Die Firma Telsey Managers residiert in Florida. An der Sunnyland Lane in Wellington nahe Boca Raton. Der Firmensitz ist eine palmengesäumte Villa samt Gestüt und Spa. Die US-Justiz beschlagnahmte die Residenz vor einem Jahr und fror die Vermögenswerte bei der Zürcher Bank EFG International ein. Telsey gehört Alejandro Andrade, der unter Hugo Chàvez venezolanischer Finanzminister war. Andrade, der auch ein Privatkonto bei der Tessiner BSI besass, sitzt inzwischen in den USA im Gefängnis. Verurteilt zu zehn Jahren wegen Geldwäscherei.

Der einstige Säckelmeister Venezuelas hat über 1 Milliarde Dollar Schmiergeld erhalten. Im Gegenzug gewährte Andrade den «Boliburgos» – der sozialistischen Wirtschaftselite – Zugang zum staatlichen Wechsel­kurs-Regime. Der Zugang ermöglichte aufgeblähte Devisengewinne in ­Milliardenhöhe.

Scheinkredite in Lokalwährung

Dazu nahmen korrupte ­Manager der staatlichen Ölgesellschaft PDVSA bei den Boliburgos Scheinkredite in Lokalwährung auf. Erstattet wurden die Darlehen zum staatlichen Vorzugskurs in US-Dollar. Die Erträge aus dem Geldwäsche-Schema gingen hernach über diverse Schachtelfirmen und Mittelsmänner auch auf Schweizer Bankkonten. Und von dort meist weiter in die USA, wo die Salonsozialisten unter der Sonne Floridas dem Kapitalismus frönten.

Auf Druck der Amerikaner sind nun Justizbehörden rund um den Globus dabei, diesen Raubzug am Volksvermögen zu ahnden. So auch in der Schweiz. «Beim Bundesamt für Justiz (BJ) sind im PDVSA-­Verfahrenskomplex rund ein Dutzend Rechtshilfeersuchen eingegangen», sagt eine BJ-Sprecherin. Eines davon hat das US-Justizministerium im März 2018 gestellt. In einem Urteil des Bundesstrafgericht, heisst es dazu: «Mehr als 4,5 Milliarden Dollar wurden unterschlagen, hauptsächlich durch die Eröffnung von Konten in der Schweiz durch B.

Er soll auch 22 Millionen Dollar durch Provisionen erhalten haben, von denen einige für den Kauf von Immobilien in den Vereinigten Staaten verwendet wurden.

«Er nutzte zahlreiche Mantelgesellschaften, um keine Aufmerksamkeit zu erregen»

Aus einem Memo des US-Justizministeriums an die Schweizer Behörden

Es handelt sich dabei um den bislang grössten Fall im PDVSA-Komplex. Hinter B. verbirgt sich ein 43-jähriger Franzose, der zwischen 2011 und 2013 als Direktor für die Genfer Compagnie Bancaire Helvétique (CBH) arbeitete. B. war der Vertrauensbanker zweier Boliburgos. «Er hat dafür gesorgt, dass die veruntreuten Dollar von PDVSA-Konten auf CBH-Konten flossen. Dazu nutzte er zahlreiche Mantelgesellschaften, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, indem ein einzelnes Unternehmen zu hohe Beträge erhielt», schreiben die US-Strafverfolger in einem Memo an die Schweizer Behörden, aus dem der «Miami Herald» jüngst zitierte.

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Das Schema belaufe sich auf 4,5 Milliarden Dollar, «wobei ein Grossteil dieses Betrags über CBH abgewickelt wurde». Ein Anwalt der Bank schreibt auf Anfrage, dass der Artikel «falsche und diffamierende Aussagen» enthalte: CBH ergrei­­fe dagegen «entsprechende Mass­nahmen». Doch nicht nur die US-Zeitung sieht die Genfer Bank im Venezuela-­Sumpf: Gemäss dem Antikorruptions-Blog «Infodio» flossen 3,5 Milliarden Dollar über Konten der CBH, die restliche Milliarde über EFG. Die Zürcher Bank will sich nicht äussern.

Hinweise im Jahresabschluss

Hinweise auf grössere Währungstransaktionen finden sich auch im CBH-Abschluss. Im Jahr 2012 stieg der Handelsgewinn der Genfer nämlich sprunghaft an, «was zum Teil auf einige Kunden zurückzuführen ist, die sehr aktiv in Währungstransaktion sind». Die Erträge aus dem Devisenhandel betrugen damals 26 Mil­lionen Franken. Ein Plus von 240 Prozent.
Ab 2012 flossen PDVSA-Gelder von der Miami-Filiale der inzwischen liquidierten Banco Espirito Santo auf CBH- und EFG-Konten und von dort weiter. Dokumentiert ist beispielsweise ein Einzeltransfer über 367 Millionen Dollar von einem Schweizer Konto.

Ein lukratives Geschäft: Der CBH-Banker verdiente gemäss «Miami Herald» 75 Basispunkte an jeder Ein- und Auszahlung und machte so mit den Boliburgos 22 Millionen Dollar an Provisionen, die er in Liegenschaften in Miami Beach und der Karibik investierte.

