Die Reisebranche liegt aktuell auf der Intensivstation. Für Zehntausende Urlauber sind wegen der Corona-Pandemie die Träume von Erholung und Reisen geplatzt, während den Unternehmen die Einnahmen fehlen – sie kämpfen um ihr Überleben.

Zwar springt für die Rettung der Branche teilweise der Staat ein. Doch nach der Krise könnten die Eigentumsverhältnisse bei Schlüsselunternehmen andere sein als zuvor. So möchte Samih Sawiris nach Informationen von «Die Welt» die Mehrheit beim deutschen Reisekonzern FTI übernehmen – und dabei die alleinige Kontrolle über die Dachgesellschaft FTI Finanzholding.

Sawiris ist auch sehr stark mit der Schweiz verwurzelt: Seine Beteiligungsgesellschaft Orascom sitzt in Altdorf im Kanton Uri, in Andermatt betreibt der Milliardär ein Ferienressort. 

Die FTI-Gruppe geriet wie viele aus der Branche durch die Reisebeschränkungen in eine Notlage und musste jüngst 65'000 Urlauber zurückfliegen. Vorübergehend wurden alle Reisen gestoppt. Wie der Wettbewerber TUI, der einen Staatskredit über 1,8 Milliarden Euro bekommt, bat auch FTI den Staat um Hilfe. Jetzt wurde ein Finanzpaket in unbekannter Höhe geschnürt. An ihm beteiligen sich nach Unternehmensangaben der Bund, das Land Bayern und die Gesellschafter. So sei die Finanzierung für zwölf Monate gesichert, teilte FTI mit.

Doch dann liess ein neues Aktenzeichnen beim Bundeskartellamt aufhorchen. Demnach plant die Luxemburger Beteiligungsgesellschaft SOSTNT die Mehrheitsübernahme und alleinige Kontrolle bei der FTI-Dachgesellschaft. Hinter SOSTNT steht der ägyptische Touristik- und Hotelunternehmer Sawiris. Er stieg schon vor sechs Jahren bei FTI ein und hält inzwischen gut 33 Prozent. 2014 beteiligte sich Sawiris auch an der Reisebürokette Raiffeisen Touristik Group.

Die Auswahl und das Angebot würden bereits für den Herbst aufgestockt, teilt der Veranstalter mit. Reisen können gebucht und zur Not verschoben werden.

Der 63-jährige Milliardär ist also nicht nur eine Schlüsselfigur in der Entwicklung von Andermatt, sondern auch im deutschen Touristikmarkt. Über seine Schweizer Orascom Development Holding ist er in sieben Ländern engagiert: Sawiris baut Hotels, Ferienressorts und Yachthäfen, in Ägypten, Montenegro und im Oman sogar ganze Städte.

Die Gruppe betreibt 33 Hotels mit über 7200 Zimmern und kontrolliert nach eigenen Angaben 101 Millionen Quadratmeter Land. 

Zu einem möglichen Machtwechsel bei FTI ist vom Münchener Unternehmen selbst wenig zu hören. Wie es auf Anfrage heisst, ist «zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Übernahme durch den Gesellschafter Sawiris vollzogen». Sollte sich an den Beteiligungsverhältnissen etwas ändern, werde dies mitgeteilt, erklärte FTI.

Die Antwort deutet darauf hin, dass in den turbulenten Zeiten in der Branche vieles in Bewegung und schwer vorhersehbar ist. Zudem ist nicht bekannt, mit welchen Auflagen die aktuell vergebenen öffentlichen Kredithilfen an FTI verbunden sind. Offen ist auch, welche wirtschaftlichen Konsequenzen der Ägypter selbst in seinen Touristikaktivitäten zu verkraften hat.

Warten auf den Nachhol-Effekt

Ausländische Beteiligungen an grossen deutschen Reiseveranstaltern sind keine Besonderheit. So ist die russische Milliardärsfamilie Mordaschow über ihre Gesellschaft Unifirm mit knapp 25 Prozent Anteil größter Einzelaktionär der TUI und seit 13 Jahren an dem Konzern beteiligt. Die Familie Mordaschow ist in verschiedensten Geschäftsfeldern tätig, von der Stahlherstellung bis zum Goldbergbau.

Ob Sawiris bei FTI tatsächlich die Mehrheit übernimmt, bleibt abzuwarten. Der Münchner Konzern bereitet sich bereits auf das Ende der Coronavirus-Reisebeschränkungen vor und hofft auf einen Nachholeffekt. Die Auswahl und das Angebot würden bereits für den Herbst aufgestockt, teilt der Veranstalter mit. Reisen können gebucht und zur Not verschoben werden. FTI-Chef Gunz setzt auf eine «grosse Nachfragewelle, die sicher irgendwann kommen wird». Dafür rüste sich der Konzern.

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