Im Labor kultiviertes Fleisch zählt zu den vielversprechendsten Zukunftstrends in der Nahrungsmittelindustrie. Beobachter attestieren dem «falschen Fleisch» aus dem Bioreaktor mehr Potenzial als den pflanzlichen Burgern, mit denen Beyond Meat, der Senkrechtstarter aus den USA, und Nestlé, aber auch der Schweizer Convenience-Produzent Hilcona den Konsumenten den Abschied vom tierischen Fleisch schmackhaft machen.

Nun macht sich ein erstes Schweizer Startup auf, den künftigen Milliardenmarkt zu erobern. Es heisst Mirai Foods (japanisch für: die Zukunft) und kommt aus Wädenswil ZH. In knapp einem halben Jahr ist es dem Startup gelungen, vier Mini-Burger aus kultivierten tierischen Zellen herzustellen.

«Wir haben die Mini-Burger Mitte Juli interessierten Investoren zur Verköstigung vorgesetzt, sie fanden sie sehr gut», sagt Fedon Moog, Chief Operating Officer von Mirai Foods.

Die Kosten: So viel wie ein PKW pro Kilo

Das Problem dabei: Noch bewegen sich die Produktionskosten für ein Kilogramm kultiviertes Rindshackfleisch in der Grössenordnung der Anschaffungskosten für einen grossen PKW.

Ein Grund ist unter anderem, dass die Nährlösungen, die für die Kultivierung der Zellen verwendet werden, die gleichen sind, wie sie in der Pharmaindustrie verwendet werden, und dass sie deshalb besonders hohe Standards erfüllen und entsprechend teuer sind.

Es werde entscheidend sein, dass die Lieferanten von Nährlösungen Produkte für die Fleischherstellung im Reaktor entwickelten – und das sei teilweise auch schon der Fall, sagt Fedon Moog.

Keine Lust auf die Nische

Doch die Nährlösungen sind nur ein Punkt. Das Unternehmen hat achtzig Einzelmassnahmen bei der Produktion identifiziert, um die Kosten so weit zu senken, dass das künstlich hergestellte Fleisch mit dem vom lebendigen Tier konkurrenzfähig ist. Denn: Das Fleisch von Mirai Foods soll kein Nischenprodukt werden.

«Unser Fleisch soll einmal so viel kosten wie konventionell hergestelltes Rindfleisch aus dem Supermarkt», sagt Fedon Moog. «Wir wollen den unreflektierten Fleischesser erreichen, nicht diejenigen, die ohnehin schon für das Tierleid und die Umweltbelastungen sensibilisiert sind, die mit der heutigen Fleischproduktion verbunden sind, und die deshalb auch bereit sind, tiefer ins Portemonnaie zu greifen.»

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Keine Gentechnik und keine Chemie

Auch bei der Wahl der Technik macht Mirai Foods keine Kompromisse. «Wir arbeiten mit Stammzellen», sagt Fedon Moog; «aber nicht mit solchen, aus denen noch verschiedene Arten von Körperzellen entstehen können, sondern nur noch Muskel- und Fettzellen»; dadurch sei es nicht nötig, die Zellen chemisch oder gentechnisch zu verändern, damit sie die gewünschten Zellen produzierten.«Wir müssen den Zellen nicht mehr sagen, was sie werden sollen, wir müssen sie nur noch füttern, damit sie sich vermehren.» Das unterscheide Mirai Foods von den meisten anderen Startups, die daran arbeiteten, kultiviertes Fleisch auf den Markt zu bringen. «Wir sind überzeugt, dass diese Lösung besser von den Konsumenten akzeptiert ist.»

Die Stammzellen stammen von Edel-Rassen

Die Stammzellen für die ersten Mini-Burger, die Mitte Juli in einem Zürcher Burger-Restaurant verköstigt wurden, stammten aus den Hüften einer Weissblauen Belgierin und einer Wagyu-Beef-Kuh. Die Weissblaue Belgierin gilt als regelrechtes Muskelpaket, die Rasse ist so überzüchtet, dass deren Haltung in der Schweiz faktisch verboten ist. Wagyu Beef (auch Kobe-Fleisch) gilt als besonders zart und schmackhaft. 

