Syngenta hebt ab. Der Agrokonzern hat eine Firma gekauft, die Drohnen auf dem Feld testet. Zudem bringt die wohl gut Milliarde Dollar teure Übernahme von Nidera die notwendige Verstärkung lateinamerikanischen Saatgutgeschäft.

Die Übernahme zeigt: Der Plan, Syngenta zum führenden Agrokonzern hochzumachen, nimmt Gestalt an. Konzernchef Erik Fyrwald schraubt an allen Ecken und Enden, seit er im Mai 2016 in Basel ans Ruder kam: neue Geschäftsleitung, mehr Mittel für R&D, Um-, Aus- und Abbau.

Der grosse Abwesende dabei: Michel Demaré, Ex-Syngenta-Verwaltungsratspräsident und Architekt der Mega-Übernahme durch die Chinesen. Vor Weihnachten, nur sieben Monate nach Abschluss des Deals, verabschiedete er sich – «aus persönlichen Gründen». Es sei Zeit, «weiterzuziehen». Doch das ist nur das eine. Dem Abgang waren Meinungsverschiedenheiten über die Refinanzierung des 43 Milliarden Dollar schweren Deals vorausgegangen.

Die Chinesen mit dem neuen Verwaltungsratspräsidenten Ren Jianxin wollten die Übernahme auf Kosten der übernommenen Syngenta stemmen, doch dafür war der auf solide Finanzen bedachte ehemalige ABB-Kassenwart Demaré nicht zu haben. Pikant dabei: Der Konflikt mit den Chinesen war bereits ausgebrochen, als der Deal im Mai besiegelt wurde. Mehr noch: Die vier unabhängigen Verwaltungsräte unter dem Vorsitz von Demaré waren bereits desavouiert, bevor sie die Arbeit aufnahmen. Das zeigen Recherchen der «Handelszeitung».

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Vor vollendeten Tatsachen

Vereinbart war, dass die «Schweizer» Truppe mit Demaré an der Spitze Entscheidungen des Verwaltungsrats blockieren kann, wenn sie dazu führen, dass die Ratingagenturen das Unternehmen unterhalb des Investmentgrads situieren.

Nur: Dass es Probleme mit dem Rating geben würde, war schon klar, als der Deal im Mai 2017 besiegelt wurde und Ren und Demaré in Basel chinesisch-schweizerische Verbrüderung feierten. Die Pläne zur Refinanzierung des Deals waren nämlich bereits im April den Ratingagenturen vorgelegt worden.

Keine Probleme gab es bei S&P. Die Agentur wertete die Tatsache, dass die chinesische Regierung hinter Chemchina steht, als Plus und beliess es bei einer Herabsetzung auf BBB-, eine Stufe über Junk. Bei Moody’s aber schnappte die Falle zu und Syngenta landete unter dem Strich – ähnlich tief wie die chinesische Mutter Chemchina. Die Unabhängigen standen vor einem Fait accompli. Der Fehlstart war perfekt.

Demaré stand in Sachen Finanzierung auf der Bremse, die Chinesen, mit Konzernchef Erik Fyrwald im Schlepptau, wollten Gas geben. Das Muster wiederholte sich, als es um die Übernahme der Assets ging, die Bayer auf Geheiss der Wettbewerbsbehörden als Folge der Übernahme von Monsanto loswerden musste.

Die Bayer-Geschäftsfelder gingen schliesslich für atemberaubende 5,9 Milliarden Euro an BASF, die sich damit als vierter Agro-Player neben Syngenta/Chemchina, Bayer/Monsanto, Dow/DuPont etablieren konnte. Das Spiel war aus für Syngenta – auch wenn der Konflikt um die Finanzierung nur einer von mehreren Gründen war, warum es nicht zum Deal kam.

