Im Januar geschah etwas, was viele für unmöglich hielten: Tesla überholte Volkswagen an der Börse. Der Elektroautohersteller erreichte erstmals einen Wert von über 100 Milliarden. War das das ultimative Signal? Werden die Kalifornier die Wolfsburger weiterhin überflügeln? Neu oder alt, jung oder traditionell?

Solche Fragen kommt immer wieder auf: Die jüngste Kursrallye von Tesla scheint nun dem Unternehmen von Elon Musk den Rücken zu stärken. Doch kann man den Playern im Aktienmarkt vertrauen? Spielen wir das Fallbeispiel durch: Tesla versus Volkswagen.

Das spricht für Tesla

1. Tesla baut nicht nur Autos, sondern erschafft Welten
In Sachen Technologie, Reichweite und autonomes Fahren reicht zurzeit niemand Tesla das Wasser. Denn ein Tesla unterscheidet sich in der Hard- und Software grundsätzlich von anderen Elektroautos. Firmengründer Musk verfolgt einen anderen Ansatz als Volkswagen: Er will nicht nur ein Produkt herstellen – also ein Gefährt –, sondern schaffen eine ganze Welt drumherum: Upgrades, Aufladestationen, Entertainment, Versicherungen.

2. Mit dem Model 3 gibt es ein konkurrenzfähiges Auto
Mit dem Model 3 hat Tesla ein Auto geschaffen, das es vom Preis her mit anderen Elektroautos auf dem Markt aufnehmen kann. Dazu kommt: Tesla hat die tieferen Kosten per Kilometer als ein Elektroauto von Volkswagen.

3. Autonome Lastwagen und Pick-ups erweitern die Produktpalette
Um auch künftig als Autokonzern mitmischen zu können, versucht Tesla seine Produktpalette zu erweitern und nicht nur auf die Elektroautos S, X, Model 3 und bald Y und Roaster zu setzen. Tesla möchte bald auch selbstfahrende Elektro-Trucks auf den Markt bringen. Das Timing dafür ist nicht schlecht: Der amerikanische Bundesstaat Kalifornien schreibt ab 2024 einen steigenden Anteil von Lastwagen ohne klassische Verbrennungsmotoren vor. Dort kann Tesla punkten.

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Elon Musk hat mit seinem abgefahrenen Cyber-Truck auch seine Vision eines Pick-ups vorgestellt – die Art von Autos sind vor allem für den amerikanischen Markt wichtig und er greift damit die bewährten Player wie Ford, Toyota oder Chrysler an.
 

4. Tesla kann flexibler agieren als grosse Autokonzerne
Tesla ist ein junges Unternehmen und nicht so ein grosser Tanker wie der Volkswagen-Konzern. Dort sind die Familien Porsche und Piech beteiligt, aber auch das Bundesland Niedersachsen verfügt über einer Sperrminorität. Bei Tesla kann Gründer und Chef Elon Musk beinahe im Alleingang entscheiden. Damit lassen sich Innovationen schneller umsetzen.

5. Das beste Marketing für Elektroautos
Tesla beherrscht das Marketing rund um ihre Produkte wie fast kein anderes Unternehmen. Auf Youtube, Social Media oder in den Medien gelingt es Tesla immer wieder, für Aufsehen zu sorgen. Nicht zuletzt auch wegen dem charismatischen Chef. Er bringt Tesla ständig global ins Gespräch, sei es mit grossen Ankündigungen oder mit überraschenden Präsentationen – etwa des Cybertrucks. Tesla hat Fans – wie Apple. Nicht Käufer.

6. Tesla hat keinen Grossskandal am Hals
Das Unternehmen geriet zwar durch tödliche Unfälle mit Tesla-Fahrzeugen, insbesondere im autonomen Modus, immer wieder in die Schlagzeilen. Auch die jüngste Auswertung der Qualitätsmerkmale von Tesla-Modellen liess zu wünschen übrig. Aber Tesla ist nicht im Sumpf einer Diesel-Affäre wie Volkswagen. Deshalb sind umweltfreundliche Autokäufer besonders offen gegenüber dem Autobauer aus Kalifornien

7. Vorpreschen in den europäischen Markt
Mit dem Bau der «Gigafactory» bei Berlin hat Tesla ein Statement gesetzt: Nach den USA und China will der Elektroautohersteller nun den europäischen Markt erobern – und zwar vom Herzen der kontinentalen Autoindustrie aus. Offen bleibt, wie schnell der Bau in Grüneheide vorangeht, wann Tesla dort die Produktion aufnehmen kann. Denn es geht nicht nur um die geplanten Stückzahlen von über einer halben Million Fahrzeuge pro Jahr, sondern auch darum, ob Tesla seine Wahrnehmung als amerikanischer Autobauer in einen globalen Produzenten umwandeln kann. 

