Letztes Jahr beendeten 34 Pilotinnen und Piloten die Grundausbildung an der Horizon Swiss Flight Academy (SFA). 90 Prozent der Absolventen fanden rasch eine Stelle – rund die Hälfte davon ging zu Helvetic Airlines, ein Drittel zu Easyjet Switzerland. 2018 war die Erfolgsquote der Flugschule ähnlich hoch gewesen.

Für den Absolventenjahrgang 2020 sieht die Lage dramatisch anders aus. «Wer dieses Jahr abschliesst, hat etwas Pech», sagt Ron Teichmann, der Leiter von Horizon SFA. Die meisten frisch Lizenzierten dürfen eine Zwischenlösung in einer anderen Branche suchen, bis sie einen Platz im Cockpit finden.

Kein Bedarf an Jungpiloten

Denn: Swiss, Edelweiss, Helvetic, Easyjet Schweiz – Die grossen Airlines in der Schweiz benötigen in nächster Zeit kein neues Personal für ihre Crews. Die Swiss wird zumindest im 2021 keine Pilotinnen und Piloten anstellen. In den Vorjahren fingen jeweils 50 bis 70 Personen neu an.

Statt Stellen zu schaffen, dürften Fluggesellschaften nun vielmehr Stellen streichen, wenn Piloten das Unternehmen verlassen. Schliesslich ist das Korps nicht ausgelastet. Bei den Airlines gilt immer noch Kurzarbeit. Helvetic entliess im März sogar 10 Piloten.

Swiss-Piloten verdienen weniger

Die Probleme der Swiss schmälern den Verdienst ihrer rund 1400 Pilotinnen und Piloten. Die Löhne fielen im zweiten Halbjahr 2020 im Vergleich zum Jahr 2019 bis zu rund 40 Prozent tiefer aus, schätzt der Sprecher des Pilotenverbandes Aeropers, Thomas Steffen.

Ein Teil des Salärs ist an den Geschäftsgang der Swiss gekoppelt. In schlechten Jahren verdienen die Piloten weniger – das erklärt etwa die Hälfte der Lohneinbussen. Die andere Hälfte ist die Folge der Kurzarbeit: Die meisten Piloten können derzeit nicht voll arbeiten, was den Lohn zusätzlich senkt.

Ein Copilot verdient laut Aeropers zu Beginn seiner Karriere rund 76'000 Franken im Jahr, muss davon aber während einer gewissen Zeit grundsätzlich noch einen Teil seiner Ausbildung zurückbezahlen (minus 12'000, bleibt 64'000/Jahr).   Ein Captain erhält nach dem Abschluss seiner Weiterbildung (je nach Bedarf nach rund 10 Dienstjahren bei Swissjährlich gut 130'000 Franken.

Traumberuf Pilot - ein finanzielles Wagnis

Schon vor der Krise galt: Wer einen Job im Cockpit will, muss finanziell etwas riskieren. Nur schon die Grundausbildung zum Linienpiloten kostet rund 120'000 Franken. Eine solche Investition rechnet sich nur für jene, die nach Abschluss tatsächlich im Cockpit landen.

Denn der Bund beteiligt sich mit bis zu 60'000 Franken an den Ausbildungskosten – unter der Voraussetzung, dass die Jungpilotinnen einen Arbeitsvertrag bei einer Airline haben. Swiss und Edelweiss zahlen zusätzlich ihrem Nachwuchs je bis zu 30'000 Franken. In den Genuss davon kommen aber nur einige Dutzend Auserwählte pro Jahr.

Aktuell dürfen Berufseinsteiger also nicht damit rechnen, einfach eine Stelle zu finden. Das heisst mit anderen Worten: Der Berufswunsch Pilot ist mit einem noch grösseren finanziellen Risiko verbunden.

Anzeige

Die Schulen bilden weiter aus

Die Horizon SFA wird trotz der Krise nächstes Jahr wieder einen Ausbildungslehrgang starten. Und auch die Swiss wird 2021 voraussichtlich wieder einen neuen Jahrgang an die LAT (Lufthansa Aviation Training Switzerland) schicken, die Flugschule der Lufthansa-Gruppe. Die Ausbildung dauere 2,5 Jahre, heisst es bei Swiss als Begründung. Offensichtlich will die Airlines die Situation vermeiden, dass sie nach einem Aufschwung zu wenig Nachwuchs findet.

Dass sich die Lage rasch wieder aufhellen kann, zeigt ein Blick in die Vergangenheit: 2001 kollabierte die Swissair, ihre Piloten mussten eine neue Stelle suchen. Viele davon wechselten in eine andere Branche. Nur wenige Jahre später benötigte die Swiss dringend Piloten – und fand sie vor allem unter Ehemaligen der Swissair.

So will Helvetic Airways wieder starten

Hören Sie im Podcast «HZ Insights»: «Helvetic-Airways-Chef Tobias Pogorevc im Interview»

«Es könnte rasch wieder nach oben gehen»

«In den letzten 30 Jahren gab es eigentlich meistens zu wenig Piloten. Ich bin optimistisch, dass dieser ganze Spuk in der Flugbranche in spätestens drei Jahren vorbei ist», sagt Ron Teichmann, Chef der Flugschule Horizon SFA. «Vielleicht dauert die Erholung in der Luftfahrt vier bis fünf Jahren – es könnte aber auch viel rascher wieder nach oben gehen», sagt Aviatik-Experte Florian Dehne von der Beratungsfirma Oliver Wyman.

Doch auch wenn die optimistischen Prognosen eintreffen: Die Stellensuche wird auch auch in drei Jahren keine einfache sein. Alleine bei der Swiss hat es derzeit noch 200 Studierende im Ausbildungprogramm an der Flugschule LAT. Edelweiss hat dort ebenfalls Leute in Ausbildung. Ihr Unterricht ist derzeit unterbrochen. Sie werden zuerst zum Zuge kommen, wenn Swiss oder Edelweiss einen freien Platz im Cockpit besetzen. Der Traum vom Fliegen endet in nächster Zeit also vermutlich in der Warteschlaufe.