärzten und Therapeuten bereit, darunter Dermatologen und Gynäkologen, Neurologen und Internisten, aber auch plastische Chirurgen, Psychotherapeuten und Meister der traditionellen chinesischen Medizin. Die Vielfalt an medizinischen Disziplinen unter einem Hoteldach ist einzigartig. 

Nach der soeben abgeschlossenen Erweiterung der Saunalandschaft im öffentlichen Bereich der Tamina Therme (Investition: 3 Millionen Franken) wird nun dem Quellenhof-Trakt eine Frischzellenkur für 40 Millionen Franken zuteil. Alle Zimmer erhalten dabei einen neuen Look im globalen Grand-Hotel-Chic unter Federführung des Innendesigners Claudio Carbone. Zu den Highlights werden ab Anfang Juli 2019 die komplett umgestalteten Restaurants mit spektakulärem begehbarem Weinkeller und Health Cuisine zählen, die von Spitzenkoch Sven Wassmer und der leidenschaftlichen Sommelière Amanda Wassmer Bulgin betreut werden.

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«Wir möchten uns verstärkt auch zu einer Kulinarik-Destination entwickeln», verrät Patrick Vogler. Der Geschäftsführer der Ostschweizer Gesundheitsbastion zielt dabei auf die Aufmerksamkeit von jüngeren Genussmenschen ab und will das Resort auch durch die bereits spürbar verfeinerte Gastlichkeit von derzeit 90 000 Übernachtungen pro Jahr auf rund 100 000 Logiernächte verbessern. Diverse Massnahmen, das einst biblische Durchschnittsalter der Gäste zu senken, sind bereits realisiert: So war das grosszügig dimensionierte Family Spa vom Start weg ein Erfolg. Und die fabelhaften Restaurants «Namun» (asiatische Spezialitäten) und «Igniv by Andreas Caminada» (Sharing-Konzept mit mindestens 24 Komponenten pro Tisch) werden auch von externen Gästen sehr geschätzt und sind meist ausgebucht.

Klinik-Groove vs. Feriengefühl

Bei der Wahl des individuell richtigen Gesundheitstempels ist vorab ein essenzieller Grundsatzentscheid zu fällen: Will man einen gewissen Sanatoriums-Groove auf sich nehmen und ausschliesslich von Selbstoptimierern umgeben sein? So wie dies – in sehr unterschiedlichen Variierungen – neben den Lanserhof-Betrieben und dem Palace Merano auch im Ayurveda Resort Sonnhof in Tirol und im Vivamayr Altaussee im Salzkammergut (beide auf Rang 11) oder in der Clinique La Prairie (Rang 13) am Genfersee der Fall ist.

So wurde bewertet

Methodik: Das jährliche, zum siebten Mal publizierte Spa-Ranking der «Handelszeitung» basiert auf einer Umfrage bei 68 Spa-Experten und Hotelkennern, auf den aktuellen Einschätzungen bedeutender Reisepublikationen und -portale sowie auf 140 eigenen Tests des Autors in den letzten 18 Monaten. Berücksichtigt wurden alle relevanten Spa- und Gesundheitshotels im Alpenraum inklusive Schwarzwald.

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Oder zieht man die Nähe zu einer sinnenfreudigen Umgebung vor, in der ein Gesundheitsaufenthalt mit einer gewissen Leichtigkeit des Seins verbunden ist und sich nicht wie Urlaub für Masochisten anfühlt? Neben dem Grand Resort Bad Ragaz gelingt dies dem La Réserve Genève und der Villa Stéphanie im Brenners Park-Hotel in Baden-Baden (beide Rang 6) sowie dem Adler Balance (Rang 8) in Südtirol und dem Hof Weissbad (Rang 9) im Appenzell wunderbar. Allerdings mögen diese Häuser für den kurenden Gast zunächst eine kleine Herausforderung sein: Habe ich die innere Ausgewogenheit schon so sehr inne, dass diese dem genussorientierten Umfeld standhält?

Zu letzter Kategorie zählt das Hotel Post Bezau (Rang 5) im Bregenzerwald. Es ist ein ländlich-kultivierter Rückzugsort für Leute, die sich vom Hardware-Wettbewerb der alpenländischen Wellness-Welt nicht beeindrucken lassen und nach Perfektion in der Einfachheit suchen. Susanne Kaufmann, die das Haus in fünfter Generation führt, verrät: «Im Mai detoxen wir das Hotel. Dabei befreien wir uns von allem, was uns stört.» Dazu zählen die Seminarräume und die Lebensmittelverschwendung. Auch erklärt sich die Post – abgesehen von spezifischen Familienwochen – zur kinderfreien Zone und die eigene Naturkosmetikmarke «Susanne Kaufmann» wird verstärkt ins Hotelerlebnis integriert. Die Post macht vor, wie man Gesundheitsferien neu definieren, den klassischen Kurgedanken entstauben und auch junge Menschen dazu bewegen kann, frühzeitig in sich selbst zu investieren.