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Die Strategie von Tesla ist nicht chaotisch – sie ist brillant

8. Den Bedarf nach Lithium-Batterien selbst in die Hand nehmen
Elektroautos benötigen Lithium-Batterien. Diese bestehen aus dem Rohstoff Kobalt, der vorwiegend im Kongo abgebaut wird. Einer der grössten Produzenten ist der Schweizer Konzern Glencore. Tesla hat durch eine langjährige Zusammenarbeit mit Panasonic den Nachschub von Lithium-Batterien konsequent sichergestellt. Mit der steigenden Kapazität möchte Elon Musk nun aber selber Batterien herstellen und sucht den direkten Anschluss an die Quellen von Kobalt. Zudem arbeitet Tesla an einem Verfahren, Batterien ohne Kobalt auf den Markt zu bringen

Das spricht für Volkswagen

1. Volkswagen rührt mit der grossen Kelle an
Der Wolfsburger Autokonzern kündigte Ende November an, in den nächsten fünf Jahren rund 60 Milliarden Euro in die Entwicklung und den Bau von Elektroautos zu investieren. Das sind rund 40 Prozent der Gesamtausgaben. In zehn Jahren sollen über 75 Elektro-Modelle auf dem Markt sein. VW-Chef Herbert Diess sagte jüngst zur «Financial Times»: «Es gibt keine Alternative zu Elektroautos.» Ab 2023 will VW eine Million Elektroautos pro Jahr herstellen, 2025 drei Millionen Stück. Der Konzern hat 2019 erst 140'000 Elektroautos verkauft. Dieses Jahr sollen vier neue E-Modelle kommen. 

2. Das Portfolio von Volkswagen ist breiter gestreut
Der drittgrösste Autokonzern der Welt hat rund ein Dutzend Marken im Portfolio, darunter Audi, Porsche oder Bentley. Einige davon sind hochprofitabel. Volkswagen kann den Bereich Elektroauto somit mit mehreren Brands mit unterschiedlichen Margen auf mehreren Kanälen spielen. Und dabei fahren erst 2,5 Prozent aller weltweit verkauften Autos mit Elektroantrieb.

3. VW wird günstigere Elektroautos bauen können
Mit dem VW-ID hat Volkswagen ein Elektroauto für rund 30'000 Euro entwickelt. Der Konzern kündigt bereits eine Version für rund 20'000 Euro an. Das Model 3 von Tesla kostet rund 43'000 Euro. Tesla hingegen fährt trotz des meistverkauften Tesla – dem Model 3 – weiterhin auch eine Hochpreis-Strategie. Das zeigt die Ankündigung des Roadster. VW kann dadurch zunehmend Modelle in der unteren Preisklasse lancieren und neue Zielgruppen gewinnen.

4. VW lizenziert seinen modularen Elektro-Baukasten an andere Hersteller
Volkswagen entwickelt seit 2015 einen «modularen E-Antriebs-Baukasten» auf dem die bisherigen E-Autos des Konzerns basieren. Mit dem modularen System kann der Autobauer auch kostengünstiger produzieren. Der MEB wird bei allen Marke eingesetzt, also bei Volkswagen, aber auch beim neuen Audi e-tron oder dem Porsche Taycan. Doch VW benutzt dieses System nicht nur für seine eigenen Autos. Andere Hersteller können eine Lizenz daran erwerben. Das hat beispielsweise Ford im vergangenen Jahr gemacht und 600'000 Stück des Baukastens bestellt.

5. Die Grösse des Konzerns ist Trumpf
Der Volkswagen-Konzern ist der grösste Autohersteller Europas, betreibt aber auf der ganzen Welt über 120 Fertigungsanlagen auf fast allen Kontinenten mit beinahe 700'000 Beschäftigten. Laut Plänen von VW-Chef Herbert Diess werden bis 2020 in acht Werken auf drei Kontinenten E-Autos produziert. Damit kann VW die Auslieferung von E-Autos sicherstellen, während Tesla noch am Bau ihrer Gigafactory in Berlin beschäftigt ist. In den nächsten neun Jahren will VW 26 Millionen emissionsfreie Fahrzeuge produzieren.

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Deutsche Autobauer besonders innovationsfreudig: So liegen Volkswagen, BMW und Daimler im Index-Ranking vom Center of Automotive Managemen vor Toyota und Tesla.

Quelle: Statista

6. Andere Autohersteller setzen weniger entschlossen auf Elektroautos
Der grösste Autokonzern der Welt – Toyota – produziert zwar auch E-Modelle, hat aber bisher keine klare strategischen Ausrichtung auf Elektroautos zu erkennen gegeben.  Dasselbe gilt für das Konglomerat Renault-Nissan-Mitsubishi: Es gibt zwar Bemühungen rund um Elektroautos, aber sie haben keine Modelle im Premium-Segment, die mit Tesla, BMW oder Audi mithalten können. Die anderen grossen Autohersteller überlassen das Feld der Elektromobilität den Wolfsburgern, die früher damit angefangen haben. 

7. In China die Nummer Eins
Volkswagen ist im grössten Automarkt der Welt – China – die Nummer Eins. Nicht im Feld der Elektroautos, aber im gesamten Automarkt. Die Chinesen setzen voll auf Elektromobilität, der Markt hat vielversprechende Aussichten. VW möchte mit seiner ID-Serie noch dieses Jahr Fuss in der Volksrepublik fassen. Die Strategiekönnte aufgehen: VW spielt seine Power in Asien aus, während Tesla sich erst noch auf den europäischen Markt konzentrieren muss. Damit könnten die Wolfsburger die Kalifornier überholen. 

8. VW setzt nun auch auf Technologie
VW-Chef Herbert Diess zeigt Respekt: Tesla und Musk seien gut für VW, sie ziehen das Unternehmen nach vorne, betont er immer gerne. Eines scheint der VW-Chef begriffen zu haben: Ohne Technologie kann er Tesla nicht das Wasser reichen. Im Januar übernahm VW deshalb den Stuttgarter Datenspezialisten Diconium. Er baut eine Cloud auf, in der alle Daten der Maschinen, Anlagen und Systemen von VW zusammengeführt werden. Damit kann VW die effiziente Produktion von E-Autos vorantreiben. 

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Die 10 beliebtesten Automarken in der Schweiz (2008-2019) nach Neuzulassungen.
Quelle: Brightcove
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