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René Fischer: Zu Unrecht als Streber abgekanzelt

Als er sich vor sieben Jahren mit dem Gedanken trug, bei Swisscom anzuheuern, rieten ihm seine Freunde ab. Heute ist der Aargauer Ökonom Chef der Swisscom-Tochter Swisscom Solutions.

Von Flavian Cajacob
am 02.02.2005

Per 1. Januar 2005 hat die Swisscom ihre beiden Gesellschaften Enterprise Solutions und Systems zur Swisscom Solutions AG zusammengeschlossen. Sie soll der Kundschaft, vorab Unternehmen mit mehr als 80 Beschäftigten, die modernen Mittel der Daten- und Sprachkommunikation inskünftig aus ein und derselben Hand anbieten. Eine neue Firma, ein alter Chef: Swisscom Solutions steht mit René Fischer der bisherige CEO der Swisscom Systems AG vor.

Der 39-jährige Aargauer hat angesichts der Fusion stressige Monate mit wenig bis sehr wenig Schlaf hinter sich. Denn zusätzlich zu diesem Geschäftsbereich führte er während eines halben Jahres auch gleich noch die Geschicke der zweiten Gruppengesellschaft für Geschäftslösungen (Enterprise Solutions). «Zwei Unternehmen, zwei verschiedene Hüte, ein komplizierter Prozess», sagt Fischer, und von alledem habe die Kundschaft rein gar nichts mitbekommen.

Glücklicherweise. «Bis zum heutigen Tag ist kein System abgestürzt, musste kein Notfall-Szenario durchexerziert werden, es funktioniert noch alles», gibt sich der selbstdeklarierte Perfektionist, dem Professionalität wichtigstes Credo ist, zufrieden. Wenn in den Büros, Banken und Boutiquen des Landes die Datenströme fliessen, die Worte technisch übermittelt Widerhall finden, dann ist die (Arbeits-)Welt von René Fischer in Ordnung: «Kommunikation bedeutet für mich Verbindungen knüpfen. Es ist nicht damit getan, Reden zu halten und Botschaften zu vermitteln, wichtig ist, dass diese Nachrichten auch wirklich ankommen.»

Es ist ein Grundsatz, den der CEO in den eigenen vier Firmenwänden gerne auch persönlich in die Tat umsetzt. So wende er sich beispielsweise mit einem Anliegen oftmals lieber direkt an den zuständigen Mitarbeiter, als dass er den (Um-)Weg über den Bereichsverantwortlichen gehe. Nicht immer zur Freude aller, schmunzelt Fischer, dafür aber mit einem konkreten Resultat.

Belächelter Wechsel

Den direkten Weg durch die Karrierelandschaft hat René Fischer früh schon eingeschlagen. Wenngleich ­ ganz am Anfang stand auch er, Sohn aus gutbürgerlichem Hause, aufgewachsen in Klingnau, guter Schüler mit Hang zu pyrotechnischen Experimenten, vor einer Kreuzung mit zwei Schildern: Wissenschaftler oder Wirtschafter? Vom Ehrgeiz angestachelt, seine miserablen Leistungen in den Schulfächern Biologie und Chemie als des Lehrers Notenwillkür zu widerlegen, nahm er an der ETH Zürich ein Biochemie-Studium in Angriff, um irgendwann einmal, nach spannenden Felderfahrungen zwar, zur grundlegenden Erkenntnis zu gelangen, dass die Zukunft im weissen Kittel in seinem Falle nur mittelmässig rosig aussähe.

Kam erschwerend hinzu, dass er nach der Offiziersschule ein Jahr zusätzlich hätte anhängen müssen; «wenn schon länger, dann kann ich auch gleich etwas ganz anderes machen», habe er sich da gedacht und komplett umgesattelt. Es folgte das Studium in Betriebswirtschaft an der Uni Zürich, gespickt mit Praktika etwa bei der Bank Leu und der Telekurs AG.

Um fünf Uhr früh ins Fitness

Nach vier Jahren bei der SIG in Neuhausen wechselte der mittlerweile dreifache Vater 1998 zur Swisscom. René Fischer klingen die Kommentare seiner Freunde von damals noch heute in den Ohren: «Was, schon fertig mit der Karriere?», «Willst es lieber ein bisschen easy, he?», «Soso, von nun an Beamter!» Zweifelsohne habe die aus der damaligen PTT hervorgegangene Swisscom zu jener Zeit ein leicht angestaubtes Image besessen, räumt Fischer freimütig ein ­tempi passati allerdings, heute regiere die Dynamik das Tagesgeschäft.

Allzu lange kann Dynamisator Fischer nicht still sitzen. Nach 45 Minuten Sitzung werde er ungeduldig. «Ich kann es nicht ausstehen, wenn man etwas nicht auf den Punkt bringt», bemerkt der Ökonom. Sowieso, viel lieber als im Büro sei er «auf Piste». Unterwegs, mit und bei seinen Mitarbeitern, bei den Kunden. Und da gelte es, stets gut vorbereitet ­eben professionell ­ aufzutauchen. Dasselbe fordert er selbstredend von seinem beruflichen Umfeld.

