Was Peter Spuhler als Unternehmer seit seinem Einstieg bei Stadler Rail vor 25 Jahren auf die Beine gestellt hat, ist eindrucksvoll. Er machte aus einem Thurgauer KMU einen Weltkonzern mit Vertretungen in zehn Ländern. Er steigerte die Zahl der Mitarbeiter von 18 auf gegen 6500. Und er erhöhte den Umsatz auf zuletzt rund 2,4 Milliarden Franken. Er machte Stadler zu einem der global wichtigen Anbieter von Schienenfahrzeugen: Stadler ist die Nummer 6.

Damit Stadler die erarbeitete Markt­position verteidigen kann, sah sich Spuhler wegen der Krise in weiten Teilen Europas – Hauptabsatzgebiet der europäischen Bahnbauer – gezwungen, neue Märkte zu erschliessen. Erfolgreich war er dabei bislang hauptsächlich in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, heute GUS.

Grosser Auftrag aus Aserbaidschan

Kürzlich gewann er etwa einen Auftrag im Wert von 120 Millionen Franken von der staatlichen Eisenbahngesellschaft Aserbaidschans. Das Stadler-Werk in Altenrhein SG wird 30 Schlaf- und Speisewagen für die Strecke Baku–Istanbul liefern. In Weissrussland hat Stadler bereits 2010 eine Ausschreibung gewonnen und bislang 16 Flirt-S-Bahn- und Interregio-Züge geliefert.

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Daraus entstanden weitere Aufträge: «Zwei zusätzlich siebenteilige Flirts in einer hochwertigeren Intercity-Version als Prototyp für die GUS-Staaten wurden bestellt und werden 2016 ausgeliefert», sagt Stadler-Sprecher Tim Büchele. «Zudem erwarten wir die Einlösung weiterer Optionen.»

Mit harter Hand regierende Diktatoren

In Aserbaidschan und Weissrussland musste sich der überzeugte Demokrat Spuhler mit autoritären Regime einlassen, um an die Aufträge zu kommen. Sowohl der aserische Präsident Ilham Aliyev wie auch sein weissrussischer Amtskollege Alexander Lukaschenko gelten als mit harter Hand regierende Diktatoren. Doch Berührungsängste zeigt Spuhler auf der Mission, sein Lebenswerk zu sichern, keine. «Um die rund 3000 Arbeitsplätze in der Schweiz zu halten, brauchen wir neue Märkte», fasst Büchele das Credo von Stadler Rail zusammen.

Insbesondere mit Lukaschenko verbandelt sich Spuhler immer enger, wie Recherchen der «Handelszeitung» zeigen. Stadlers Ableger in Weissrussland – vor zwei Jahren gegründet und heute als Stadler Minsk firmierend – ist seit dem Frühling operativ. «Der Bau der Produktionshalle konnte erfolgreich abgeschlossen werden», bestätigt Büchele. «Wir haben umgehend mit der Produktion der ersten Wagenkästen begonnen.»

Steuerprivilegien für Stadler Minsk

Zunächst fabriziert Stadler Minsk, an welcher der Schweizer Konzern zunächst eine Mehrheit von 60 Prozent hielt, heute aber alleiniger Eigentümer ist, die Aufträge der russischen Eisenbahngesellschaft Aeroexpress. Das Unternehmen betreibt unter anderem Zugsverbindungen zwischen Moskau und den Flughäfen der Hauptstadt und hat bei Stadler letztes Jahr insgesamt 25 Doppelstockzüge bestellt.

In Minsk geniesst Stadler diverse Privilegien. Die Fabrik etwas ausserhalb der Hauptstadt liegt in einer Freihandelszone und ist gemäss der russischen Nachrichtenagentur Interfax bis Ende 2016 von der Mehrwertsteuer bei der Einfuhr von Produktionsmitteln befreit. Für den Bau des Standorts bekam Stadler einen zehnjährigen Kredit im Umfang von rund 20 Millionen Euro der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Zu den Konditionen gibt Stadler «keine Auskunft». Sie sind laut Büchele «marktüblich». Die Bank will den Handel erleichtern und die Inte­gration osteuropäischer Ländern fördern.

