Die täglichen Meldungen über Stellenabbau klingen harmlos: «Wir sind zuversichtlich, die Reduktion weitgehend über natürliche Fluktuationen abwickeln zu können», liess etwa die Zurich Financial Services verlauten, als sie Mitte September ihren Schrumpfungsprozess ankündigte. Die Massnahme ist einfach: Wer freiwillig kündigt oder in Pension geht, wird nicht ersetzt ? Entlassungen würden deshalb nur wenige nötig, hoffen die Verantwortlichen der Zurich Schweiz.
Ihre Absicht ist achtbar, doch leider nicht sehr realistisch. Pressechef Michael Wiesner erklärt selbst weshalb: «Die Fluktuation hat sich nicht so entwickelt, wie wir es erwartet haben.» Konkret: Die Lage auf dem Arbeitsmarkt mit über 100000 Arbeitslosen und 152000 Stellensuchenden ist derart düster, dass kaum jemand von sich aus die Stelle wechselt ? besonders nicht, wenn es in der gesamten Branche kriselt.
Angespannt ist die Situation nicht nur im Versicherungssektor. Der Stellenabbau bei IBM, Swisscom, Alcatel oder Siemens geht auch an den IT-Angestellten nicht spurlos vorbei. Bei Ascom beispielsweise beträgt die Fluktuationsrate gemäss Kommunikationschef Stephan Howeg nur noch 4%, normalerweise liegt sie bei 8?10%. Dies hat Auswirkungen auf den jüngsten Stellenabbau des Technologiekonzerns: Über die Hälfte der 150 betroffenen Arbeitsplätze können nur mittels Kündigungen eliminiert werden.
Noch schlimmer sieht es bei den Banken aus. Die Finanzhäuser sind zwar weit weniger transparent als die Industriebetriebe und halten ihre Zahlen über Entlassungen und Fluktuation unter Verschluss. Doch die Zentralsekretärin des Schweizerischen Bankpersonalverbandes, Marie-France Goy, sagt: «Der Arbeitsmarkt der Branche ist total paralysiert.» Die Zeiten, als die Institute einander durch horrende Salärangebote die Mitarbeiter abgeworben haben und die Fluktuationsrate bei hohen 12% gelegen hat, sind vorbei. Bei den Mitarbeitern geht die Angst um, dass der Aderlass mit der aktuellen Rückbesinnung aufs Kerngeschäft (siehe auch Seite 10) weitergeht.
*Die falschen gehen*
Die Befürchtungen sind nicht unbegründet: Der Schweizerische Kaufmännische Verband (SKV) hat «deutliche Signale, dass im Finanzsektor ein grosser Schlag bevorsteht». Der SKV-Verantwortliche Willy Rüegg spricht von über 10 000 Stellen, die gefährdet sind. «Dieses Mal kann kein langanhaltender Börsenboom den Stellenabbau auffangen.» Es erstaunt also nicht, dass heute kaum ein Bank-Angestellter mehr freiwillig seinen Job wechselt und die Fluktuationsrate noch bei höchstens 1?2% liegt; obwohl das Klima an den Arbeitsplätzen teils kaum mehr auszuhalten sei, wie der Bankpersonalverband häufig gemeldet bekommt.
Die Banken wollen dennoch nicht von Entlassungen sprechen und warten mit anderen Massnahmen auf: Die Genfer Privatbank Edouard Constant beispielsweise will die 30 zu streichenden Stellen mittels Frühpensionierungen aufheben. Das dürfte allerdings schwierig werden. Denn die älteren Jahrgänge sind bei den ständigen Restrukturierungen seit Anfang der 90er Jahre bereits weitgehend ausgedünnt worden.
Die geringe Fluktuation ist nicht der einzige Grund, weshalb das «Ausnützen der natürlichen Abgänge» kein Wundermittel ist. Denn auch wenn es dank Pensionierungen, Mutterschaften oder dank den Besten, die es sich leisten können zu gehen, zu Personalwechseln im Unternehmen kommt, können Entlassungen nicht vermieden werden.
Der Grund: Es kündigen die Falschen. Die Qualifikationen und Funktionen der Mitarbeiter, die das Unternehmen freiwillig verlassen, stimmen nicht mit dem Anforderungsprofil derer überein, deren Stellen gestrichen werden. Die Zürcher Kantonalbank beispielsweise kann nur etwa 18 der 56 Personen, deren Arbeitsplatz abgebaut wird, intern umplatzieren. Bei der CS ist es knapp die Hälfte. Willy Rüegg erklärt: «Die hoch qualifizierten Spezialisten mit hohen Salären, die der Abbau am stärksten betrifft, sind intern nur schwer vermittelbar.»
*Teuer und blockierend*
Die Platzierung an sich ist nicht das einzige Problem: Die internen Versetzungen durchzuführen, führt laut Norbert Thom, Leiter des Instituts für Personal und Organisation an der Uni Bern, zu einem enormen Aufwand. «Sie gelingt nur, wenn die Betroffenen schon vorher im neuen Bereich gearbeitet haben und an Job-Rotation gewöhnt sind.» Daran fehle es aber in den meisten Schweizer Unternehmen. Die internen «Versetzungen im Notfall» sind nicht nur teuer, sondern lösen auch Ängste aus und blockieren die Mitarbeiter: Sie befürchten, schlechtere Leistungsbeurteilungen zu erhalten und weniger zu verdienen. Noch demotivierender ist es allerdings, wenn ihnen «schlechtere» Positionen, beispielsweise mit weniger Verantwortung, zugeteilt werden. Diese weit verbreitete Human-Resources-Politik hat für die Unternehmen einen willkommenen Effekt: Die Mitarbeiter gehen früher oder später von selbst.
«Das ist immerhin sozialverträglicher, als sie einfach zu feuern», ist George Sheldon, Professor für Volkswirtschaft an der Uni Basel, der Meinung. Wie förderlich dies für die Firmen ist, bleibt allerdings offen: Kurzfristig sind sie die Gewinner: Sie können Geld sparen, weil sie weniger für Entschädigungen und Sozialpläne ausgeben müssen. Langfristig verlieren sie einmal mehr: Die Loyalität und das Knowhow ihrer Mitarbeiter, denn wer kann, der geht, spätestens wenn es wieder aufwärts geht. Immerhin steigt auf diese Art die «natürliche» Fluktuation wieder.

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