Was er nicht ausstehen kann, sind Geschlampe, beispielsweise unsorgfältig verfasste Briefe und Mails, Unentschlossenheit und Demotivation. Da könne er schon einmal unangenehm werden. Ansonsten aber sei er ein Chef, der den «Wir»-Gedanken in den Vordergrund stelle. « bewegen etwas, nicht », sagt der 39-Jährige. Und wer «wir» ist, der oder die hat flexibel und vital zu sein. Denn Fischer ist ein schneller Denker, dem Lösungsansätze relativ rasch vor dem geistigen Auge erscheinen. «Diese Fähigkeit habe ich schon als Schüler besessen; das ist aber nicht immer nur angenehm, wie man sich vielleicht vorstellen kann ­ man wird schnell einmal als Streber abgekanzelt.»

Leistung bringen, logisch denken, eine konsequente Linie fahren. Und darob die Fitness nicht vergessen. Frühaufsteher Fischer Tagwacht ist in der Regel um fünf ­holt sie sich im eigenen Fitnessraum: Eine halbe Stunde rudern, eine Stunde pedalen vielleicht. Alles nach akribisch festgehaltenem Trainingsplan und vor allem Indoor. Wofür er, der sich selber überraschenderweise als potenziellen Langschläfer bezeichnet, eine einfache wie einleuchtende Erklärung parat hat. «Müsste ich raus, so fände ich stets irgendwelche guten Gründe, es nicht zu tun. Mal wärs zu kalt, mal zu nass ­für ein Training unter Dach, aber gibt es schlicht keine Ausreden.»

Affinität zur Psychologie

Sonntag Abend um halb elf wird der CEO von Swisscom Solutions jeweils konkret. Wenn andere bei «Columbo» oder «Tatort» verweilen, dann formuliert René Fischer die Ziele der anstehenden Woche. Initiiert kürzer gefasste, überdenkt mittel- und langfristige. Beispielsweise jene, das Unternehmen auch im LAN (Local-Area-Network)-Bereich zur Marktspitze zu treiben oder den Service am Kunden stärker auszubauen.

Dass da alle an einem Strick ziehen müssen, versteht sich von selbst. Wie aber motivieren? Höchstleistung garantieren? Fischer vertraut auf seine Menschenkenntnis und sein psychologisches Gespür, das er mit der Lektüre von Fachliteratur ständig zu verfeinern sucht («ich lese pro vierzehn Tage mindestens ein Fachbuch, Psychologie fasziniert mich einfach»). Der Mensch sei grundsätzlich lern- und leistungsbereit, ist der militärisch im Grade eines Oberstleutnant rangierende Manager überzeugt, oftmals aber fehle es ihm an sichtbarem Nutzen ­auch hier: An konkreten Zielen eben.

Sei ein solches indes gegeben, würde gar aus manch einem trägen Gesellen ein Hürdensprinter. «Ich weiss, wovon ich rede; bei der SIG erklärte ich mich einmal bereit, ein Fachreferat zu halten. Sechs Wochen vor dem Anlass erfuhr ich, dass alles in Englisch zu geschehen habe. Das war Motivation genug, mein Englisch innert kürzester Zeit mächtig aufzufrischen.» Ohne Ernstfall hingegen hätte er das kaum getan. Diese Erfahrung sei ein Schlüsselerlebnis gewesen. Im Sinne von «Man kann viel, wenn man nur richtig will».

Das Prinzip der Selbstverantwortung und die Erforderlichkeit eines Ziels, das gegeben sein muss, um Leistung erbringen zu können, hat sich René Fischer im Übrigen spätestens im Alter von 14 Jahren zu eigen gemacht. Sei es mit dem Taschengeld knapp geworden, so habe er sich auf die Suche nach einem Ferienjob gemacht. Sein erster Job, cash ausbezahlt ­ in einer Fabrik. Der Swisscom-Mann kann sich noch an jedes Detail erinnern: 280 Stühle. Mit Polster beziehen. Für McDonald's. Lohn: 225 Fr. Wenig Geld für ein Unternehmen. Viel für einen Schüler.

Sechs Jahre Swisscom: Steckbrief

Name: René Fischer

Funktion: CEO Swisscom Solutions

Alter: 39

Wohnort: Remetschwil AG

Familie: Verheiratet, drei Kinder

Karriere

1994­1998 SIG, Neuhausen, zuletzt Finanzchef SIG Pack Systems;

1998­2002 CFO Swisscom Fixnet;

2002­2004 CEO Swisscom Systems AG; seit 2002 Mitglied der Gruppenleitung Swisscom AG;

2004­2005 Swisscom Enterprise Solutions und Swisscom Systems, CEO, 2005 CEO Swisscom Solutions Firma

Swisscom Solutions ist aus der Zusammenlegung von Swisscom Enterprise Solutions und Swisscom Systems hervorgegangen, beschäftigt 1800 Mitarbeiter und wird nach eigenen Angaben einen Umsatz von 1,4 Mrd Fr. erwirtschaften. Damit und mit einem Kundenstamm von 4000 mittleren und grossen Firmen ist sie Schweizer Marktführerin im Bereich Business-Kommunikation. Zu den Leistungen gehören Planung, Aufbau und Betrieb von ICT-Lösungen (Information and Communication Technology), der Vernetzung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien.

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