Das hat Andreas Bieniek in 15 Jahren noch nie erlebt. Der Geschäftsführer des auf Last-Minute-Angebote spezialisierten Reisebüros Reisewelt in Zürich beobachtet zurzeit einen unglaublichen Preiszerfall bei den Ferienangeboten. Vor einigen Tagen hat er zum Beispiel ein Arrangement in Sardinien verkauft. Für den Flug am Hochsaisondatum 17. Juli inklusive Hotel und Mietauto hat er vom Kunden gerade mal 450 Fr. einkassiert. «Im Katalog ist das gleiche Angebot für 2200 Fr. ausgeschrieben», so Bieniek. Die Angestellte bei der Kuoni-Günstigmarke Helvetic Tours, von welcher das massiv verbilligte Angebot stammte, habe bei der Entgegennahme von Bienieks Reservation geweint.

Von solchen margenvernichtenden Tiefstpreisaktionen können weder Kuoni noch die Reisebüros leben. «Das Geschäft läuft im Moment katastrophal», so Bieniek. Trotz bester Passantenlage im Zürcher Oberdorf und Vorferienzeit ist sein Reisebüro an manchen Tagen menschenleer. Auch in vielen anderen Reiseläden sieht es zurzeit nicht besser aus. «Familienbadeferien sind total out», klagt Roman Mattle von Mawi Reisen im thurgauischen Bischofszell. Der Buchungsstand für Strandaufenthalte liegt bei ihm sogar 15% unter dem schwachen Vorjahreswert. Jörg Griss vom Reisebüro Stocker in Luzern klagt: «Die wenigen Familienbuchungen, die noch reinkommen, sind meist für die Herbstferien, für Juli und August geht nichts.» Die Verlagerung der Hauptreisezeit vom Sommer in den Herbst zeichnet sich in der Schweiz schon seit mehreren Jahren immer deutlicher ab.

Seit Ostern geht nichts mehr

Kein Wunder, dass Helvetic Tours kräftig an der Preisschraube drehen muss, um die freien Plätze im Juli auf den Maschinen der eigenen Chartergesellschaft Edelweiss irgendwie losschlagen zu können. Davon gibt es zurzeit noch jede Menge, denn der Branchenleader hat dieses Jahr in Erwartung des langersehnten Aufschwungs 10% mehr Kapazitäten aufgelegt, um im letzten Jahr verlorene Marktanteile zurückzugewinnen. Doch der Optimismus aus den ersten Monaten des Jahres ist vorerst weg. Kuoni-Chef Hans Lerch hatte im April noch von einem erfreulichen Buchungszuwachs von 25% gegenüber dem schwachen Vorjahr berichtet, doch seit Ostern geht gar nichts mehr.

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Auch bei den Konkurrenten Hotelplan und TUI Suisse ist nach einem viel versprechenden Jahresbeginn Ernüchterung eingekehrt. Der Umsatzvorsprung gegenüber 2003 ist auf rund 10% zusammengeschmolzen. «Die Anfragen sind seit einigen Wochen merklich zurückgegangen», räumt Hotelplan-Sprecher Hanspeter Nehmer ein.

Er ist allerdings überzeugt, dass das Sommergeschäft noch nicht gelaufen ist. «Im Vergleich zum Vorjahr wurde im Mai weniger gebucht», sagt auch TUI-Sprecher Roland Schmid. Gleiches berichtet der Chef der Reisebaumeister (RBM), Oskar Laubi. Zwar stehe das aus verschiedenen Spezialisten zusammengesetzte Reiseunternehmen noch immer besser da als vor einem Jahr, aber der erlittene Einbruch in den vergangenen Wochen sei happig. Laubi glaubt, dass für die Nummer vier der Branche per Ende Jahr vielleicht 5% mehr Umsatz resultiert als 2003. Ähnliches ist bei der Konkurrenz zu erwarten. Die Branche ist also noch meilenweit entfernt von den erfolgreichen Jahren vor dem 11. September 2001.

