Feine Zurückhaltung gilt nicht unbedingt als Karriererezept in der Bankbranche, wo es von forschen Karrieristen nur so wimmelt. Doch ein Mann hat damit den Sprung nach ganz oben geschafft: Thomas Gottstein, 56. Seit fünf Jahren leitet er die Schweizer Bank der CS, nun wird er CEO der Credit Suisse Group. Tidjane Thiam, der Gottstein selber mit der Berufung zum Schweiz-Chef einst den entscheidenden Karriereschub gab, muss weichen.

Gottstein war 2015 einer der Kaderleute, die Thiam kurz nach seinem Amtsantritt bei seiner gezielten Suche nach internen Leuten mit Potential für Höheres identifiziert hatte. Dennoch machte sich Erstaunen breit, als er Ende 2015 zum Chef der Swiss Universal Bank bestimmt wurde – nicht nur in der Öffentlichkeit, die den Investment Banker aus der zweiten Führungsebene bislang nicht wahrgenommen hatte, sondern auch bei den Kollegen. Denn Gottstein galt zwar als Mann mit vielen Talenten, aber auch als einer, der seit seinem Einstieg 1999 dem ganz grossen Karrieresprung stets aus dem Weg gegangen war.

2008 etwa, als die CS einen neuen Leiter für das Firmenkundengeschäft suchte. Das ist bis heute eine der Gewinnmaschinen mit über 1900 Mitarbeitern. Raiffeisen-Mann Barend Fruithof, der den Job übernahm, war nur zweite Wahl – die Chefs wollten Gottstein, wie ein in den damaligen Personalentscheid involvierter Insider berichtet.

Doch Gottstein lehnte ab. Warum, wurde seinen Chefs bis heute nicht ganz klar. Die Sache sei schon etwas gross, liess er Vertraute wissen. Viele schüttelten den Kopf: Scheute er die Verantwortung? War ihm, dem Golf-Crack mit Handicap 0.2, die Zeit auf dem Green wichtiger?

«Er ist ein Vollblut-Investment-Banker»

Einer, der viele Jahre eng mit ihm zusammengearbeitet hat, glaubt zu wissen, was die Zurückhaltung bei Gottstein bewirkte: dessen eigene Einschätzung, er sei im Grunde für das Frontgeschäft geschaffen. «Er ist ein Vollblut-Investment-Banker», so der Mitstreiter.

Es kursieren legendäre Geschichten über ihn, zum Beispiel wie er im Jahr 2006 zusammen mit Private-Banking-Chef Walter Berchtold den Auftrag für den milliardenteuren Kauf von Quest durch den Aromahersteller Givaudan ergatterte, und dies, obwohl die beiden ohne Research angetreten waren. Ihr selbstbewusster Auftritt überzeugte den Kunden offenbar.

Thomas Gottstein sei ein begnadeter Kundenmann, schwärmen viele, die mit ihm zu tun haben. Er habe eine profunde Kenntnis der Märkte, eine schnelle Auffassung, sei stark im Präsentieren. Dabei gilt er als Mann ohne Dünkel, als angenehmer Typ, der mit vielen Kunden, die er einst durch geschäftliche Beziehungen kennen lernte, persönlich befreundet ist, etwa mit Ivan Glasenberg, dessen Glencore er an die Börse brachte.

Die Stärke an der Kundenfront war auch der Grund, weshalb die CS auf ihn aufmerksam wurde. Gottstein war zuvor beim Konkurrenten UBS tätig, wo er 1993 nach dem Ökonomiestudium als Junior-Investment-Banker eingestiegen war.

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Ganz loyal: Thomas Gottstein (3.v.l.) im Kreis der CS-Konzernleitung, Zürich, 4. November 2020.

Quelle: Screenshot | Instagram

Konkurrenten waren beeindruckt von Gottstein

1997 trat die UBS gegen die CS um einen Grossauftrag an: die Abspaltung des Ciba-Spezialchemiegeschäfts von Novartis. Auf UBS-Seite Thomas Gottstein, auf CS-Seite der Chef des europäischen Investment Bankings, James Leigh-Pemberton, und Marco Illy, Schweizer Investment-Banking-Chef. Der junge UBS-Banker beeindruckte seine Konkurrenten derart, dass ihn Leigh-Pemberton unbedingt abwerben wollte. Illy wurde aufgetragen, sich grünes Licht beim damaligen CS-Präsidenten Rainer E. Gut zu holen.

Der kannte Gottstein, war jener doch der Patensohn seines ärgsten Widersachers Nikolaus Senn, des inzwischen verstorbenen Ex-Präsidenten der Schweizerischen Bankgesellschaft – der Mann, der Guts Fusionsvorstoss von 1996 so rüde abgeblockt hatte. Über Gottstein hatte der CS-Präsident indes viel Gutes gehört.

Die Freundschaft der Familien Gottstein und Senn geht auf Mutter Roswitha Gottstein-Neff zurück, die mit Senn zusammen im Appenzellischen aufgewachsen ist. Klar war, dass die CS für Gottstein eine Chance darstellte, nicht nur, weil die Bank im Inland Marktführer war, sondern auch, weil sein bisheriger Arbeitgeber durch Geplänkel bei der Fusion von Bankgesellschaft und Bankverein gelähmt war.

