Irgendwann in den letzten Stunden ist die Stimmung gekippt. Letzte Woche noch wollte man an Credit-Suisse-Chef Tidjane Thiam festhalten, ihm den Rücken stärken. Das Fass zum Überlaufen brachte, dass Thiams Lager – im Minimum mit seinem Wissen – dem Verwaltungsrat öffentlich drohte und gar den Kopf von VR-Präsident Urs Rohner forderte, sollte er Thiam belangen.

Es war eine ungeheuerliche Provokation, die sich der Verwaltungsrat nicht bieten lassen konnte. Es ist nicht der CEO, der mit seinen Claqueuren die Personalpolitik auf der Kommandobrücke diktiert. Nun hat Rohner, unterstützt vom starken Mann im Verwaltungsrat, Severin Schwan, einen Strich gezogen. Zu viel ist zu viel.

Die Oberaufsicht liegt beim Verwaltungsrat

Mit dem späten Machtwort von Rohner und Schwan sind die Hierarchien bei der Credit Suisse wiederhergestellt. Der Verwaltungsrat hat per Gesetz die Oberaufsicht, der Konzernchef und seine Truppe setzen um. Die Attacken aus dem Umfeld Thiam müssen für Rohner eine Lehre sein: Ein Verwaltungsratspräsident darf seinen Konzernchef nicht nach Belieben schalten und walten lassen. Denn es war seit Jahren bekannt, dass Thiam intern selbstherrlich agiert, Mitarbeiter wie Pappkameraden verschiebt, vor den Kopf stösst oder abserviert.

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Und es war jedem intern bewusst, dass sich in der Bank längst eine mächtige Parallelorganisation eingenistet hatte, die entgegen jeder Hierarchie die Bank im Griff hatte. Zuoberst sass Thiam, der via seinen Adlatus Pierre-Olivier Bouée die Grossbank an der kurzen Leine führte. Widerspruch gab es nicht, Abnicken und Umsetzen war gefragt.

Neue Führungskultur dringend nötig

Was die Credit Suisse nach dieser Erfahrung dringend braucht, ist eine neue Führungskultur. Weniger Ukas, mehr Erklärung. Weniger Alleingang, mehr Team. Mit Rohners Entscheid, Tidjane Thiam durch Thomas Gottstein zu ersetzen, hat der VR-Präsident gezeigt, dass er den Weg zurück zu einer Vertrauenskultur kennt. Jetzt muss er ihr – mit Nachdruck – zum Durchbruch verhelfen.   

Für die Personalie Rohner eine interessante Entwicklung. Seine offizielle Amtszeit läuft nächstes Jahr ab, dann muss er sein Mandat einem Nachfolger, einer Nachfolgerin übergeben. Theoretisch. Zwar hat Rohner selbst die Amtszeit im Verwaltungsrat von 15 auf 12 Jahre gekürzt. Das war vor fünf Jahren.

Die Hintertür für Urs Rohner

Doch der gewiefte Jurist hat im Organisationsreglement eine Hintertür einbauen lassen: Beim Vorliegen «besonderer Umstände», steht in Artikel 3.6., kann die Amtszeit für einen Verwaltungsrat um «höchstens drei Jahre» verlängert werden. Besondere Umstände wären durch die abrupte Einsetzung eines neuen, international noch wenig erfahrenen Bankers wie Thomas Gottstein als Bankenchef wohl gegeben. Eine Verlängerung würde Rohner jährlich ein Honorar von 5 Millionen Franken einbringen.

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Rohner selbst hat sich zu einer allfälligen Ehrenrunde im Verwaltungsrat nie geäussert. Allerdings ist zu hören, dass er vor einem halben Jahr mit diesem Szenario liebäugelte. Damals stand eine Ablösung von Thiam durch Iqbal Khan, den Chef der internationalen Vermögensverwaltung, zur Diskussion. Khan wechselte aber nach langem und hitzigem Streit mit Thiam letzten Herbst zum Konkurrenten UBS.

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