Seine Landsleute nennen den Jack Ma schlicht den «Bill Gates von China». Tatsächlich ist der Aufstieg des 50-jährigen Internetpioniers ähnlich legendenumwoben, wie der des Microsoft-Gründers. Vom Westen weitgehend unbemerkt erschuf Ma ein gigantisches Imperium – und strebt in dieser Woche in New York den grössten Börsengang der Geschichte an. Bis zu 24 Milliarden Dollar könnte die Erstemission dem Online-Händler einbringen.  

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Zum Vergleich: Facebooks Börsengang erreichte im Mai 2012 ein Gesamtvolumen von 16 Milliarden Dollar, die Agricultural Bank of China sammelte 22 Milliarden ein. Nun hob Alibaba die Preisspanne wegen der enormen Nachfrage sogar auf 66 bis 68 Dollar je Aktie an, wie aus am Montag veröffentlichten Dokumenten der Börsenaufsicht SEC hervorging. 

Microsoft als Vorbild

Ob der maximale Ausgabepreis wie bislang gedacht bei 66 Dollar oder 68 Dollar liegt, dürfte für Ma indes keine grosse Rolle mehr spielen. Alibaba ist schon jetzt der weltgrösste Internethändler. Analysten schätzen den Wert des Konzerns auf über 150 Milliarden Dollar. Und auch das Privatvermögen von Ma kann sich sehen lassen. 11 Milliarden Dollar soll der ehemalige Englischlehrer gemäss «Forbes» in den vergangenen 15 Jahren angehäuft haben.

«Ich sehe vielleicht noch lustiger aus als Bill Gates», sagte Ma einmal in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger». Und so reich wie der Microsoft-Gründer werde er wohl auch nie werden. Doch ansonsten sei Gates durchaus ein Vorbild. «Ich will eine Firma wie Microsoft gründen, einen Konzern, der das Leben der Menschen beeinflusst.»

Anfänge in der Privatwohnung

Dem nur 1,50 Meter grossen Ma, sind die Milliarden nicht in den Schoss gefallen. Einen internetfähigen Computer hat er nach eigenen Angaben erstmals 1995 in den USA gesehen. Als er die Neuheit seinen Freunden in China habe vorführen wollte, dauerte das Laden einer halben Seite dreieinhalb Stunden, erzählt Jack Ma gerne den Medien. «Aber ich war stolz. Ich hatte bewiesen, dass das Internet existiert.»

Und so gab Ma Yun, wie er vor seiner Internet-Karriere noch genannt wurde, seine Jobs als Englischlehrer und Geldeintreiber auf und widmete sich der Entwicklung des World Wide Web im Reich der Mitte. 1999 gründete er mit 17 Mitstreitern und einem Startkapital von 60'000 Dollar Alibaba.com. Als Büro diente seine Wohnung in Hangzhou, knapp 200 Kilometer südlich von Shanghai gelegen.

China ist anders

Inzwischen ist daraus ein Konzern mit 25'000 Mitarbeitern und 300 Millionen Kunden geworden. Besonders erfolgreich sind die Handelsplattform Taobao («Schatzsuche») und der Mikroblogging-Dienst Weibo. Der Aufstieg von Ma und seinem Konzern sind nicht allein dem Elan des Gründers zuzuschreiben. Pekings Zensur ausländischer Internetunternehmen wie Google, Youtube und Facebook hat den chinesischen Unternehmen eine lukrative Nische geschaffen. Das ist ein wichtiger Baustein für die grossen Erfolge der Suchmaschine Baidu oder eben Alibaba.

Fragen zur Internetzensur oder zur – fehlenden – Demokratie in China beantwortet Jack Ma nur zurückhaltend. Im Interview, als Alibaba noch ein Versprechen für die Zukunft und nicht der umworbene Internetriese war, gab Ma einen kurzen Einblick in seine politischen Ansichten. Zu schnelle Veränderungen könnten in eine Katastrophe führen, warnte Ma damals. «Chinas Kultur unterscheidet sich vom Westen, insbesondere von der amerikanischen Kultur, wo schon die Kinder seit Generationen lernen, was Freiheit und Demokratie bedeutet und wie man diese Werte schützt.» Die chinesische Regierung werde offener, doch Druck von aussen sei kontraproduktiv.

Freunde beim Staat

2013 zog sich Ma aus der Konzernleitung von Alibaba zurück. Dem Verwaltungsrat steht er jedoch weiterhin beratend zur Seite. Zudem ist er noch mit rund acht Prozent am Unternehmen beteiligt. Und für seine Landsleute ist er weiterhin das grosse Aushängeschild der boomenden Internet- und Technologieindustrie. Mas Auftritte im Rahmen der Roadshow zur Anwerbung potenzieller Investoren für den Börsengang wurden sogar vom Staatsfernsehen live übertragen.

Er habe viele Freunde, die für die Regierung arbeiteten, doch Geschäfte mache er nicht mit dem Staat, sagte Ma 2006. «Die Regierung liebt uns, weil wir Arbeitsplätze schaffen und Menschen helfen, Geld zu verdienen.»

(mit Material von awp, sda und reuters)