Anders als Kuoni muss aber die Reisebaumeister-Gruppe nicht mit extrem verbilligten Aktionspreisen auf Kundenfang gehen. Sie betreibt keine eigene Fluggesellschaft und ist deshalb nicht verpflichtet, viele Risikoplätze auf Gedeih und Verderb zu füllen. Anders die Situation bei Hotelplan und TUI Suisse, die im eigenen Risiko Maschinen der Belair (Hotelplan) und Swiss Sun (TUI Suisse) bewegen. In wenigen Tagen werden sie es Kuoni gleichtun und die Hochsaisontarife mangels Nachfrage nach unten korrigieren müssen.

Trends: Amerika, Türkei, Skandinavien, Grossbritannien

Betroffen von dieser Massnahme sind fast alle Destinationen, besonders aber Spanien, Italien und Griechenland. Für diese Ziele hat zum Beispiel Helvetic Tours im Moment die meisten verbilligten Last-Minute-Angebote offeriert. Auch bei Hotelplan harzt vor allem der einstige Dauerbrenner Spanien. Bei RBM läuft das Geschäft mit südlichen Destinationen generell schlecht. Vor allem das spanische Festland, Frankreich und Italien werden gemäss Laubi deutlich unter den Erwartungen nachgefragt. Auch die Karibikbuchungen liegen unter dem budgetierten Wert. Schöne Zuwächse verzeichnet RBM hingegen bei Nordamerika und Grossbritannien. «Im Trend liegen vor allem Rundreisen in Irland und Schottland», sagt Laubi.

Diese Tendenz wird in den Reisebüros bestätigt. «Unsere Einbrüche im Badeferienbereich können wir dank mehr Reservationen für Grossbritannien und Kanada wieder wettmachen», sagt Roman Mattle von Mawi Reisen. Beliebt ist auch Skandinavien. Mattle verkauft deutlich öfter Hausbootferien in Finnland als in früheren Jahren. Jörg Griss vom Reisebüro Stocker hat eine deutlich stärkere Nachfrage für USA-Reisen festgestellt.

Der einzige Gewinner unter den Badedestinationen heisst Türkei. Alle drei grossen Generalisten bestätigen, dass das Land am Bosporus auf Grund des guten Preis-Leistungs-Verhältnisses bei Familien sehr hoch im Kurs stehe. Profitieren können davon insbesondere reine Türkei-Anbieter. Der Spezialist Nazar/Taurus in Zürich liegt mit den Buchungen gegenüber dem Vorjahr um sage und schreibe 50% im Vorsprung. «Für die Sommerferien sind bereits sehr viele Flüge und Hotels ausgebucht», sagt der stellvertretende Geschäftsführer Ridvan Sütlü. Ganz anders die Situation in den Reisebüros. Dort warten noch viele Reiseangebote darauf, gebucht zu werden. Andreas Bieniek von der Reisewelt kann im Moment noch auf fast alle Flüge und Hotels für die Sommerferiendaten zubuchen.

Bis vor ein paar Jahren war es undenkbar, dass die Konsumenten bis wenige Wochen vor den Sommerferien die Qual der Wahl hatten und die ganze Angebotspalette buchen konnten. Da hiess es in den Reisebüros oft schon im Februar «fully booked».

Portugal: Trotz Fussball kein Boom

Fussball vermag die Schweizer ohne Zweifel zu begeistern. Deshalb sind der helvetischen Nationalmannschaft auch tausende Fans zur Europameisterschaft nach Portugal nachgereist. Rund 1000 buchten ihre Reise bei Hotelplan. Sogar gegen 5000 beim Travel Club, der zur RBM-Gruppe gehört. Dennoch hat die EM keinen allgemeinen Reiseboom nach Portugal ausgelöst. Im Gegenteil: «Es gab sogar Kunden, die wegen des Fussball-Trubels ihre Portugal-Ferien dieses Jahr abgesagt haben», weiss RBM-Chef Oskar Laubi. Auch bei Hotelplan hat die EM gemäss Sprecher Hanspeter Nehmer nicht für zusätzliche Portugal-Reservationen gesorgt. Dass die unzähligen Bilder und Berichte im Zusammenhang mit dem Sportereignis dem lokalen Tourismus mittelfristig einen Auftrieb verleihen könnten, halten er und Laubi allerdings durchaus für möglich.

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