Das war ein Volltreffer für die Forscher in den Labors von Roche: Vor zehn Jahren eingeführt, wurde Tamiflu schon wenige Jahre später zum Blockbuster für den Pharmakonzern. Lagen die Umsätze 2001 erst bei 97 Mio Fr. und belegte das Medikament auch 2004 nur Rang 14 der meistverkauften Roche-Produkte, so katapultierte die globale Angst vor der Vogelgrippe die Umsätze der Pille steil nach oben: 2005 gab es ein Umsatzplus von 370%, im Jahr darauf lag der Anstieg bei 68% auf 2,6 Mrd Fr. - Rang 4 der Roche-Bestsellerliste.

Insgesamt spülte das Mittel allein zwischen 2005 und 2008 rund 6,9 Mrd Fr. in die Kassen des Basler SMI-Mitglieds. Überwiegend Gelder staatlicher Budgets infolge der Bevorratung mit Tamiflu. Aus Furcht vor den Folgen einer möglichen Pandemie durch das Vogelgrippevirus hatten die Regierungen weltweit Hunderte von Millionen von Behandlungseinheiten bei den Baslern bestellt und gebunkert.

Gebraucht wurde das Mittel bisher allerdings kaum. Denn die Verbreitung des tödlichen Virus hielt sich bisher in engen Grenzen. Nach dem aktuellen Juli-Bericht der Weltgesundheitsbehörde WHO gab es zwischen 2003 und Juni 2009 weltweit nur 436 bestätigte Fälle einer Infektion mit dem Vogelgrippevirus, 262 davon mit Todesfolge. Nachdem die erste Aufregung um das Virus verflogen war, wurde es auch still um Tamiflu. Der Umsatz drittelte sich im vergangenen Jahr auf 609 Mio Fr.

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Umsatzsprung von 203 Prozent

Die rasante Verbreitung der Schweinegrippe bringt nun einen erneuten Nachfrageboom. Die Angst geht wieder um. Immerhin wurden nach Angaben der WHO seit April 150000 Infektionen gemeldet, davon 700 Todesfälle. Als eines der wenigen verfügbaren virenhemmenden Grippemittel kommt auch Tamiflu wieder ins Spiel. Um einer noch stärkeren Verbreitung der neuen Seuche vorzubeugen, aktivierte Roche bereits Anfang Mai auf Drängen der WHO ihre Tamiflu-Notvorräte von 3 Mio Packungen.

Die neue Angst beschert dem Basler Konzern nun wie bereits vor drei Jahren Rekordumsätze. So berichtete das Unternehmen über einen Umsatzanstieg im 1. Halbjahr um 9% auf 24 Mrd Fr. Ein Grossteil des Anstiegs entfällt auf Tamiflu. Beim Grippemittel kletterten die Erlöse in den sechs Monaten nämlich um 203% auf 1 Mrd Fr. Im Gesamtjahr will Firmenchef Severin Schwan mit dem Grippemittel sogar 2 Mrd Fr. erlösen. Der um Sondereffekte bereinigte Gewinn soll dabei um mindestens 10% zulegen.

«Allein durch Tamiflu steigt der Gewinn bei Roche in diesem Jahr um etwa 5%», sagt Fabian Wenner, Branchenanalyst bei der UBS. Kein Wunder, dass die Aktie des Unternehmens seit Bekanntwerden der ersten massenhaften Verbreitung von Grippefällen in Mexiko deutlich zulegen konnte. Ende April beispielsweise ging der Roche-Kurs an einem einzigen Tag nach gemeldeten Fällen in den USA um rund 10% nach oben.

Wettrennen um Impfstoff

Aber nicht nur Roche und die japanische Partnerin Chugai sind via Tamiflu Profiteure der Schweinegrippe. Auch andere Pharmakonzerne zählen zu den Gewinnern. So arbeiten gleich mehrere grosse Konzerne fieberhaft an einem Impfstoff gegen das neue Virus. Novartis begann Anfang Juni mit der Produktion eines Impfstoffs.

Vor der Zulassung des Impfstoffs durch die Gesundheitsbehörden laufen derzeit allerdings noch klinische Tests. «Die Ergebnisse dieser Tests dürften wir Anfang September haben. Die Auslieferung des Impfstoffs sollte dann im 4. Quartal erfolgen», sagt Novartis-Sprecher Eric Althoff.

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Auch der britische Pharmakonzern GlaxoSmithKline ist im Rennen um die staatlichen Impfbudgets. So planen die Briten die Produktion ihres Grippemedikaments Relenza, das ähnliche virenhemmende Eigenschaften besitzt wie Tamiflu, bis Ende des Jahres auf 190 Mio Dosen zu verdreifachen. Auch in Hinblick auf einen Impfstoff zeigt sich der Konzern aus Brentford zuversichtlich. Die Pharmaexperten wollen ihr Serum gegen die Schweinegrippe noch im 2. Halbjahr ausliefern. Immerhin konnten die Briten im Vertrieb schon gute Erfolge vorweisen und melden hier weltweit bereits den Abschluss von Verträgen über die Lieferung von 195 Mio Dosen eines Impfstoffs.

600 Mio Dosen des Impfstoffs im Wert von 4,3 Mrd Dollar wurden nach Angaben der US-Bank JP Morgan bisher von Regierungen rund um den Globus geordert. Davon sollen nach Angaben der Banker rund 1,4 Mrd Dollar Umsatz auf Glaxo und 1 Mrd auf Novartis entfallen. «Der Gewinn bei Novartis dürfte infolge des Schweinegrippeimpfstoffs in diesem Jahr um etwa 5 bis 7% höher ausfallen», schätzt UBS-Pharmaexperte Wenner.

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Trotz der raschen Ausbreitung der Seuche gibt es auch beschwichtigende Stimmen, die in der Schweinegrippe nicht die grosse Gefahr sehen. Einige Experten halten die saisonale Grippe mit etwa 10000 Todesfällen in Europa im Jahr für wesentlich gefährlicher.

«Die saisonale Grippe trifft oft ältere Menschen. Von der Schweinegrippe ist vor allem die arbeitende Bevölkerung betroffen. Aus Angst vor Arbeitsausfällen und den negativen wirtschaftlichen Folgen - auch Steuerausfällen - treffen viele Staaten Vorsichtsmassnahmen», weiss Analyst Wenner.