Rauf und runter geht es bei Siegfried, dem Pharmaspezialisten mit Hauptsitz im aargauischen Zofingen. Das Jahr 2002 hatte das Unternehmen mit einem Rekordergebnis abgeschlossen, 2003 mussten über 130 Stellen abgebaut werden und nun durchleuchtet McKinsey die Gesellschaft. Höchstwahrscheinlich kommt es zu neuerlichen Entlassungen. «Vor allem bei der Kundensynthese für die Pharmaindustrie gibt es weltweit grosse Überkapazitäten», wie Siegfried-Sprecher Peter Gehler auf Anfrage bestätigt. Bis vor kurzem schien das Outsourcing in der Feinchemie sehr attraktiv. Folglich drängten zahlreiche Anbieter auf diesen Markt. Unzählige Generikafirmen und die geringere Anzahl neuer Produkte führten aber dazu, dass die Pharmaunternehmen nicht einmal ihre eigenen Kapazitäten decken konnten. Also begannen sie wieder, die Wirkstoffe selber herzustellen.

Null-Performance

Bisher schloss Siegfried weitere Entlassungen aus, es müssen aber die Kosten gesenkt werden. Gerät das Geschäft nach der Ablösung Bernhard Siegfrieds im Mai 2003 als VR-Präsident vollends ins Trudeln? Der Aktienkurs stagniert jedenfalls seit diesem Wechsel an der Unternehmensspitze. Die Namenaktie notierte damals bei rund 155 Fr. Heute ist der Kurs identisch. Der SPI legte in der selben Zeitspanne beinahe 44% zu und auch die Konkurrenz (z.B. Bachem +40%) konnte die Anleger überzeugen. Der direkte Konkurrent Lonza hingegen sackte in der gleichen Periode um beinahe 20% ab. Mehrere Gewinnwarnungen sind mitunter die Gründe für diesen Einbruch. Auch brachte die tief greifende Restrukturierung im Jahr 2001 nicht die nötigen Impulse.

Die Pharmaindustrie ist eben ein kurzlebiges Geschäft. Gewinnbringende Patente laufen aus, Verzögerungen bei neuen Produkten sind keine Seltenheit und Überkapazitäten lösen regelmässig Engpässe ab. Im Interview mit der «HandelsZeitung» im Oktober 2003 bestätigte CEO Douglas Günthardt diese Probleme, behielt aber den Optimismus, ab 2005 wieder an die Umsätze von 2002 anknüpfen zu können. Für den kleinen Konzern, dessen Kernabsatz von Grosskunden abhängig ist, bleibt jedoch vieles unsicher.

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Neue Fabrik in Malta

Die Krise in der Feinchemie hat auch Siegfried getroffen. 2002 machte der Bereich Actives, zu welchem die Kundensynthese gehört, noch über 75% des gesamten Umsatzes aus; in den kommenden Jahren dürfte dieser Anteil auf klar unter 60% sinken, wie Lombard Odier Darrier Hentsch (LODH) prognostiziert. Die Sparte Siegfried Generics hingegen gewinne Umsatzanteile. Dafür spricht auch der Bau einer Generikaproduktionsanlage in Malta, die voraussichtlich nächstes Jahr den Betrieb aufnehmen wird.

Damit will der Pharmakonzern seine Produktionskapazität im Bereich Generics erweitern und sich vor allem auf Wirkstoffe konzentrieren, für die in der EU das Patent bald abläuft. Oft sind auf der Mittelmeerinsel keine Patente angemeldet, sodass Siegfried in der Lage sein wird, am ersten Tag nach Patentablauf in die Hauptmärkte (USA, Europa) zu liefern. Laut Gehler wird sich der Umsatz der Generikasparte 2004 voraussichtlich auf 130 Mio Fr. fast verdoppeln. 2003 stammten zudem 10% des Umsatzes aus dem Natural-Products-Sektor mit den Sidroga-Tees. Der hier erwirtschaftete Gewinn wird in die Marke reinvestiert. Erfahrungsgemäss laufe das zweite Halbjahr infolge Erkältungswellen besser als das erste, wobei man jetzt schon sagen könne, dass Sidroga ihre Ziele erreichen werde, wie Gehler ausführt.