So wechselte Gottstein die Fronten und wurde bald Leiter des Schweizer Kapitalmarktgeschäfts, später Co-Leiter für Europa. Eine Win-win-Situation: Thomas Gottstein zog für seinen Arbeitgeber manchen Deal an Land, dieser vergütete es ihm mit grosszügigen Boni.

2014 wechselte er ins Private Banking, doch als Chef der kleinen Gruppe der allerreichsten Privatkunden hatte er wiederum meist mit jenen Kunden zu tun, die er schon als Investment Banker betreut hatte. Für seine Führungserfahrung brachte dies wenig: Der Bereich besteht nur aus einer Handvoll Leuten. Als Chef der Schweizer Universalbank aber steht er über 17 000 Mitarbeitern vor.

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Der Golf-Crack Gottstein

Mehr als seine Rolle in der Bank gaben seine Auftritte auf dem Golfplatz zu reden: Mit einem Handicap von 0.2 zierte er lange Zeit die Spitze des jährlichen Golf-Rankings der BILANZ. Golfkollegen erzählen, er sei weniger oft auf dem Green anzutreffen, als sein Top-Handicap vermuten lasse. Das Geheimnis für sein gutes Spiel sehen sie vielmehr in der Tatsache, dass er den Sport schon als Kind gelernt hat.

Die Nähe zu Golf ist familiär bedingt. Sein Vater Fritz Gottstein war in den siebziger und achtziger Jahren Präsident des Golfclubs Schönenberg. Heute ist Bruder Markus, Rechtsanwalt bei Staiger, Schwald und Partner, im Clubvorstand – auch er ein Crack. Die Gottsteins sind eine Unternehmerfamilie, Fritz Gottstein ist ehemaliger Inhaber der Maschinenfabrik Meteor.

Vor allem in der Gymnasiumszeit spielten die beiden Söhne viel Golf. Generell waren die Gottstein-Brüder sehr sportlich. Sie spielten Fussball in der Juniorenabteilung des FC Zürich, Thomas als Mittelstürmer, Markus als Goalie – und wurden gar Schweizer Meister. Eine Zeit lang soll sich Thomas überlegt haben, eine Sportlerkarriere einzuschlagen. Bis heute schlägt sein Herz für den FCZ.

Im Studium spezialisierte sich Thomas Gottstein auf das Rechnungswesen und schloss bei Professor Conrad Meyer ab, der später als Präsident der «Neuen Zürcher Zeitung» amtete. Für die CS war er dann unter anderem in London tätig, heute residiert er in Küsnacht. Seine Ehefrau ist Ärztin. Das Paar hat zwei Söhne im Teenageralter. Alle fahren gut Ski, die Familie hat ein Ferienhaus in Klosters.

Abrupt ins Scheinwerferlicht

Aus diesem angenehmen Leben im Hintergrund wurde er mit der Berufung zum Schweiz-Chef 2015  abrupt ins Scheinwerferlicht gerissen. Bald richteten sich alle Augen auf ihn. Denn die CS plante die Schweizer Einheit bis Ende 2017 in einem IPO teilweise an die Börse zu bringen.

Doch es gab viele kritische Stimmen: Durch den Vorstoss, mit einer eigenständigen Tochter an die Börse zu gehen, wird die Kapitalallokation in der Gruppe erschwert, interne Verteilkämpfe und Konkurrenzdenken werden befeuert und Doppelspurigkeiten aufgegleist.

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Möglicherweise der eigentliche Grund, warum Gottstein den sehr anforderungsreichen Posten des Schweiz-Chefs nicht abgelehnt hatte, war, dass er künftig jene Bank leiten durfte, für die er selber die Blaupausen gezeichnet hatte – zusammen mit einer Truppe interner Spezialisten.

Möglich wurde dies, weil er vom ersten Moment an das Vertrauen seines neuen Chefs Tidjane Thiam gewinnen konnte. Dieser traf nach seinem Antritt im Sommer die Keyplayer der Bank zu Einzelgesprächen. Die Überzeugungskraft, mit der Gottstein so manchen Kunden zu gewinnen vermochte, wirkte offenbar auch bei Thiam.

Der hatte zwar allerlei externe Strategieberater engagiert, doch diese waren nur für die Analyse des Marktpotenzials zuständig. Idee und Ausgestaltung der neuen Strategie entstanden inhouse im kleinen Kreis, so ein Beteiligter. Involviert waren neben Gottstein etwa Finanzchef David Mathers und Investment-Banking-Kollege Illy.

Das IPO der Schweizer Einheit wurde dann allerdings abgeblasen – unter anderem weil Grossaktionäre wie David Herro von der US-Gesellschaft Harris Associates Zweifel an der Abspaltung geäussert hatten. Auch beim jetzigen Wechsel auf dem Konzernleitungsposten hatte Herro versucht auf den Entscheid des Verwaltungsrats einzuwirken, indem er sich öffentlich für einen Verbleib von Tidjane Thiam aussprach. Diesmal blieb Herros Agieren ohne Erfolg: Thiam wurde vom Verwaltungsrat unter Urs Rohner abgesetzt, der Schweizer Gottstein muss die Grossbank nun nach den Wirren um den Beschattungsskandal wieder in ruhigere Gewässer führen.

• Dieser Beitrag wurde erstmals im Dezember 2015 publiziert – nun aktualisiert.

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