Nun komme ich zum dritten Mal nach St.Gallen zurück – und jetzt wahrscheinlich für immer», erzählt Stefan Loacker, der im Herbst sein Amt als CEO des sechstgrössten Schweizer Versicherers antritt. Sein Vorgänger, der amtierende CEO und Verwaltungsratspräsident Erich Walser, überraschte an seiner letzten Präsentation des Geschäftsergebnisses mit einem eher untypischen Zitat. Er sei «stolz auf das beste Ergebnis» der Firmengeschichte. So hat der sonst immer so zurückhaltend auftretende Appenzeller die kontinuierlich guten Leistungen der Helvetia noch nie beschrieben – obwohl er es oft hätte tun können.

Wie ist ein Mann beschaffen, der sich ins scheinbar «gemachte» Helvetia-Bett legen kann? Der Allbranchen-Versicherer hat letztes Jahr das Konzernergebnis um mehr als 40% auf 424 Mio Fr. erhöht und die Ertragskraft auch in Spanien, einem erklärten geografischen Wachstumsziel, gewaltig steigern können.
Stefan Loacker wirkt sehr bescheiden, hat keine Allüren und erinnert in vielem an seinen Vorgänger. Beide hüten sich, eigene Leistungen über den Klee zu loben. Der 1969 geborene Loacker sieht jung und unverbraucht aus. Seine Gesten sind äusserst spärlich. Er fasst sein Gegenüber fest ins Auge, und seine Antworten sind bedacht.

Vorausschauende Analysen

Auf die künftige Marschrichtung der Helvetia angesprochen, winkt Loacker ab und verweist auf den offiziellen Amtsantritt. «Diese scheinbar lange Übergangszeit ist bewusst gewählt und gilt es zu respektieren. Anfang September trete ich mein Amt als CEO der Helvetia-Gruppe an und will bis dahin in Österreich und in der Schweiz die besten Voraussetzungen für einen perfekten Übergang schaffen.»
Hinter der Fassade der Versicherungs-Gesellschaft, die nächstes Jahr ihr 150-jähriges Bestehen feiert, ist durch den bevorstehenden CEO- und CFO-Wechsel (von Roland Geissmann zu Paul Norton) einiges in Bewegung. Kann Stefan Loacker trotz seiner Jugendlichkeit überzeugen? Der erste Eindruck lässt darauf schliessen. Er tritt entschieden auf, ist kompetent und strahlt eine zurückhaltende Wärme aus. An seiner neuen Aufgabe fasziniert ihn vor allem die Möglichkeit, vorausschauende Analysen zu machen und weitreichende Entscheidungen zu treffen.

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Künftige Strategie

Loackers Frische ist ganz nach dem Gusto derer, die dafür plädieren, dass künftige CEO jung sein müssen. Er verkörpert den Typ der Helvetia-Manager, die sich mit der eingeschlagenen Strategie hundertprozentig identifizieren. Anvisiert werden profitables Wachstum und eine noch ausgeprägtere Marktdurchdringung: «Die bestehende Kundschaft soll via Cross-Selling noch stärker an das Unternehmen gebunden werden. Das bedeutet etwa, dass Leben-Kunden auch als Nicht-Leben-Kunden gewonnen werden und umgekehrt. Die Helvetia- Gruppe verbindet Überschaubarkeit und Kundennähe in den Ländermärkten mit der Dynamik und Transparenz einer internationalen, börsennotierten Gruppe. Diese Mischung ist etwas ganz Besonderes und bietet für die Zukunft viel Potenzial», sagt er.

