Seit September kennt die Aktie von Stadler Rail fast nur noch eine Richtung: bergauf, von rund 42 Franken auf aktuell deutlich über 47 Franken. Zudem kommt aus Bussnang TG ein förm­liches Stakkato an Erfolgsmeldungen: Grossauftrag aus Österreich, gewonnene Ausschreibung in Deutschland, Lok-Auftrag aus Spanien unter Dach und Fach – und dazu noch zwei Grossaufträge, einer aus Taiwan, einer aus Polen. Und all das bloss in den letzten Wochen.

Rund um die Welt scheint Unternehmer Peter Spuhler mit seiner Stadler Rail auf der Erfolgsspur zu sein. Ein Schweizer Industrieller auf Augenhöhe mit den grösseren Rivalen Siemens und Alstom. Ein Mann, der selbst vor der Übermacht des chinesischen Staatskonzerns CRRC und dessen Vorpreschen nach Europa nicht in die Knie geht.
Stadler Rail? Läuft!

Tolggen im Reinheft

Ein Standort von Stadler Rail allerdings tanzt aus der Reihe: Stadler Algérie im Norden Afrikas. Dort rumort es seit Monaten in der Belegschaft – und das nicht nur ein bisschen. Das Rumoren war so heftig, dass die Zentrale in Bussnang aktiv werden musste.

Dabei hatte 2006 alles gut begonnen – mit einem der grössten Aufträge der jüngeren Geschichte von Stadler Rail: der ­Lieferung von 64 Niederflur-Gelenktriebwagen vom Typ «Flirt» an die algerische Staatsbahn SNTF. Der Auftrag hatte einen Wert von rund 600 Millionen Franken. Seit nunmehr zehn Jahren fahren die blau-­weissen Züge in den Farben der Kolonialbauten in Algier. Zudem wurden damals Unterhalt und Wartung für 14 Jahre vor Ort vereinbart.

Und jetzt das. Die Betriebsleitung von Stadler Algérie unter Direktor Massimo Toniato hat nach Angaben der algerischen Zeitung «Liberté» Anfang Jahr fünfzig ­Mitarbeitenden gekündigt. Das sei, so die Zeitung, rund die Hälfte der Angestellten. Vorausgegangen sei ein Streit zwischen Unternehmen und Gewerkschaft.

Stadler-­Sprecherin Marina Winder räumt Probleme ein, nennt aber eine tiefere Zahl der ­Gekündigten: «Es handelt sich um 39 Mitarbeitende, die wir nach teilweise schwerwiegenden Verstössen gegen interne Weisungen entlassen mussten.» Stadler Rail habe Mitarbeitende aus Algerien in der Schweiz, in Ungarn und in den Niederlanden ausgebildet, sogar für sogenannt schwere Instandhaltung mit Revisionsarbeiten an Drehgestellen.
 

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Peter Spuhler

Unternehmer Peter Spuhler.

Quelle: Keystone .

Probleme gehen über arbeitsrechtliche Fragen hinaus

Streiks sind beim gut organisierten ­algerischen Eisenbahnsyndikat keine ­Seltenheit. Auf die Entlassungen folgten jedoch Solidaritätsaktionen der nationalen Dachorganisation, die wegen missbräuchlicher Kündigungen den Rücktritt von Direktor Toniato verlangte. Bussnang stellt sich hinter den Ingenieur aus ­Verona: «Massimo Toniato leitet das Werk zur vollsten Zufriedenheit aller Parteien», erklärt Stadler-Sprecherin Winder. Er bleibe «selbstverständlich» im Amt.

Doch die Probleme in Algerien gehen über arbeitsrechtliche Fragen hinaus. Nach Angaben der Zeitung «Liberté» steht ein noch nicht offizielles Joint Venture zwischen Stadler und der SNTF zur ­Diskussion. Zwar erklärt Mekrewi Abderrezak, Verantwortlicher für Rollmaterial bei der SNTF, es gehe bloss um interne Probleme bei Stadler.
Das mag sein. Doch das Werk ist im ­Besitz der Staatsbahn. Stadler-Sprecherin Winder sagt, Unterhaltsarbeiten würden in enger Zusammenarbeit erfolgen. Die Eisenbahngewerkschaft wiederum fordert die Überprüfung der Wartungsverträge und hat mit Generalstreik gedroht.

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Mit dem Joint Venture will die Staatsbahn, die zurzeit das Eisenbahnnetz ­modernisiert und ausbaut, die Produktion und Montage von weiteren Stadler-Zügen nach Algerien holen und die Komposi­tionen später auch in weitere afrikanische Länder und in den Nahen Osten expor­tieren. «Ziel der Unternehmung ist die Herstellung von Schienenfahrzeugen», erklärt Winder. Die SNTF mit einem Jahresumsatz von umgerechnet rund 32 Millionen Franken will hier rund 1,2 Milliarden Franken investieren.

Joint Venture auf Eis gelegt

Die Vereinbarung zur Gründung des Joint Ventures unterzeichneten 2015 Peter Spuhler und Yacine Bendjaballah, Direktor der SNTF. Das neue Unternehmen, das zu 49 Prozent Stadler Rail und zu 51 Prozent der SNTF gehört, sollte 2016 operativ tätig werden. Doch offiziell gibt es das Joint Venture noch gar nicht, da laut Winder die endgültige Validierung durch die algerische Regierung noch aussteht.

Doch gearbeitet wird bereits. «Wenn weitere Bestellungen bei uns eingehen, besteht die Möglichkeit, das Werk im ­Rahmen des Joint Ventures für gewisse Montagearbeiten und die Inbetrieb­setzung anzupassen», heisst es bei Stadler Rail.

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