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Formel 1
Sauber: Kurzer Boxenstopp

Formel 1_Sauber
Alfa Romeo Sauber: Auf der Piste gut unterwegs.Quelle: Getty Images

Der Rennstall wird in eine neue Gesellschaft verschoben. Die Eigentümer sind dieselben wie bisher - Sauber soll unabhängig bleiben.

Von Marc Badertscher
am 24.05.2018

An der sportlichen Front feiert das Formel-1-Team von Sauber seit Wochen Erfolge wie schon lange nicht mehr. Neuzugang Charles Leclerc fährt auf seinem Boliden inzwischen regelmässig in die Punkteränge. Beinahe ist in Hinwil ZH, der Homebase von Sauber, so etwas wie Ruhe und Kontinuität eingekehrt. Geldsorgen gibt es anders als früher zurzeit nicht, die Belegschaft wächst.

Doch hinter den Kulissen geschehen Dinge, die auf Veränderungen hindeuten. Eine neue Firma wurde gegründet, neue Verwaltungsräte an Bord geholt und eine ausserordentliche Teaminfo an die Belegschaft ausgesendet. Inzwischen wird bereits überall um Hinwil herum über intensivierte Kooperationen bis hin zum Verkauf des Rennstalls spekuliert. Alfa Romeo, Ferrari und Fiat-Lenker Sergio Marchionne: Das sind die Namen, die jetzt herumgereicht werden. Der Zeitpunkt ist nicht von ungefähr. In diesen Wochen beginnt die Konzeption des neuen Autos für die Saison 2019.

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Sergio Marchionne
Fiat-Chef Sergio Marchionne kontrolliert sowohl Ferrari wie auch Alfa Romeo. Die Pläne, die Formel 1 mehr zum Spektakel zu machen und weniger als Sport zu positionieren, lehnt er ab. Marchionne braucht nun mehr Macht in den Verhandlungen mit Formel-1-Besitzerin Liberty Media.
Quelle: Keystone .

Belegschaft informiert

Auslöser der Unruhen ist die vor kurzem neu gegründete Firma Islero Investments. Die Finanzgesellschaft hat ihren Sitz an der Zentrale des Rennstalls in Hinwil und im Verwaltungsrat sitzt Finn Rausing, passionierter Formel-1-Förderer und Mitglied der gleichnamigen schwedischen Erbenfamilie des Verpackungskonzerns Tetra Pak. Den Tetra-Pak-Erben gehört der Rennstall Sauber, nachdem sie ihn 2016 von Peter Sauber und der damaligen Teamchefin Monisha Kaltenborn übernommen und in das Finanzvehikel der Familie – die Westschweizer Longbow Finance – übergeführt hatten.

Nun ist Longbow Finance offenbar nicht mehr Eigentümerin von Sauber, sondern Islero Investments. Aus dem Umfeld von Hinwil heisst es, dass sich durch die Neustrukturierung nichts daran geändert habe, wer Sauber kontrolliere. «An einer internen Team-Information wurde der Belegschaft gesagt, dass Longbow einfach nicht die Öffentlichkeit suche, die halt mit der Formel 1 verbunden ist», sagt ein Kenner der Verhältnisse in Hinwil.

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Tetra-Pak-Erbe Finn Rausing hat seit Kindesalter ein Faible für den Motorsport. Bei Sauber eingestiegen waren er und seine Geschwister über das Family-Office Longbow Finance in Lutry VD. Das Vermögen von Finn Rausing beträgt laut «Forbes» 6,8 Milliarden Dollar.
Quelle: ZVG

Neue Verwaltungsräte an Bord

Tatsächlich äussert sich die Familie Rausing und auch Longbow Finance kaum je zu ihren Engagements. In diesem Fall aber bestätigt Pascal Picci, der Leiter von Longbow Finance in Lutry am Genfersee, den Sachverhalt: «Islero Investments hat die Position von Longbow Finance übernommen.» Und stellt auch gleich klar: «Sauber war und wird für die vorhersehbare Zukunft unabhängig bleiben.» Weiter will sich Picci nicht zum Thema äussern. Am Hauptsitz des Rennstalls sagen die einen, die Familie Rausing werde aus der Formel 1 aussteigen, wenn sich die Möglichkeit biete. Andere beharren darauf, dass ihr Engagement langfristig sei und sie den Wert von Sauber mindestens ebenso als Technologieunternehmen sähen.

