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Swatch Group: Paradies auf Zeit

Swatch-Group-Chef Nick Hayek: Sein Konzern fakturiert viele Europalieferungen via Funchal.

Der Uhrenkonzern wickelt grosse Teile seines Europageschäfts über das Steuerparadies Madeira ab - und spart dank dem Umweg noch viel Geld.

Von Benita Vogel
am 24.02.2011

Die Insel im Atlantik liegt am äussersten Rande Europas, näher bei Marokko als dem Stammland Portugal. Einen Direktflug aus der Schweiz gibt es nur gerade einmal pro Woche. Trotzdem zieht Madeira die Besucher in Scharen an. Früher diente der Hauptort Funchal als Kurort für europäische Adelige, die im milden Klima ihre Krankheiten kurierten. Heute ist Madeira Paradies für Wanderer, Taucher, aber auch für Firmen, die ihre Steuern optimieren wollen.

Auf der Atlantikinsel lassen sich Steuern sparen - und das auf ganz legale Weise. Null oder 4 Prozent bezahlen ausländische Firmen, je nachdem, wann und wie sie sich in der «Zona Franca da Madeira» angesiedelt haben. Das sind paradiesische Zustände, selbst im Vergleich zu der für tiefe Unternehmenssteuern bekannten Schweiz. Hierzulande müssen Unternehmen dem Fiskus zwischen 15 und 25 Prozent abliefern.

Die Tiefsteuerpolitik ist von der Europäischen Union abgesegnet. Brüssel hatte die Steuerfreizone auf der Insel Ende der 1980er-Jahre als Entwicklungshilfe für das Armenhaus Portugals eingerichtet. Anstatt Subventionen nach Madeira zu lenken, sollten mittels Steuererlass Unternehmen auf die Insel geholt werden.

200 kleine Firmen, eine grosse

Angelockt haben die Madeiraner insbesondere Handels- und Holdingfirmen. 2700 sind es bis dato, 200 davon haben Schweizer Wurzeln. Meist sind es kleine Firmen mit unbekanntem Namen. Doch es gibt eine Ausnahme: Der Uhrenmulti Swatch Group betreibt in Funchal gleich zwei Gesellschaften. Die erste wurde 1994 gegründet und profitiert vom Null-Prozent-Steuersatz.

Die Bieler fakturieren einen Grossteil der Lieferungen an die europäischen Ländergesellschaften über die beiden Tochterfirmen, die in einem unscheinbaren Gebäude an der Rua Brigadeiro Oudinot in Funchal residieren. Im Geschäftsbericht der Swatch Group (Deutschland) steht: Swatch Deutschland «vertreibt im Wesentlichen Uhren und Schmuck als Kommissionär in eigenem Namen und für Rechnung der Swatch Group (Europa) Funchal, Madeira». Geliefert wird die Ware indes nicht von Madeira aus.

Dank dem Umweg über die Atlantikinsel können die Gewinne in den Ländergesellschaften des weitverzweigten Konzerns niedrig gehalten werden. Die bedeutenden Summen fallen im steuergünstigen Madeira an. Mit dieser Kommissionsstruktur arbeitet auch eine weitere deutsche Tochter, die Les Boutiques GmbH. Sie vertreibt die Ware für die zweite Madeira-Gesellschaft, die Swatch Group (Europa II), die seit 2004 besteht. Auch sie ist steuerfrei, das heisst: Es fallen keinerlei Gewerbe- und Körperschaftssteuern, keine lokale Steuern oder keine Quellensteuern auf Lizenzen an. Der Konzern, der wie kaum ein anderer vom Label Swiss Made lebt, spart also dank der von der EU abgesegneten Steuerfreizone viel Geld.

Der Entscheid für Madeira sei aus betrieblichen Gründen gefallen, erklärt Swatch. Man habe so das Europa-Geschäft zentralisieren, Exportdokumentationen vereinheitlichen und Wechselkursrisiken abfedern können, wie Sprecherin Beatrice Howald ausführt. Von einer Kritik, dass der Konzern Steuern optimiere, habe man noch nie gehört. «Im Gegenteil, wir hören etwa, dass unsere Steuern höher sind als bei anderen vergleichbaren Unternehmen», fügt Howald an. Die Swatch-Steuerquote liegt bei fast 23 Prozent.

Gleichzeitig sagt sie: Steueroptimierungen seien in einem ganz klaren steuerrechtlichen Rahmen der einzelnen Staaten möglich. «Diese Möglichkeiten auszunutzen ist nicht nur das gute Recht jeder Gesellschaft, sondern auch die Pflicht der guten Bewirtschaftung.»

Das tut Swatch. Ein Blick in den Geschäftsbericht zeigt, dass die Finanzierung des Konzerns von Luxemburg aus gesteuert wird. Dort hält der Uhrenriese eine hochkapitalisierte Finanzgeselleschaft, in der Zinszahlungen der Ländergesellschaften zusammenfliessen.

2004 wurde zudem bekannt, dass Swatch-Lieferungen nach Asien über die Tochterfirma auf den British Virgin Islands fakturiert werden. Damals behaupteten zwei ehemalige Mitarbeiter, Swatch habe intern überhöhte Verrechnungspreise gestellt, damit der Gewinn in der Steueroase statt den Ländergesellschaften angefallen sei. Einer der beiden war vorgängig entlassen worden. Ihre arbeitsrechtlichen Klagen wurden abgewiesen.

Chef Nick Hayek ging aber über die Bücher, wie er damals sagte. Er schaltete das Image-Risiko Virgin Islands aus. Die Tochterfirma wurde 2006 stillgelegt. Laut Swatch ist der Entscheid, die Niederlassung zu schliessen, «mindestens sechs Monate vor den unbegründeten Anschuldigungen der Mitarbeiter getroffen worden». Die Unternehmen der Swatch Group würden laufend von den Steuerbehörden überprüft. Die Überprüfung habe keine Beanstandungen ergeben.

Swatch prüft Alternative zu Madeira

In Madeira ist Swatch bis heute geblieben. Madeira gilt allerdings nicht als Offshore-Gebiet, weil alle Firmen im Handelsregister eingetragen sind, eine Steuernummer haben und von der Regierung kontrolliert werden. Der Steuererlass ist auf der Insel zudem limitiert. Ende dieses Jahres läuft die komplette Befreiung aus. Ab 2012 gilt für alle Madeira-Firmen ein Steuersatz von 4 Prozent. Zwischen 2013 und 2020 werden die Unternehmen dann mit 5 Prozent besteuert. Für die Steuerabteilung von Swatch bedeutet dies ein Umdenken: «Wir sind dabei, Alternativen zu prüfen», sagt Sprecherin Howald.

Für Portugal stehen Neuverhandlungen mit der EU über eine Verlängerung an. In zwei bis drei Jahren soll eine Verlängerung diskutiert werden, wie Roy Garbiladi vom International Business Center in Madeira sagt. Ob es sich Brüssel im aktuellen Kampf gegen Steuerparadiese leisten kann, im eigenen Haus Steuerprivilegien gutzuheissen, wird sich zeigen. Immerhin darf Madeira darauf zählen, ein Paradies für Wanderer und Taucher zu bleiben.

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