Das Logo der Bank EFG, aufgenommen am Mittwoch, 23. Juli 2014, in Zuerich. Die Privatbankengruppe EFG International weist fuer das erste Halbjahr 2014 einen Reinverlust von 6 Millionen Franken aus, dies gegenueber einem Gewinn in der Vorjahresperiode von 84,5 Millionen Franken. Der Grund fuer den Fall in die roten Zahlen sind hohe Rueckstellungen fuer das US-Steuerprogramm sowie fuer eine Busse in der Schweiz. (KEYSTONE/Steffen Schmidt)

EFG International

Zu den Kunden gehörte eine Firma namens Violet Advisors zweier venezolanischer Financiers. 1 Milliarde Dollar an veruntreuten Geldern der Ölfirma PDVSA sollen über EFG geflossen sein.

Quelle: Keystone
Eine Filiale der Genfer Bank

CBH

Über die Genfer Bank sollen 3,5 Milliarden Dollar an veruntreuten PDVSA-Geldern geflossen sein. CBH sagt: «Man hat nie Geldwäsche oder rechtswidrige Bankgeschäfte betrieben oder erleichtert.»

Quelle: Getty Images

Panama-Firmen vor Bundesgericht

Jene 4,5 Milliarden an aufgeblähten Devisendeals sind allerdings nur ein Verfahrensstrang. Der PDVSA-Fall hat noch weitere. Einer wurde vor wenigen Wochen als US-Rechtshilfegesuch vor dem Bundesgericht in Lausanne verhandelt. Es geht um vier Panama-Gesellschaften mit Schweizer Bankkonten, die einem venezolanischen Geschäftsmann gehören. Der Mann hat sich im Frühsommer in Houston schuldig bekannt, den General Manager einer PDVSA-Einkaufsgesellschaft mit 650 000 Dollar bestochen zu haben, um Aufträge abzusichern. Das Schmiergeld floss in Tranchen von Schweizer Konten. Die edierten Bankunterlagen füllen gemäss Bundesgerichtsurteil «33 Bundesordner».

Um die Bestechungsgelder zu parken, setzte der PDVSA-Manager hernach auf die Dienste einer Zürcher Vermögensverwalterin. Die 52-jährige Schweizerin wurde im Juli in Italien aufgrund eines internationalen Haftbefehls der Amerikaner verhaftet. Die externe Vermögensverwalterin benötigte kontoführende Banken für ihre Lateinamerika-Kundschaft. Gemäss einer gut informierten Quelle arbeitete die Frau dabei unter anderem mit den External Asset Manager Desks der Credit Suisse und der Bank Julius Bär zusammen.

Gegen beide Banken hat die Finma ein Enforcement-Verfahren eröffnet, das auch deren Venezuela-Geschäft umfasst. Das Verfahren gegen die CS schloss die Aufsicht im September 2018 ab und stellte auch in Bezug auf PDVSA «Mängel bei der Einhaltung der Sorgfaltspflichten im Bereich der Geldwäschereibekämpfung» fest. Im selben Zeitraum weitete die Finma ihr Enforcement gegen Bär auf PDVSA aus. Gemäss NZZ soll die Zürcher Bank «700 heikle Venezuela-Konten» identifiziert haben. In Gerichtsunterlagen zu PDVSA-­Fällen tauchen aber noch weitere Schweizer Banken auf wie etwa die Genfer HSBC Suisse oder das Tessiner Institut Zarattini.

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Die Finma führe «verschiedene Enforcement-Verfahren», sagt ein Sprecher, «um konkreten Hinweisen auf Verstösse gegen die Geldwäschereibestimmungen mit Südamerika-Bezug nachzugehen». In einigen dieser Fälle werde auch das Verhalten im Zusammenhang mit PDVSA abgeklärt, so die Finma.

Kommentar

Die Banken sollten gewarnt sein

Der Geldwäschereisumpf rund um PDVSA, die staatliche Ölfirma Venezuelas, hat gigantische Ausmasse: Allein im aktuellen Verfahrensstrang, den sich die US-Strafverfolger vorknöpfen, sollen rund 4,5 Mil­liarden Dollar über Schweizer Banken geflossen sein.

Der Fall datiert zurück auf das Jahr 2012 und ist damit symptomatisch fürs Swiss Banking in der Post-Bankgeheimnis-Ära. War über Jahrzehnte Steuervermeidung das Alleinstellungsmerkmal der internationalen Vermögensverwaltung, musste sich das Crossborder-Geschäft mit dem Ende des Bankgeheimnisses neu erfinden. Angesichts des anhaltenden Margen- und Regularisierungsdrucks in den Industrienationen erschlossen sich die Privatbanken neue Märkte in Schwellen- und Entwicklungsländern.

Ein ideales Umfeld für lukrative Geschäfte, denn mangelhafte Rechtsstaatlichkeit, politische Instabilität und mögliche Gefährdung an Leib und Leben lassen die Schweiz und ihre Banken als sicheren Hafen erscheinen. Dafür sind dortige Vermögende gerne zu bezahlen bereit.

Doch just jene Risikofaktoren können auch auf die Finanzinstitute zurückschlagen. Denn so unsicher und korrupt das Umfeld, so delikat sind Fragen nach der Quelle des Vermögens. Papier ist geduldig: Der vermeintlich seriöse Unternehmer entpuppt sich plötzlich als Handlanger eines Despoten. Die Banken sollten gewarnt sein.

sven.milischer@handelszeitung.ch