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Finanzierung
Startups auf gut Glück finanzieren

BEKB-Hauptsitz in Bern: Innovation im ausserbörslichen Handel.   Keystone

Die Berner Kantonalbank BEKB hat eine neue Plattform für die Startup-Finanzierung lanciert. Die Risiken für Anleger sind hoch. Die Plattform wird kritisch betrachtet.

Von Roberto Stefano
am 06.02.2015

Die Pitches am Swiss Venture Day dauern knapp 15 Minuten. Gut die Hälfte der Zeit steht den Jungunternehmern für die Präsentation ihrer Geschäftsidee und allfälligen Prototypen vor professionellen Investoren zur Verfügung. Danach werden die Referenten von den potenziellen Geldgebern in die Mangel genommen. Überzeugen die Jungunternehmer, finden weitere Gespräche statt, bis eine Finanzierung erfolgt.

Nicht auf Präsentationen oder einen Dialog mit dem Management verlassen können sich Anleger, die über die OTC-X-Plattform für den ausserbörslichen Aktienhandel der Berner Kantonalbank in Startups investieren. Seit dem 19. Januar 2015 werden im neu lancierten Early-Stage-Segment die Aktien von Nootrie gehandelt, einer Firma, welche die Entwicklung einer Kapselmaschine für die Zubereitung von Fertiggetränken plant. Laut einer Medienmitteilung sollen die ersten Produkte ab Ende 2016 auf dem Schweizer Markt verkauft werden können. Einen Businessplan oder Angaben zu den bestehenden Investoren sucht man vergebens. Die Website der Firma ist noch im Aufbau. Dass bisher dennoch 877 000 Aktien für fast 1,6 Millionen Franken die Hand gewechselt haben, dürfte die bisherigen Aktionäre freuen. Ob dies auch für die Investoren gilt, ist ungewiss.

«Aktien über das Telefon an Privatanleger verkaufen»

«Das Startup-Segment der OTC-X-Plattform ist hervorragend für sogenannte Kabler geeignet, die Aktien über das Telefon an Privatanleger verkaufen wollen», sagt ein Szenekenner. Auch wenn die OTC-X-Plattform keine Börse sei, könne man auf den dort ermittelten Kurs hinweisen. Bei Nootrie ist dieser alleine in den vergangenen zwei Wochen um 18 Prozent von 1.70 auf 2 Franken gestiegen. Bei 5 Millionen Aktien mit einem Nennwert von 0.02 Franken ergibt dies einen Firmenwert von 10 Millionen Franken. «Dies wohlgemerkt für ein Unternehmen, zu dem nichts weiter bekannt ist», so der Branchenexperte.

Laut dem Handelsregister steht hinter Nootrie der Bündner Rechtsanwalt Mauro Lardi sowie der ehemalige Leiter des Bereichs Consumer Lifestyle bei Philips Schweiz und heutiger Unternehmensberater Ruedi Haeny. «Nootrie beabsichtigt, weitere Finanzierungsrunden über diese Plattform abzuwickeln», sagt Haeny auf Anfrage. Überdies biete die Plattform die Bequemlichkeit der elektronischen Abwicklung, unterstütze die Preisbildung und gewähre den Aktionären Transparenz über die Trades. Für die Bewertung des Unternehmens war laut Haeny eine der schweizweit tätigen grösseren Wirtschaftsprüfungsgesellschaften zuständig. «Momentan arbeiten wir mit Hochdruck an unserer Homepage», so der Firmenchef. Die für einen Investitionsentscheid erforderlichen Informationen würden rechtzeitig für die nächste Finanzierungsrunde bereitgestellt.

Interne Prüfung - Einzelheiten sind nicht öffentlich

Bei der BEKB, wo die Aktien notiert sind, macht man auf die interne Prüfung aufmerksam, die ein Unternehmen durchlaufen muss, bevor es auf der Plattform gelistet wird. «Die Einzelheiten sind aber nicht öffentlich», sagt Andreas Langenegger, stellvertretender Leiter Handel OTC-X bei der BEKB.

Zudem verweist er auf einen Haftungsausschuss, der auf die hohen Risiken einer Anlage in Startups hinweist und betont, dass die BEKB nur die Plattform für den Handel zur Verfügung stellt. Im Early-Stage-Bereich seien die Listing-Anforderungen für Jungunternehmen aber weniger hoch als im etablierten ausserbörslichen Handel. «Wir wollten unsere Plattform für Firmen öffnen, die nicht in das Standardsegment passen», sagt er.

Der Ruf könnte leiden

Der Anstoss für die Öffnung kam laut Langenegger seitens der Unternehmen, aber auch von den Investoren. Entsprechend hoch sei die Resonanz auf das neue Angebot. «Es interessieren sich bereits weitere Startups für ein Listing», sagt der BEKB-Händler. Wann dies der Fall sein werde, sei noch offen, da derzeit die Überprüfung der Firmen stattfinde.

Für Beat Schillig, Gründer und Chef des IFJ Instituts für Jungunternehmen, ein Unternehmen, das Startups in der Aufbauphase begleitet, ist eine solche Handelsplattform für die breite Masse der Startups nicht relevant. Zumal sich für gute Ideen in der Schweiz eigentlich immer Mittel finden lassen. «In der Regel bestehen bei Startup-Firmen in einer frühen Phase Aktionärsbindungsverträge, um zu verhindern, dass die Aktien unkontrolliert gehandelt werden.» Daher komme ein solcher Handel für ein Jungunternehmen eigentlich nur dann in Frage, wenn jemand aus dem Aktionärskreis nicht mehr an die Zukunft des Unternehmens glaube und aussteigen möchte, aber keinen Käufer für die Titel finde. «Dann ist eine solche Plattform eine gute Exit-Möglichkeit.» Be- sonders weil das Interesse von Privaten an Investments in Jungunternehmen vorhanden ist.

Für Abverkauf von Aktien an Private missbrauchen

Dies zeigt sich zurzeit im sogenannten Crowdfunding. Hier versuchen Startups unabhängig von professionellen Geldgebern wie Banken oder Private-Equity-Firmen über Internetplattformen eine breite Investorenbasis zu erreichen und sie für ihr Projekt zu begeistern. «Positiv ist sicherlich, dass ein Jungunternehmen über OTC-X Early Stage Gelder, unabhängig von Private-Equity-Firmen, aufnehmen kann», sagt der Branchenkenner. Doch er befürchtet, dass das neue Handelssegment für den Abverkauf von Aktien an Private missbraucht wird.

Das war auch der Vorwurf, den man jahrelang der Berner Börse gemacht hat. Sollte sich ein solcher Fall nun an der OTC-X wiederholen, dann würde dies wohl auch den Ruf des bestehenden ausserbörslichen Handels beschädigen. «Insofern verstehe ich nicht, weshalb die BEKB, die im ausserbörslichen Handel sehr innovativ ist, dieses Geschäft lanciert hat», sagt er.

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