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Rüstungsgeschäft
Russland-Deal ist kein Einzelfall: Weitere Probleme bei Ruag

Ruag
Ruag-Logo in Thun: Letzten Donnerstag kam es zu Hausdurchsuchungen im Berner Oberland.Quelle: Keystone

Bei Ruag Ammotec gab es neben Russland mindestens zwei weitere Compliance-Problemfälle. Im letzten Herbst musste der Divisionschef gehen.

Von Sven Millischer
am 28.03.2018

Es ist das Stelldichein der globalen Rüstungsbranche, die Waffenmesse Idex im Wüstenstaat Abu Dhabi. Sie findet alle zwei Jahre statt, jüngst Mitte Februar 2017. An der Idex war auch Ruag vertreten. Am Stand des Rüstungsbetriebs war auffällig oft der Moskau-Leiter der Bank Julius Bär anzutreffen. Warum, ist erst jetzt klar, nachdem die «Handelszeitung» vergangene Woche dessen Rüstungsgeschäfte aufgedeckt hat.

An der Idex wandte sich auch ein Zuger Waffenhändler erstmals an den Rüstungsbetrieb. Er lieferte Hinweise zu mutmasslich verdeckten Russland-Deals eines Ruag-Managers. Dieser Kadermann der Munitionsdivision Ammotec wurde inzwischen freigestellt. Die Bundesanwaltschaft durchsuchte letzte Woche sein Büro am ­Ammotec-Sitz in Thun

Mit den brisanten Infos zum Ruag-Manager wandte sich der Whistle­blower in Abu Dhabi direkt an den ­damaligen Leiter der Munitionsdivi­sion, Ammotec-Chef Cyril Kubelka. Die Folgen: keine. «Dass Herr Kubelka bereits früher über diese Angelegenheit informiert worden sein soll, ist uns nicht bekannt», sagt eine Ruag-Sprecherin. Man habe Kenntnis vom Vorfall, seitdem sich ein Whistleblower Anfang 2018 an die Compliance der Firma wandte. Ruag eröffnete da­raufhin eine interne Untersuchung.

Probleme in Ungarn

Zum Zeitpunkt der Untersuchung ist Cyril Kubelka, den der Whistle­blower als Ersten informierte, bereits nicht mehr Leiter der Munitions­division. Der Ammotec-Chef – seit 2004 im Amt – verliess Ruag Ende September. Man wünsche ihm für die ­Zukunft nur das Beste, liess sich Ruag-Chef Urs Breitmeier im Communiqué zitieren. Doch Kubelkas Abgang war nicht freiwillig erfolgt. Gegenüber der «Handelszeitung» räumt Ruag ein, dass es «aufgrund unterschiedlicher Auffassungen», unter anderem zur Governance, zum «Austritt des Divi­sionsleiters» kam.

Konkret stolperte Kubelka, wie mehrere Quellen bezeugen, über gravierende Compliance-Mängel in der Ruag-Munitionsproduktion im ungarischen Sirok. Das Werk stammt noch aus Sowjetzeiten. Die Ammotec-Fabrik im Nord­osten Ungarns taucht nämlich – anonymisiert – im Bericht «Prüfung des Compliance Management System – Ruag» auf, den die Eidgenössische ­Finanzkontrolle (EFK) im Oktober 2016 verfasste. Darin machen die Kontrolleure des Bundes schwere Versäumnisse im Werk aus. Die von der EFK besuchte Fabrik sei auch acht Jahre nach der Übernahme durch Ruag «faktisch nicht integriert». 

Die EFK listet alle Compliance-Mängel Punkt für Punkt auf: «Ein ­formelles internes Kontrollsystem ist nicht implementiert. Weisungen liegen kaum vor. Belege für abgerech­nete Spesen konnten nicht vorgelegt werden. (…) Wer welche Kompe­tenzen in Bezug auf finanzrelevante Vorgänge hat, ist im Einzelnen nicht formell geregelt. Genehmigungs­instanzen beim Einkauf sind nicht nachweisbar. Rechnungen sind nicht visiert.» Und so weiter und so fort.