Schweizer T-Shirt

«Die Helvetia steht für Kontinuität und Verlässlichkeit. Den eingeschlagenen Weg will ich konsequent weiterführen und daneben aber sicher auch neue Akzente setzen. Wir werden auch in Zukunft mit leicht verständlichen Produkten, hervorragendem Schadenservice und innovativen Vertriebskanälen versuchen, ein weiterhin so erfolgreiches Unternehmen zu bleiben», beschreibt der designierte CEO die Ausrichtung seines Unternehmens.
Als Vorstand und später als CEO der Helvetia Österreich ist Loacker seit fünf Jahren für die Strategie des Unternehmens in Österreich verantwortlich. Er hat die Umstellung auf die Einheitsmarke Helvetia im vergangenen Jahr begleitet. Das bedeutete nichts Geringeres als die Trennung vom Brand der traditionsreichen österreichischen Tochter «Anker». «Das ist, als würden die Mitarbeiter – immerhin 600 an der Zahl – von einem Tag auf den anderen ein T-Shirt anziehen, auf dem ‹Schweiz› steht», sagt er.
Es galt, ihnen glaubwürdig darzulegen, dass die Änderung des Namens keinen Einfluss auf ihren Arbeitsvertrag und die Versicherungsverträge der Kunden habe, sondern vielmehr Chancen für alle biete.
Während seines fünfjährigen Engagements in Österreich ist es ihm gelungen, die Ertragsstrukturen massiv zu verbessern, die Effizienz zu steigern und die Marke «Helvetia» erfolgreich einzuführen. Bei der Schilderung dieser erfolgreich zurückgelegten Wegstrecke schimmert erstmals ein Hauch von Stolz durch seine Ausführungen.
Beim Turnaround in Österreich sind ihm seine Kenntnisse zugute gekommen, die er sich als Student an der HSG und als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Institutes für Versicherungswirtschaft mit Schwerpunkt Risk-Management aneignen konnte. An der Universität St.Gallen erinnert man sich sehr gut an den jungen Vorarlberger. «Er ist durch seine rasche Auffassungsgabe aufgefallen. Auch gehörte er zu denen, die innert kürzester Zeit selbstständig Projekte bearbeiten konnten», sagt Professor Walter Ackermann, dessen Assistent er war.
«Wir freuen uns natürlich, dass Stefan Loacker wieder in unsere geografische Nähe gerückt ist. Uns verbindet viel, und jetzt ist er nur einen Steinwurf von uns entfernt tätig. Wir hätten ihn damals gerne bei uns behalten, aber er wollte zuerst noch weitere Sporen auswärts abverdienen. Das ehrt ihn», sagt Ackermann.
Aber auch seine Zeit als Leiter Unternehmensentwicklung bei der Helvetia, wo er nach seiner dreijährigen Tätigkeit bei der Rentenanstalt/Swiss Life als Mitarbeiter der Konzernplanung wirkte, gehört zum Rüstzeug für seine künftige Funktion. Auf die Frage, ob er schon damals mit einer Anstellung bei der Helvetia geliebäugelt habe, antwortet er ehrlich: «Ins Auge gefasst habe ich das sicher, weil ich das Unternehmen aus meiner St.Galler Zeit bestens kannte und schon damals einen sehr positiven Eindruck von dessen Führung und Kultur hatte.» Er habe vorerst aber Erfahrungen in einem anderen Umfeld sammeln wollen. «Den Traumjob soll man nicht bei seiner ersten Stelle finden», sagt er und schmunzelt. Nach drei Jahren hat ihn Erich Walser nach St.Gallen zurückgeholt. So schliesst sich der Kreis.

Dem Chef müssen alle gehorchen

Im Sommer übersiedelt Stefan Loacker mit seiner Familie in den Raum Ostschweiz. Der Umzug fällt aus der Sicht einer jungen Familie in eine denkbar günstige Zeit. «Die Kinder sind noch nicht schulpflichtig und müssen sich nicht vom österreichischen auf das schweizerische Schulsystem umgewöhnen», sagt er. Dass die Kinder von daheim erstklassige Schützenhilfe beim Einschulen bekommen, ist gewiss: Loackers Frau war vor ihrer Heirat Lehrerin und hat den Beruf derzeit zugunsten der Kindererziehung zurückgesteckt. Die beiden Kinder freuen sich auf ihre neue Heimat und haben eine präzise Vorstellung von der Arbeit ihres Vaters, wenn sie darauf angesprochen werden: «Er ist Chef, und dem Chef müssen alle gehorchen.»
Wo Loackers genau fündig geworden sind, will er nicht verraten. Dass er in der künftigen Wohnregion auch Ski fahren kann, ist für ihn besonders wichtig. Unnötig zu sagen, dass er sich genauso darauf freut, wieder einmal eine gute
St.Galler Kalbsbratwurst auf dem Teller zu haben.

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ZUR PERSON

Steckbrief

Name: Stefan Loacker
Funktion: Designierter CEO der Helvetia-Gruppe, St.Gallen
Geburtsdatum: 6. Juni 1969
Wohnort: Zurzeit noch Wien
Familie: Verheiratet, zwei Kinder

Karriere:

- 1997 Eintritt in die damalige Helvetia Patria Versicherungen, Assistent Stab Geschäftsleitung, Leiter Unternehmensentwicklung, Mitglied der Direktion
- Seit 2002 Vorstandsmitglied und seit 2005 CEO der Helvetia Österreich
- Ab 1. September 2007 CEO der Helvetia-Gruppe

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Führungsprinzipien

1. Sorge für Kundenzufriedenheit und orientiere Dich an den Besten
2. Führe teamorientiert und entwickle die Stärken im Team
3. Führe ergebnisorientiert und setze Verbesserungen beharrlich um
4. Schaffe Vertrauen durch Kommunikation

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Firma

Helvetia
Im abgelaufenen Geschäftsjahr hat die sechstgrösste Schweizer Versicherung ein Bruttoprämienvolumen von 5,3 Mrd Fr. verzeichnet, im Vorjahr 5,2 Mrd Fr. Der Gewinn stieg um satte 40% auf 424 Mio Fr.