Dazu kam, dass sich Ren entgegen den Abmachungen als äusserst aktiver Präsident entpuppte und Demaré in die Rolle eines Statisten gedrängt wurde. Dabei hätte er doch Ren vertreten sollen, wenn es unmittelbar um Syngenta ging. Deshalb war er ja im gleichen Umfang wie bisher entschädigt worden. Konkret: Demaré bezog als Vize weiterhin sein Präsidentengehalt von zuletzt 1,75 Millionen Franken. Auch das habe für Missstimmung gesorgt, heisst es.

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Dabei hatte alles so gut begonnen. Ren soll Demaré regelrecht bekniet haben, die Rolle des Vizepräsidenten und Anführers der unabhängigen Verwaltungsräte zu übernehmen, heisst es. Kein Wunder: Der Belgier Demaré, der damals gerade Schweizer geworden war, war wichtig, um in der Schweiz Goodwill für die chinesische Mega-Transaktion zu schaffen.

Doch der Wurm war von Anfang an drin. So soll Demaré viel Energie darauf verwendet haben, Kontakte zu anderen chinesischen Wirtschaftsführern aufzunehmen – vor allem im Umfeld des Volkskongresses vom Oktober, als nicht klar war, ob Ren als Sieger aus der Krönungsmesse von Staatspräsident Xi Jinping hervorgehen würde. Das Vorgehen sei bei den Chinesen schlecht angekommen, heisst es.

Klar ist, dass Demaré mit einem Abgang jetzt nur gewinnen kann. Sollte das chinesisch-schweizerische Grossprojekt fallieren, so wird man das nun nicht mehr ihm anlasten. Derweil kann er in Ruhe sein Verwaltungsratsportfolio neu ordnen. Die Ausgangslage ist ausgezeichnet. Auf dem Verwaltungsratsmarkt ist er im Moment derjenige, der seinen Investoren einen fantastischen Deal verschaffte.

Das Timing ist perfekt

Das Timing stimmt. Das wichtigste Mandat des 61-Jährigen, das UBS-Vize-Präsidium, läuft in maximal drei Jahren aus und mit der Louis Dreyfus Company ist er nicht ausgelastet. Ein erster Zug ist schon getan: Seit Februar ist Demaré Verwaltungsrat der britischen Vodafone.

Seine Rolle bei Syngenta übernimmt derweil Jürg Witmer – ein altgedienter Chemie-Verwaltungsrat. Er soll in finanziellen Fragen flexibler sein. Das heisst nicht, dass die Chinesen mit ihm leichtes Spiel haben werden. Witmer gilt als einer, der sich nichts vormachen lässt.

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Syngenta hält sich bedeckt zur Stabsübergabe: «Wir sind nicht in der Lage und es wäre auch nicht angebracht, über die persönlichen Entscheidungen von Herrn Demaré zu spekulieren.»

Der Basler Agrokonzern Syngenta hat im ersten Jahr unter teilweise chinesischer Ägide weniger Umsatz gemacht. Die Verkäufe sanken um 1 Prozent auf noch 12,65 Milliarden Dollar. Grund waren Einbrüche beim Geschäft in Lateinamerika.

Der Grossteil des Umsatzes stammte aus Pestiziden (9,24 Milliarden Dollar), wo der Umsatz um 3 Prozent sank. Positiv lief es beim Saatgut, wo das Unternehmen Nachholbedarf hat (plus 6 Prozent auf 2,83 Milliarden). Der Cashflow betrug 1,7 Milliarden Dollar.

Syngenta wurde im Mai 2017 für 43 Milliarden Dollar vom chinesischen Staatskonzern Chemchina übernommen, nachdem es einen Übernahmeversuch von Monsanto erfolgreich abgewehrt hatte. Inzwischen ist das Unternehmen dekotiert.

Der Rest der Agrobranche steckt noch immer mitten in einer Konsolidierung. Bayer beisst sich an der Übernahme der amerikanischen Monsanto die Zähne aus. Dow und DuPont sind mit einer komplexen Zusammenführungsaktion beschäftigt.