Sulzer baut 55 Stellen in der Division Chemtech ab. Covit bietet Ihnen eine gute Ausrede für Ihre Strategiefehler, sagen die Gewerkschaften.
Das ist sehr unfair. Die Angestelltenverbände sind objektiver und viel zurückhaltender.

Aber Sie bauen bei Chemtech Stellen ab, ausgerechnet in der Corona-Krise.
Chemtech AG in der Schweiz ist in Europa aktiv. Hier werden Chemiefirmen und Raffinerien beliefert. Hier findet ein struktureller Wandel statt: In den nächsten Jahren wird in Europa nicht sehr viel in dieses Geschäft investiert. Das heisst, dieses Traditionsgeschäft ist unter Druck und wird es bleiben. Derweil hat sich das Geschäft nach Asien verschoben, da ist der Markt sehr aktiv. Und der Marktleader in China heisst Chemtech China. Wir haben da einen hohen Marktanteil und hohe Margen.

Aber es bleibt bei 55 Leuten in der Schweiz?
Die Regeln sind in der Schweiz so, dass wir 55 Stellen ankündigen mussten, obwohl wir einigen Transferangebote unterbreiten. In diesen Gesprächen stecken wir derzeit, deshalb kann ich keine abschliessenden Zahlen nennen. Aber am Schluss werden nicht 55 Arbeitsplätze abgebaut werden, sondern weniger.

Sie meinen: Die Mitarbeitenden können wählen: China oder Schweiz?
Es gibt Positionen in Chemtech Europa und innerhalb des Sulzer Konzerns. Die Diskussionen mit den Mitarbeitenden haben gerade begonnen.

Nicht nur Sulzer baut in der Corona-Krise Arbeitsplätze ab, sondern viele Schweizer Firmen. HZ protokolliert die Entwicklungen.

Sie haben in letzter Zeit schleichend Personal abgebaut.
Nein, wir haben seit 2017 ständig den Personalbestand erhöht, weltweit. Was nicht verwunderlich ist, zumal Sulzer jedes Jahr um 6 Prozent gewachsen ist. Aber wir bauen auch ab, und zwar in den zentralen Funktionen. Weil die zu gross geworden ist. Wir wollen die Leute an der Kundenfront haben, nicht in Büros, um den Leuten rund um den Globus Direktiven zu geben.

Klar ist der Aktienkurs nicht dort, wo er sein müsste.

In den nächsten 18 Monaten wird per Saldo der Personalbestand sinken?
Es gibt Bereiche, die wachsen, dazu gehören Wasser, Chemikalien, Service. Aber es gibt andere, die strukturell herausgefordert sind. Dazu gehört das Energiegeschäft. Ja, die Bilanz beim Personalbestand wird in den nächsten anderhalb Jahren negativ sein.

Der Aktienkurs von Sulzer liegt 20 Prozent unter 2015, dem Jahr, als Sie begannen.
Der Aktienkurs ist etwa dort, wo ich angefangen haben, wenn man die Sonderdividende von 500 Millionen berücksichtigt, die wir ziemlich kurz nach meinem Antritt ausbezahlt haben. Zufrieden sind wir nicht, aber der Kurs war auch schon bei 140 Franken.

Also unzufrieden?
Klar ist der Aktienkurs nicht dort, wo er sein müsste, wenn man unsere guten Resultate betrachtet.

Das Öl&Gas-Geschäft gilt als gefährdet und verunsichert die Investoren. Denn bei einem tiefen Ölpreis will sich niemand die Finger verbrennen.
Wir müssen die Fakten anschauen. Öl & Gas macht bei Sulzer 30 Prozent des Umsatzes aus, aber nur 15 Prozent sind Ausrüstungen, die unter Druck sind. Die andere Hälfte sind Services, dieses hochmargige Business läuft normal weiter. Das heisst: Bloss 15 Prozent des Umsatzes sind abhängig vom Ölpreis. Wir sind also gar nicht so stark exponiert, wie man meint. Diese Vorstellung stimmt schlicht nicht.

Wann ist der Aktienkurs wieder über der 100-Franken-Grenze?
Die Analysten gehen in der Mehrheit davon aus, dass er weit über 100 Franken liegen sollten. Letztes Jahr standen wir bei 125 Franken, damals lag die operative Marge bei 9,5 Prozent. Nun rechnen wir damit, dass wir nächstes Jahr wieder auf dem Margenniveau der Vor-Covit-19-Zeit sind. Nochmal, der Einfluss von Öl& Gas auf Sulzer wird überbewertet.

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Sie sind bald fünf Jahre im Amt: Sie haben eine Restrukturierung hinter sich, Sanktionen der USA erlebt, den Einbruch beim Ölpreis, eine weltweite Pandemie. Haben wir etwas vergessen?
Langweilig wurde uns jedenfalls nicht. Aber es zeigt: Die Welt ist komplex und unberechenbar. Es gibt Zeiten, da passiert in zehn Jahren nicht viel, dann gibt’s Zeiten, da passieren in einem Jahr zehn grosse Dinge.

Wie stark drücken die Sanktionen Ihres Haupaktionärs auf den Aktienkurs? Um 10 Prozent?
Schwer zu sagen. 10 Prozent, vielleicht sogar höher. Da gibt es sicher eine Belastung, die auf Sulzer liegt.

Ihr Applicator-Geschäft beliefert die Kosmetikindustrie und Zahnärzte mit feinen Bürsten. Das Geschäft ist eingebrochen. Wie schlimm ist es?
Es brach um 22 Prozent ein. In der Corona-Krise fiel es aus nachvollziehbaren Gründen wie ein Stein, aber jetzt zieht es wieder an. Wir werden da wieder auf das Vor-Covid-Niveau kommen und das Geschäft weiterentwickeln. Der Markt ist weiterhin attraktiv, deshalb nehmen wir keine strukturellen Änderungen vor.  Da reden wir von einer Marge von über 20 Prozent, also von einem tollen Business. Das einzige Problem ist: Wenn die Leute wegen der Lockdowns nicht zum Zahnarzt gehen oder nicht im Laden ihre Bürsten für die Wimpern kaufen können.

Ist ein Börsengang geplant des Applicator-Geschäfts?
Wir haben die Absicht, es in ein paar Jahren in die Unabhängigkeit zu entlassen. Es könnte ein Plan sein, dieses einer neuen Aktionärschaft zu übergeben. Wie gesagt: Dieses Geschäft ist sehr solide, hat eine hohe Marge. Und es braucht den Rest von Sulzer nicht. Unabhängig würde es zu einem viel höheren Multiplikator bewertet als der Industriekonzern Sulzer.

15 Faktor käme hin?
Das tönt durchaus realistisch.

Sie meinen: Im Sulzer-Konzern geht diese Renditeperle unter?
Ich glaube, wir sind ein guter Eigentümer. Doch es fehlt an Synergien mit den anderen Divisionen. Die Frage ist weniger die nach dem Eigentümer, als vielmehr die der richtigen Bewertung. Wie erwähnt, glaube ich, dass Applicators Systems ausserhalb von Sulzer mehr wert sein dürfte, als innerhalb.