Die Swatch Group ist nicht nur der grösste Uhrenhersteller der Schweiz, sondern auch eine wichtige Lieferantin für Uhrwerke und Einzelteilen für Uhrwerke. Die Swatch-Tochter ETA mit Sitz in Grenchen beschäftigt rund  rund 8'000 Angestellte und gilt neben dem zweitgrössten Volumenhersteller Sellita weltweit als Marktführerin bei der Herstellung von Uhrwerken.

Nur wenige Uhrenmarken  wie Rolex, Patek Philippe,  Zenith, Nomos oder Jaeger-LeCoultre sind überhaupt in der Lage, komplette eigene Werke produzieren. Doch selbst diese greifen teilweise auf Teile von der Swatch Group zu. Insbesondere ein Schlüsselbauteil jeder mechanischen Uhr, die  Spiralfeder, welche die Uhr taktet, stammt bei vielen Marken von der Swatch Group.

Die ETA entstand aus der Zusammenlegung von mehreren Herstellern während der Quartzkrise und liefert fertig montierte Uhrwerke auf die der grösste Teil der Schweizer Uhrenindustrie zugreift.

Die dominierende Marktstellung der ETA respektive der Swatch Group bei den Uhrwerken war der Schweizer Wettbewerbskommission ein Dorn im Auge. Seit 2003 kam es immer wieder zu Prüfungen und Verfahren. Vor zwei Monaten entschied die Weko, die ETA von Ihren jahrzehntelangen Lieferverpflichtungen zu entbinden und die Untersuchungen einzustellen. Die Swatch Group darf nun selbst bestimmen, welche Konkurrenten sie mit Werken beliefern will.

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Eigenes Uhrwerk

Ein Team aus Biel möchte nun eine Uhrwerk-Alternative zu Swatch anbieten. Mit einem eigenen Uhrwerk bekannt unter dem Namen K1 hat die Uhrenmarke Horage von Andi Felsl bereits für Aufsehen in der Branche gesorgt. Nun stellte das Engineering Team unter Leitung von Jonas Nydegger und Felsl ein weiteres Werk vor. Es heisst K2 und soll die Qualitäten von Industrie- und Manufaktur-Uhrwerken in sich vereinen. Entwickelt wurde das K2 bei der Firma The Plus, einem Schwesterunternehmen von Horage, ebenfalls in Biel beheimatet. 

Mit der Präsentation des K2 Uhrwerks wagt das Team etwas, das in der helvetischen Uhrenbranche fast schon unerhört ist. Nämlich die industrielle Produktion von Uhrwerken durch ein KMU. The Plus wolle  mit «einem innovativen, aber trotzdem industriellen Konstruktionsansatz der Philosophie von ETA» folgen, sagt Felsl. Nur wenige haben in den letzten Jahrzehnten den Schritt in die industrielle Uhrwerksentwicklung gewagt. 

Felsl jedoch begann bereits 2008 mit der Entwicklung des K1 Werks und legte damit die technischen Grundlagen zur industriellen Fertigung. Er ahnte, dass die ETA nicht für ewig ein Lieferant für alle Marken sein wird.. Weil so eine Entwicklung langwierig, kompliziert und kostspieliger als die eines reinen Manufakturwerkes ist, bezogen die meisten Hersteller ihre Werke und Teile bei ETA. «Heute stehen viele Uhrenmarken mangels Investitionen in eigene Entwicklung mit leeren Händen da», sagt Felsl. 

Uhrwerk Horage

Das Uhrwerk K2. 

Quelle: ZVG
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Felsl geht es aber nicht darum, Swatch und ETA zu konkurrenzieren, sondern er sagt: «Die Schweizer Uhrenindustrie muss ihre Vielfalt beibehalten, um wettbewerbsfähig zu bleiben.» Die Verdienste der Familie Hayek und Swatch seien einmalig, weil sie es geschafft hat, effizient qualitativ hochwertige Uhrwerke herzustellen – und natürlich auch kostengünstig. Felsl sagt: «Die Entscheidung von Hayek die Werkproduktion nach der Krise zu konsolidieren und zu standardisieren war richtig.»

