Für Firmen unserer Grösse ist der Gang an die Börse mit einem gewaltigen Aufwand verbunden, der viele Kräfte absorbiert», hält Hans-Rudolf Schurter, VR-Präsident und CEO der gleichnamigen Elektronikgruppe, fest. Ein Börsengang werde im Zusammenhang mit dem Nachfolgeprozess zwar als eine der Varianten diskutiert: «Aber er steht nicht im Vordergrund und erfolgt sicher nicht dieses Jahr.» Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass das Klima für ein Going public gut wäre.

Die Überlegungen zum Generationenwechsel – Schurter ist 57 – stünden noch am Anfang, und die Firma verfüge dabei über «den ganzen Handlungsspielraum». Das schliesst Kooperationen oder einen Verkauf ebenso mit ein. Doch es ist auch durchaus realistisch, dass Schurter unabhängig und ein reines Familienunternehmen bleibt. Potenzielle Nachfolger sind in den vier Schurter-Familienstämmen vorhanden, allerdings in einem Alter, dass es auf Stufe CEO «sicher zu einer Zwischenlösung kommt».

Umsatzplus dank Zukauf

Die Expansion kann das Unternehmen gemäss Hans-Rudolf Schurter mit den normalen Kre-ditlimiten finanzieren, die Investitionen der letzten Jahre wurden aus dem Cashflow bestritten. Die Gruppe verfolge eine konservative Finanzpolitik und verfüge über eine «starke Bilanz». Mit dem Kauf der Tessiner Firma Ticomel hat Schurter in diesem Frühjahr einen weiteren Wachstumsschritt gemacht. Er erhöht den Umsatz der Schurter-Gruppe auf gegen 210 Mio Fr., die Zahl der Beschäftigten auf 1700, verstärkt das EMV-Geschäft (Schutz von Geräten vor elektromagnetischen Störungen) und bringt ihr den Einstieg in die Elektronikfertigung (Leiterplatten). Im Bereich der mittleren und kleinen Stückzahlen könne man da «sehr interessante Dinge machen», sagt Schurter, und man sei daran, für das neue Tätigkeitsfeld eine Strategie zu entwickeln. Bisher war Schurter ein reiner Komponentenhersteller.

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Integration hat Vorrang

Zudem bringt Ticomel eine Produktionsgesellschaft in Rumänien mit. Das eröffnet neue Möglichkeiten. «Wir überlegen uns», so Schurter, «ob wir gewisse Produkte in Rumänien statt in Asien herstellen sollen.» Die Arbeitskosten seien mit den teureren Gegenden in China vergleichbar, und der Transport könne per Lastwagen erfolgen. Kommt hinzu, dass Schurter in Asien, unter anderem wegen der zahlreichen Konkurrenz und Sprachproblemen, nicht so recht vom Fleck kommt. Der Umsatzanteil Asiens liegt bei 9%, während 76% auf das gegenwärtig sehr gut laufende Europa und 15% auf die USA entfallen. Was Schurter in China produziert, kommt zu 95% nach Europa zurück, die chinesische Verkaufsorganisation befindet sich noch im Aufbau. Erfolgreicher ist Schurter in Indien, wo sie vor allem für den heimischen Markt produziert.
Und was heisst das für den Standort Schweiz? Schurter, die auch in Deutschland, Tschechien, der Slowakei und Frankreich produziert, konnte seit Beginn der Auslagerung in Billiglohnländer den Personalbestand in der Schweiz sogar leicht erhöhen. Aber es sind nicht mehr dieselben Arbeitsplätze: Die Qualifikationen sind gestiegen, und die Entwicklung ist nicht abgeschlossen. «Um die Arbeitsplätze auf diese Art in der Schweiz zu halten, braucht es Wachstum», ergänzt Schurter. Gegenwärtig entfallen auf Luzern noch etwa 40% der Produktion (ohne Ticomel), auf Mendrisio und Mellingen zusammen 10%.
Bezüglich weiterer Akquisitionen «schauen wir uns immer um», doch befinde sich «nichts in der Pipeline». Zunächst müsse nun die Ticomel integriert
werden. Von den bisherigen Bereichen laufen die Eingabesysteme (für Bancomaten und Tanksäulen) «ganz stark». Die Tastaturen, die Schurter für diesen Wachstumsmarkt liefert, werden kundenspezifisch gefertigt, während es sich bei den Komponen-ten (Sicherungen, Gerätestecker, Geräteschutzschalter) um Commodities handelt. Der gesund
diversifizierten Schurter kommt zugute, dass ihre Produkte unterschiedliche Konjunkturzyklen aufweisen.