Das Startup will möglichst schweizerisch bleiben. Ziel ist es, in der Schweiz zu produzieren. «Wir haben das durchgerechnet, das sollte möglich sein», sagt Fedon Moog. Das Teure an der Produktion von Fleisch im Labor seien die Nährlösungen, die Kosten für Personal und Strom seien hingegen nicht entscheidend.

Ein Ex-Novartis-Forscher als Gründer

Mirai Foods wurde vor einem Jahr von Christoph Mayr und Suman Kumar gegründet. Christoph Mayr blickt auf eine bemerkenswerte Karriere in der Nahrungsmittelindustrie zurück. Er war Mitgründer und Chief Operating Officer des Südkorea-Geschäfts von Delivery Hero, einer in Deutschland kotierten Online-Plattform für Essensbestellungen; das Unternehmen wickelte 2019 rund 666 Millionen Essensbestellungen weltweit ab.

Suman Kumar kommt aus der Biotech-Industrie. Er war sieben Jahre als Forscher bei Novartis tätig, wo er sich mit der Physiologie von Stammzellen befasste und ein 3D-Bioprinting für mit Crispr modifizierte Muskelzellen und Stammzellen mitentwickelte.

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Nun steht eine Finanzierungsrunde an

Als Nächstes will Mirai Foods nun eine Finanzierungsrunde über 2,5 Millionen Franken abschliessen. Gespräche mit Family Offices und mit anderen Risikokapitalgebern laufen. Eine Zusammenarbeit mit einem der beiden Grossverteiler stehe im Moment nicht im Vordergrund, sagt Fedon Moog: «Unser Ziel ist es, möglichst unabhängig zu bleiben.»

Beide Schweizer Grossverteiler haben die Fühler bereits ausgestreckt in Richtung kultiviertes Fleisch. Migros ist an der israelischen Aleph beteiligt, Coop ist bei der niederländischen Mosa Meat investiert, einem Unternehmen, das ähnlich vorgeht wie Mirai Foods, aber schon ein grosses Stück weiter ist. Weltweit arbeiten Dutzende von Startups an kultiviertem Fleisch.

Bis zur Lancierung wird es dauern

Einen Termin, wann das erste Hackfleisch von Mirai Foods in die Regale der Supermärkte kommen wird, will Fedon Moog nicht nennen. «Wir wollen keine falschen Erwartungen wecken», aber ein paar Jahre werde es wohl schon noch dauern, bis es so weit sei; er rechne damit, dass allein schon der Bewilligungsprozess zwei bis drei Jahre in Anspruch nehmen werde.

Bei der Fleischproduktion im Bioreaktor werden die biochemischen Prozesse nachgebildet, die beim Tier dazu führen, dass es Muskelzellen aufbaut und Fleisch produziert. Der Ressourcenverbrauch liegt rund zehnmal tiefer als bei der konventionellen Fleischproduktion.

Oder anders gesagt: Um die Nährlösungen – im wesentlichen sind es Zuckerlösungen – für ein Kilogramm Fleisch im Bioreaktor zu produzieren, muss zehnmal weniger Land bebaut werden, als um das Futter zu produzieren, das eine Kuh braucht, um Gras oder Soja in Fleisch zu verwandeln.

Problematische Fleischindustrie

Die industrielle Fleischproduktion ist mit unendlichem Tierleid verbunden. Weltweit werden jährlich mehr als 70 Milliarden Tiere für den Verzehr geschlachtet (Stand 2018), 67 Milliarden davon allein Hühner. Zudem ist der Fleischkonsum ein ökologisches Desaster.

Fast ein Fünftel der weltweiten Treibhausgasemissionen wird allein durch dadurch verursacht, dass Waldflächen für den Anbau von Futtermitteln gerodet werden. 35 Prozent des weltweit angebauten Getreides wird als Tierfutter verwendet, in Deutschland sind es sogar 60 Prozent.

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