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Auch ein Blick auf die Bestenliste der Wellbeing-Oasen in der Schweiz und im benachbarten Ausland zeigt: In jedem der vierzig gerankten Spa-Hotels geht Wellness weit über die einfache Entspannung hinaus. Mehr noch: Jedes Haus sorgt auf seine ganz eigene Art für körperliche und seelische Wow-Erlebnisse. Talentfreie Masseure und geschmacklose Saunalandschaften mit wasserspeienden Götterstatuen – davon haben die Entschleunigungsreisenden genug. «Ohne den Anspruch an hohe therapeutische Kompetenz und einen klaren gesundheitlichen Nutzen geht es in den besseren Wellness-Hotels längst nicht mehr», betont Corinne Denzler, Direktorin der Tschuggen-Hotelgruppe.

Bucht man eine Body- oder Beauty-Behandlung im zweitplatzierten Tschuggen Grand Hotel in Arosa, hat man in der Tat die Gewissheit, dass jedes Treatment höchst professionell durchgeführt wird, auf den einzelnen Gast abgestimmt ist und gar nicht mal so viel kostet: eine 50-minütige Ganzkörpermassage beispielsweise 140 Franken. Darüber hinaus punktet das Tschuggen in allen qualitativen Bewertungskategorien mit mindestens 9 von 10 Punkten und liegt beim Killer-Kriterium «Preis-Leistungs-Verhältnis» besser im Rennen als so manche Spa-Superstars – etwa The Alpina Gstaad (Rang 4) oder The Dolder Grand (Rang 5).

Schloss Elmau, das zum siebten Mal in Folge den ersten Platz verteidigt, hält der ganzen Branche den Spiegel vor, wie vielschichtig man den Begriff «Wellbeing» interpretieren kann. Und wie sehr es andernorts an «Maniacs» und Hotelvisionären fehlt, die den Mut zu kühnen Konzepten aufbringen und diese dann so eigenständig und wohlüberlegt durchziehen, dass viele Leute das ebenfalls grandios finden. 

Allein das Yoga-Angebot mit entsprechender Infrastruktur und herausragenden Lehrern ist Welten vom halbherzigen Alibi-Yoga der meisten Konkurrenten entfernt. Schlossherr Dietmar Müller-Elmau hat im weiten und geschützten Hochtal am Fuss des Wettersteingebirges einen Ort erschaffen, an dem man alles hinter sich lassen und ganz nebenbei ein hochkarätiges Konzert- und Kulturprogramm sowie sechs getrennte Spas für unterschiedliche Bedürfnisse geniessen kann.

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Fehlende Exklusivität

Im Bürgenstock Resort hält die anfängliche Euphorie vieler Medien der Realität nicht immer ganz stand. Gäste des Fünf-Sterne-Hotels Bürgenstock (Rang 6) klagen über die fehlende Exklusivität, wenn Ausflügler die letzten Tische in der Lakeview Lobby Lounge besetzen, Hotelkenner kritisieren die erst fragmentarisch umgesetzte Detailpflege und am Wochenende ist von einem Besuch im Alpine Spa stark abzuraten. Von den 180 Erholungssuchenden, die dann Einlass finden, tummeln sich meist einige Dutzend im spektakulären, doch recht kleinen Aussenpool – rund die Hälfte davon ist im warmen Wasser mit Smartphones bewaffnet. Dies ist ein Phänomen in vielen Spa-Hotels, doch auf dem Bürgenstock ist es besonders akut. Das direkt mit dem Bürgenstock Hotel verbundene Palace hat zudem für Wellness-Gäste an Attraktivität verloren: Diese müssen neuerdings beim Spa-Eintritt einen Aufpreis von 100 Franken pro Person und Tag bezahlen.

Während das Bürgenstock Resort wegen seiner schieren Grösse (382 Zimmer) recht unpersönlich geführt wird und den Eindruck entstehen lässt, dass das Wohl des Gastes nur insofern interessiert, als es hinsichtlich einer optimalen Betriebsführung notwendig ist, sind die Gastgeber der besten inhabergeführten Spa-Klassiker mit Selbstverständlichkeit für ihre Gäste da. Den Besten gelingt es, mit Emotionen, Ideen und Leidenschaft die Herzen ihrer Gäste zu erobern.

Das Bareiss (Rang 6) im Schwarzwald zählt dazu, ebenso das kinderfreie Posthotel Achenkirch (Rang 9) in Tirol oder das Gstaad Palace (Rang 11). Auch in den beiden eindrucksvoll erneuerten Relax-Oasen Sonnenalp Resort (Rang 3) im Allgäu und Alpenresort Schwarz (Rang 11) auf dem Mieminger Sonnenplateau nahe Innsbruck denkt man: Hotelierfamilien, die solche gastorientierten, natürlich strahlenden Mitarbeitende als Standard anordnen, verstehen etwas von ihrem Geschäft.

Umgekehrt riskieren manche Spas, die Investoren überlassen wurden, den Anschluss zu verlieren. Wer etwa im 7132 Hotel (Rang 31) in Vals oder im Waldhaus Flims (Rang 36) eincheckt, fragt sich, ob der Gast oder nicht doch eher das Hotel rasch wieder zu sich selber finden muss.

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