Reorganisation 2005 beendet

Siegfried will wachsen. Die Sparten Generics, Biologics und Sidroga sind gemäss Peter Gehler bereits auf Wachstumskurs. Nun gehe es vor allem darum, die Kundensynthese, die massgeblich vom Erfolg der Abnehmer abhängig ist, mit Kostensenkungsmassnahmen wieder zu stärken und für ein Wachstum ab Ende 2005 fit zu machen. Gehler sieht konkretes Senkungspotenzial bei den Produktions- und Verwaltungskosten sowie beim Einkauf. Die McKinsey-Resultate, die voraussichtlich Ende August an der Halbjahresmedienkonferenz kommuniziert werden, dürften sich besonders auf diesen Bereich Kundensynthese konzentrieren. Hauptsächlich und erneut wird der Hauptsitz in Zofingen betroffen sein. Entlassungen sind kaum zu vermeiden.

LODH glaubt, dass gerade deshalb in der Aktie Potenzial steckt. Obschon sie kürzlich ihr Kursziel von 205 Fr. auf 190 Fr. nach unten korrigiert hat, sieht die Bank ein «solides, wenn auch unspektakuläres Resultat für dieses Jahr. Mittelfristig sind wir vom Potenzial des Titels überzeugt», wie Damien Weyermann von LODH sagt.

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Amerikanischer Grossanleger

Trotz den Umsatzeinbussen und Problemen beim Kerngeschäft gibt man sich bei Siegfried bezüglich Aktienkurs erstaunlich gelassen: «Wir sind zufrieden mit dem Verlauf der vergangenen zwölf Monate, was das Generika- und das Biotechnologiegeschäft betrifft. Bei der Kundensynthese arbeiten wir unvermindert an der Restrukturierung. Siegfried ist ein stabiler Wert. Wir machen unsere Hausaufgaben und stehen finanziell auf soliden Beinen», erklärt Peter Gehler. Mit einem Kurs/Gewinn-Verhältnis von 11 für das kommende Jahr stellt LODH eine günstige Bewertung fest.

Dies hat auch die amerikanische Fondsgesellschaft Tweedy Brown bemerkt. Sie stockte kürzlich ihre Beteiligung an Siegfried auf und besitzt neu über 10% der Stimmrechte. Für das aktuelle Finanzjahr erwartet LODH jedoch wegen Überkapazitäten und verspäteter Produktelancierungen einen Umsatzrückgang und einen tieferen Gewinn pro Aktie als noch vor einem halben Jahr prognostiziert. 2005 sollte die Kehrtwende dank neuer Produkte und tieferer Kosten geschafft sein.

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Ein Freefloat von 59% und die mässige Performance über die vergangenen Quartale bleiben ein Handicap und machen den Titel für Anleger weniger attraktiv, als er sein könnte. LODH stuft die Siegfried-Namenaktie mit «Buy» ein, denn sie glaubt, dass der Titel schon seit langer Zeit unterbewertet sei. Zudem könne Siegfried schnell auf Veränderungen in der Branche reagieren. Und auch als Nischenspezialist habe sich der Zulieferer schon oft bewährt.

Siegfried Angaben in Millionen Franken

2002 2003 2004E 2005E

Umsatz 399.1 366.3 342.5 366.3

Betriebsgewinn (Ebit) 75.4 62.9 46.8 60.8

Umsatzrendite (in %) 18.9 17.2 13.7 16.6

Reingewinn 56.2 53.3 38.1 46.1

Gewinn pro Aktie (in Fr.) 20.7 19.5 13.9 16.9

KGV 7 8 11 9

Dividende (in Fr.) 5.0 5.0 5.0 5.0

E = geschätzt; KGV = Kurs/Gewinn-Verhältnis
Quelle: LODH

Tipp: Die Siegfried-Aktie hat den Kursaufschwung der letzten eineinhalb Jahre nicht mitgemacht. Die Gesellschaft leidet unter Überkapazitäten und der Zurückhaltung ihrer Kunden. Die Durststrecke wird 2004 anhalten, denn der Umsatz sinkt voraussichtlich. Im kommenden Jahr sollten sich aber die erneuten Restrukturierungen und die neuen Produkte positiv im Kurs spiegeln. (rw)

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