Die Frage nach der Unabhängigkeit war bei Mitarbeitenden in Hinwil aufgekommen, weil Shelby du Pasquier erster Verwaltungsratspräsident von Islero Investments war. Der Finance-Spezialist der Anwaltskanzlei Lenz & Stähelin kennt Fiat-Lenker Sergio Marchionne persönlich und sitzt mit ihm seit Jahren zusammen im Verwaltungsrat des Prüfkonzerns SGS. Marchionne wiederum kontrolliert die Fiat-Töchter Ferrari und Alfa Romeo. Von Ersteren bezieht Sauber den Motor, mit Letzteren ist man Ende 2017 eine langfristige finanzielle Partnerschaft eingegangen. Personen aus dem Umfeld von Hinwil versichern allerdings, es gebe bei Islero absolut keine Verbindungen zu Marchionne oder Fiat. Islero sei ausschliesslich den bisherigen Eigentümern zuzuordnen. Inzwischen ist du Pasquier bei Islero denn auch ausgeschieden. Neu im Verwaltungsrat sitzen neben Picci und Rausing Teamchef Frédéric Vasseur, Fahrer-Manager und Anwalt Allessandro Alunni Bravi und der ehemalige liechtensteinische Aussenminister Ernst Walch, ebenfalls Anwalt.

Trotzdem wird das Verhältnis zwischen Sauber und Marchionne in nächster Zeit ein ganz heisses Eisen bleiben. Beide Parteien wollen etwas, was die andere bieten kann. In der Branche scheint es eine ausgemachte Sache zu sein, dass der Fiat-Chef gerne ein zweites Formel-1-Team kontrollieren würde. Nicht nur um Ferrari-Nachwuchsfahrer platzieren zu können, sondern ebenso im Hinblick auf die umstrittene Reform der Königsklasse des Motorsports, bei der die Macht der Spitzenteams vom neuen Formel-1-Eigner Liberty Media beschnitten werden soll. Ein zweites Team würde da die Verhandlungsmacht natürlich erhöhen. Die Partnerschaft zwischen Alfa Romeo und Sauber wäre da möglicherweise nur ein erster Schritt gewesen.

Delegation nach Maranello

Sauber wiederum will möglichst rasch über einen kompetitiven Rennwagen verfügen. Seit Monaten heuern die Hinwiler weiteres Personal an. Ohne Fachwissen und Unterstützung aus dem Fiat-Konzern, namentlich von Ferrari, wird das allerdings auf die Schnelle unmöglich. Der Bau eines deutlich verbesserten Wagens – intern gilt für das nächstjährige Modell immer noch die traditionelle Bezeichnung C-38 – braucht in der komplexen Formel-1-Welt einfach viel Zeit. Ohne mehr Kontrolle dürfte Marchionne seinerseits allerdings nur mässig daran interessiert sein, wichtiges Fachwissen nach Hinwil fliessen zu lassen. Immerhin verfügt Sauber über eine ansprechende Werkstätte, welche, solange unabhängig, auch wieder zum Konkurrenten werden könnte.

Die Gründung von Islero steht wahrscheinlich nicht unmittelbar in Zusammenhang mit den zwingend notwendigen Gesprächen zwischen Sauber und Marchionne. Aber es kann auch nicht schaden, wenn intern die Strukturen schon einmal geklärt sind, kommen irgendwann einmal doch grundlegende Fragen aufs Tapet. Anfang Juni soll eine Sauber-Delegation nach Maranello an den Hauptsitz von Ferrari reisen. Marchionne besichtigte die Hinwiler Produktionsstätte bereits letzten Herbst. Aus Italien heisst es, Marchionne möchte nun gerne bei der Wahl von Saubers neuem Technischen Direktor mitreden. Der für die Konzeption des neuen Rennwagens so wichtige Posten ist bei Sauber vakant, nachdem man sich kürzlich von Jörg Zander getrennt hat.

All diese Vorgänge sind Indizien dafür, dass die künftige Zusammenarbeit in den nächsten Monaten konkretisiert werden soll. Marchionne ist nur noch dieses Jahr Chef von Fiat. Es würde nicht erstaunen, sollte er nochmals aufs Pedal drücken wollen. Es wird interessant zu beobachten sein, wer wen besser ausbremst.