Manchmal gibt sich Joachim Strähle, CEO der Bank Sarasin, in Festlaune. Etwa im Anschluss an die Bilanzpressekonferenz in Basel vor einigen Wochen, als er das Erreichen einer Wegmarke mit Champagner feiern liess. Die Bank hatte die Schallgrenze von 100 Milliarden Franken an Kundenvermögen durchbrochen – genau wie es Strähle schon vor Jahren versprochen hatte.

In der Champagnerlaune ging vergessen, dass diese Wegmarke ursprünglich noch an weitere Zielgrössen gekoppelt war. Diese betreffen nicht nur die Höhe der Kundenvermögen, sondern messen auch, ob damit genug Geld verdient wird. Was die Profitabilität angeht, besteht aber wenig Grund zum Feiern: Nicht nur im Vergleich mit der Konkurrenz steht Sarasin schlecht da (siehe Tabelle «Wenig profitabel» als Download), sondern auch gemessen an den eigenen Ansprüchen.

Ertragsziele deutlich verfehlt

September 2006 war es, als sich Joachim Strähle – frisch vom Konkurrenten Credit Suisse eingewechselt – mit seinem Managementteam zusammensetzte und zusätzlich zu den 100 Milliarden Kundenvermögen zwei weitere Ziele für die nächsten fünf Jahre formulierte: erstens eine hohe Bruttomarge von 90 Basispunkten auf den Kundenvermögen, also einen Ertrag für die Bank von 0,9 Prozent; zweitens ein tiefes Kosten-Ertrags-Verhältnis von 65 Prozent. Mit diesen beiden Zielgrössen misst man die Profitabilität.

Von seinen Zielen ist Strähle heute meilenweit entfernt: Das Kosten-Ertrags-Verhältnis beläuft sich auf 77,6 Prozent. Auf den Kundenvermögen erwirtschaftet Sarasin auf Gruppenebene nicht 90, sondern nur 70 Basispunkte. Sogar im profitableren Kerngeschäft Private Banking ist die Bank mit 84 Basispunkten nicht am Ziel. Dass diese entscheidende Kennziffer im Vergleich mit dem Vorjahr sogar noch gesunken ist, ist besonders bitter.

Der Eindruck, den diese Zahlen vermitteln: Strähle hat vor allem Umsatz gebolzt; die Erträge konnten nicht Schritt halten. Das Konzernergebnis von 124 Millionen Franken ist vergleichsweise bescheiden. Die Bank Julius Bär etwa schaufelte 2010 über 335 Millionen in die Kasse – mit nur 1,7 Mal so hohen Kundenvermögen wie Sarasin.

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Er lasse sich von der Diskussion um die Profitabilität nicht beirren, sagt Strähle. Die Ausrichtung der Bank unterliege einem klaren Plan. Das wichtigste sei die klare strategische Positionierung: «Bevor wir optimal Geld verdienen können, müssen wir erst mal gut aufgestellt sein.» Sarasin habe eine glaubwürdige Plattform von Finanzdienstleistungen aufgebaut, pushe keine Produkte in die Portfolios der Kunden, sondern setze auf Beratung. Die Bank pflege schon seit längerem das Thema Nachhaltigkeit bei den Anlagen. Das dürfte nach den Katastrophen in Japan noch an Bedeutung gewonnen haben.

Zudem habe Sarasin mit einer konsequenten Weissgeldstrategie auch langfristig die Weichen richtig gestellt. Bis 2012 will die Bank gar keine unversteuerten Depots aus dem Ausland mehr haben. Sarasin war die erste Schweizer Bank, welche die Höhe der undeklarierten Gelder veröffentlichte. Fünf Prozent waren es 2010 – bei vielen Konkurrenten dürfte es deutlich mehr sein.