Geschäfte mit der staatlichen Belarusbank

Geschäftliche Beziehungen hat Spuhler auch zum weissrussischen Finanzplatz etabliert. So gehört die staatliche Belarusbank mittlerweile zu den Gesellschaften, welche die Lieferung der Stadler-Züge nach Weissrussland finanzieren – im Verbund mit ZKB, UBS und CS. Zudem hat Stadler Minsk Kontobeziehungen mit der Belarusbank, was diese bestätigt. Büchele sagt dazu, dass Stadler «über Finanzierungen grundsätzlich keine Auskunft gibt».

Die Beziehungen zwischen Lukaschenko und Spuhler sind mittlerweile so vertraut, dass der Stadler-Verwaltungsrat Ende Mai eine Audienz beim Diktator hatte. Mit dabei waren neben Spuhler unter anderem die Verwaltungsräte Fred Kindle, Ex-Chef von Sulzer sowie ABB und heute bei der britschen Beteiligungsgesellschaft Clayton, Dubilier & Rice aktiv, Friedrich Merz, früher der Kopf der CDU-Fraktion im Deutschen Bundestag und heute als Anwalt tätig, sowie der polnische Medienunternehmer Wojciech Kostrzewa, der seine ITI Holding über eine Servicegesellschaft in Zürich steuert.

Verwaltungsrat besucht Lukaschenko

Den Besuch des Verwaltungsrates bei Lukaschenko begründet Sprecher Büchele damit, dass der Verwaltungsrat anlässich der Eishockey-Weltmeisterschaft in Minsk getagt habe: «Wir sind einer der zwölf Sponsoren der Internationalen Eishockey-Föderation. Dieses Jahr fand die WM in Minsk statt. Der Verwaltungsrat tagt immer an einem der Stadler-Stand­orte und nimmt damit die gesetzlich auferlegte Verantwortung wahr, Tochtergesellschaften vor Ort zu besuchen und zu prüfen.»

Zur Frage, weshalb zum Programm der Verwaltungsrats-Sitzung auch ein Besuch bei «Europas letztem Diktator» gehörte, äussert sich Büchele nicht. Er betont indessen, «dass Peter Spuhler in den letzten zehn Jahren weltweit sicher über hundert Treffen mit Staatspräsidenten, Premierministern und Ministern gehabt hat».

PR in eigener Sache

Lukaschenko jedenfalls nutzte das Treffen für seine Zwecke. Er pries Spuhler als Vorbild für andere Geschäftsleute, ebenfalls in Weissrussland zu investieren. Neben dem Verkehr sei er an Projekten aus Chemie und Pharma interessiert. Für seinen Vorzeige-Investor hatte der Präsident nur lobende Worte: «Seine Züge sind so komfortabel wie ein Mercedes.»

Er werde alles tun, «zu verhindern, dass Peter Spuhler seinen Entscheid, in Weissrussland zu produzieren, jemals bereuen wird. Ich habe ihm versprochen, ihn auf allen Ebenen zu unterstützen und dabei zu helfen, seine Produkte auf ausländischen Märkten zu verkaufen.» Dazu sagt Büchele: «Wenn weissrussische Kreise unser Engagement in Minsk als gutes Beispiel erwähnen, stört uns das überhaupt nicht.»

Stadler dankt Lukaschenko

Spuhler gab das Lob zurück. Er dankte dem Präsidenten für die Zusage, Stadler «beim Zugang zu neuen Märkten» Türen zu öffnen. Im Visier hat er dabei vor allem Russland und Kasachstan. Die beiden Länder und Weissrussland sind in einer Zollunion verbunden und werden ab 2015 wie die EU den freien Personen- und Warenverkehr einführen. Gut für Spuhler: Er will mit Stadler Minsk U-Bahn- und Tram-Ausschreibungen in Moskau, Minsk, Baku und weiteren GUS-Städten gewinnen.