Digitalisierte Herstellung

Doch laut Felsl hätten sich die Zeiten geändert: «Wenn ich mir jetzt eine Uhr kaufe, dann interessiert mich nebst dem Design, die Firma dahinter, die Geschichte, das Erbe, und vor allem, wie sie hergestellt wird. Das fasziniert die Leute an mechanischen Uhren», sagt der Mann aus Bayern.

Wegen dieser Marktveränderung aber auch der Faszination für anspruchsvolle Mechanik hat er Uhrwerke für die eigene Marke entwickelt: «Es ist business-technisch besser, unabhängig zu sein, auch wenn es eine sehr kostspielige Angelegenheit ist», meint Felsl. Heute müsse man ein innovatives Produkt und eine gute, authentische Geschichte vorweisen, um den Preis einer Uhr rechtfertigen zu können, ist er überzeugt. Die gesamte Entwicklung und das Steuern der Uhrwerks-Produktion «laufe komplett auf der Cloud», so der Uhren-Afficiando. Die Digitalisierung helfe, ein solch komplexes Produkt wie ein Uhrwerk in kleinerer Stückzahl wirtschaftlich herzustellen. 

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Uhrenherstellung Horage
Quelle: ZVG

Suche nach Marken-Partnern läuft

Das K2-Werk betrachtet Entwicklungsleiter Jonas Nydegger als einen Systembaukasten. «Es ist eine Ansammlung von sehr schwierigen Teilen mit extrem kleinem Toleranzspielraum. Ein Uhrwerk so zu entwickeln, dass es in einer grösseren Menge herzustellen ist, bedeutet eine echte Herausforderung. Deshalb hat es fast keiner bis heute gemacht», sagt Nydegger.

Viele hätten das Know-how nicht oder es fehle der Wille dieses intern zu entwickeln, nachdem man sich «jahrelang bequem bei der ETA bedienen konnte», so Nydegger. Die kostenintensive Entwicklungszeit möchte das Team mit Kooperationen wieder wett machen. «Wir öffnen die Türen und laden Uhrenmarken, die kein eigenes Werk haben ein, sich bei uns zu beteiligen.» Das, so ist festzuhalten, ist eine kleine Sensation.

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Dabei würde man Marken-Partner favorisieren, die ihre Positionierung als unabhängige Uhrmacher stärken wollen. So können Firmen bereits ab einer Stückzahl von nur 300 Uhrwerken einsteigen. «Die Eintrittsbarriere wurde bewusst tief gesetzt, damit auch kleinere Uhrenhersteller die Möglichkeit haben, sich zu beteiligen. Partner hätten bis Ende des Jahres Zeit sich zu bewerben und dann würden acht Marken für das K2-Projekt ausgewählt. Die ersten Uhrwerkmuster würden 2021 geliefert, die Serienlieferung erfolgt 2023. 

Tourbillon 1

Uhr aus der eigenen Horage-Produktion: Die Tourbillon 1.

Quelle: ZVG
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Ein Konflikt zu ETA und der Swatch Group sehen die beiden nicht. «Wir sind zufrieden, wenn wir zwischen 50'000 bis 100'000 Stück künftig herstellen. Die Swatch macht vermutlich sechs Millionen pro Jahr», winkt Felsl ab. Die Positionierung innerhalb der Branche sei anders – deshalb ist das Werk von Horage auch teurer als das von ETA. «Wir sehen uns als industrielle Manufaktur». Man wolle eine Alternative anbieten – «unser Werk ist modularer und bietet deshalb einen Mehrwert», sagt Felsl. Zudem ist Wettbewerb auch für die Swatch Group wichtig, da sie weiterhin unter Beobachtung der Wettbewerbshüter steht. 

Das Team um Felsl wünscht sich sowieso eine andere Schweizer Uhrenindustrie: «Junge und neue Marken sollten mehr auf Kollaboration und Zusammenarbeit setzen als auf Hardcore-Konkurrenz», so Felsl. Die Schweizer Uhr könne nicht nur aus zwei, drei Marken bestehen, sondern am besten aus vielen verschiedenen mit hoher Uhrmacher-Kompetenz und einer authentischen Geschichte.

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