«Verdunkelungsgefahr»

Nebst all diesen prozessualen Mängeln weisen die Kontrolleure auch auf praktische Missstände hin wie eine Bauvergabe, bei der aus­sergewöhnlich hohe Anzahlungen flossen. Oder ein IT-System, dessen Kunden- und Lieferantendaten nicht geschützt sind.

Der Passus zur Ammotec-Fabrik gipfelt darin, dass die EFK im Sommer 2016 der Ruag-Führung um Chef Urs Breitmeier die in Sirok gesammelten Fakten präsentiert, worauf die Top­manager einer «möglichst kurzfristig anzusetzenden Nachprüfung» zu­sagen. Doch stattdessen informieren Breitmeier und Co. die Hauptakteure bei Ammotec umgehend über die EFK-Befunde. Die Kontrolleure kon­statieren: «Somit besteht Verdun­kelungsgefahr, was den Nutzen der Abklärung infrage stellt.»

Auf die ­Verhältnisse in Sirok angesprochen, betont Ruag heute, dass «keine relevanten strafrechtlichen Verstösse» festgestellt wurden. Man habe Massnahmen eingeleitet und sich vom Standortleiter getrennt. 

Fall in Florida 

Nicht nur im Osten lag einiges im Argen bei Ammotec. Unter der Ägide des damaligen Divisionsleiters Kubelka gab es einen weiteren Fall. Die ­Munitionssparte übernahm 2009 die in Tampa, Florida, domizilierte Precision Ammunition LLC. Der Betrieb stellt Spezialmunition her. Gründer der Muni­tionsfabrik im Sonnenstaat ist ein Mann namens Daniel L. Powers. Der Patron wurde nach der Übernahme durch die Schweizer zum «CEO Ruag Ammotec USA» gekürt.

Allerdings ist es zu Beginn um den Zukauf durch die Schweizer nicht zum Besten bestellt, geschäftlich wie personell. Die amerikanische Ammotec schreibt im Jahr der Übernahme rote Zahlen, wie ein Bericht der deutschen Zwischen­holding dokumentiert. Der Absatz harzt, die Fertigung stockt. Doch schlimmer als die geschäftlichen Probleme wiegt, dass bei Ammotec USA offenbar getrickst ­wurde.

So kam es 2011 zu verschiedenen widerrechtlichen Handlungen. Konkret: zu fiktiven Munitionsentsorgungsgeschäften und privaten Waffenverkäufen. Der damalige Ammotec-USA-Chef soll aus diesen Aktivitäten unrechtmässige Profite im hohen sechsstelligen Bereich erzielt haben.

Unbewusste Risiken miteingekauft

Auch dieser Compliance-Fall war Chef Kubelka gemeldet worden. Aber Powers wurde sowohl straf- wie zivilrechtlich nie von Ruag belangt. Zu den Machenschaften in Florida schreibt der Rüstungsbetrieb: Der Vorfall in Tampa sei intern von Ruag Ammotec selbst aufgedeckt worden. «Es wurden Massnahmen eingeleitet und das Arbeitsverhältnis mit dem betroffenen Mitarbeiter wurde gekündigt», sagt die Sprecherin. Die Konzernspitze sei über den Vorfall im Bild gewesen.

Dass das Compliance-«Issue» nach einer Akquisition passierte, ist kein Zufall. So spricht die Eidgenössische Finanzkontrolle in ihrem Prüfbericht explizit Übernahmen an, wie jene der Precision Ammunition. Die Bundeskontrolleure bemängeln, dass bei Ruag eine «dezidierte Compliance Due Dilligence» bei Akquisitionen bisher «nicht systematisch» stattgefunden habe.

Fast schon prophetisch mutet deshalb das EFK-Fazit an: «Es könnten damit unbewusst Risiken miteingekauft worden sein.»

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