Sarasin hat sich zudem seit 2008 so aufgestellt, dass in Deutschland nur onshore geschäftet wird. Das schützt vor Ungemach – Konkurrent Bär musste sich kürzlich im Steuerverfahren mit dem Nachbarland mit 50 Millionen Euro freikaufen. Derlei stehe bei Sarasin nicht an, sagt Strähle: «Aus Deutschland kommen keine Forderungen.» Als Zeichen guten Einvernehmens mit Deutschland dürfte wohl auch gewertet werden, dass jüngst die CSU-Abgeordnete Dagmar Wöhrl im Sarasin-Verwaltungsrat Einsitz genommen hat.

Problem erkannt

Die Profitabilität sei als Problem erkannt, so Strähle, Massnahmen zur Verbesserung seien eingeläutet. Neue Zielgrösse bei den Kundenvermögen: 150 Milliarden bis 2015 – immer noch ein happiges Ziel, auch wenn das durchschnittliche Neugeldwachstum damit von 14 auf 8 Prozent jährlich reduziert würde. Dies zugunsten besserer Profite.

Im Kostenblock spiegelten sich zudem die Wachstumsinitiativen der Bank, etwa der Ausbau des Geschäfts in Asien oder im Mittleren Osten. Solche Initiativen brauchten naturgemäss Zeit, bis sie sich in gestiegenen Erträgen manifestierten.

Die Börse glaubt derzeit offenbar nicht so recht daran, dass die Gewinne bei der Bank bald üppiger fliessen werden: Der Kurs der Aktie ist seit Anfang Jahr um fast zehn Prozent gesunken. Die Papiere von Sarasin werden auch nach dem Einstieg des holländischen Grossaktionärs Rabobank, der Anfang 2007 46,1 Prozent des Aktienkapitals und 68,6 Prozent der Stimmrechte erwarb, weiterhin an der Schweizer Börse gehandelt.

Für Unruhe im Markt sorgt derzeit auch die Unsicherheit über die möglichen Folgen, welche die kürzlich erfolgte Aufgabe der Geschäftstätigkeit des Brokerage-Partners Neue Zürcher Bank (NZB) für Sarasin haben könnte. Sarasin ist zu 40 Prozent an der NZB beteiligt. Strähle persönlich hatte die Zusammenarbeit mit den Zürchern gepusht. Der Deal geht zurück aufs Jahr 2007. Damals verkaufte Strähle der NZB das Brokerage-Geschäft und beteiligte sich im Gegenzug an der Finanzboutique.

Er handelte sich damit einigen Ärger ein. Im November 2009 wurde die NZB vor die Finanzmarktaufsicht Finma zitiert. Dies wegen der Rolle als Bankpartner der Investoren Ronny Pecik und Georg Stumpf bei der Übernahmeattacke auf Sulzer. Martin Eberhard, Gründer der NZB, musste zurücktreten.
Im März 2010 musste Sarasin einen happigen Abschreiber auf ihrer Beteiligung verbuchen. Der Wert des 40-Prozent-Pakets wurde von über 100 auf 35 Millionen Franken reduziert.

Keine Freude erzeugten derart negative Schlagzeilen beim holländischen Besitzer. Die Rabobank ist ein konservatives Institut, im Agrarbusiness verankert und stolz darauf, als einer von nur wenigen grossen Bankkonzernen in Sachen Kreditwürdigkeit die Höchstnote eines «Triple A» zu besitzen.

Nur noch Firmenhülle

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Die NZB gab Ende 2009 ihr Private-Banking-Geschäft auf, unter anderem wegen der erschwerten Rahmenbedingungen im grenzüberschreitenden US-Geschäft. Anfang März folgte mit der Aufgabe der Brokerage-Tätigkeit das endgültige Aus für die Zürcher: Die NZB ist seither nur noch eine Firmenhülle ohne operative Tätigkeit.

Im Markt wird befürchtet, dass nun nochmals ein Abschreiber auf Minderheitsbesitzer Sarasin zukommen könnte. Doch in der Hülle ist offenbar noch einige Substanz vorhanden. Laut einem NZB-Insider sollen Eigenkapital und weitere Aktiva mindestens 80 Millionen Franken betragen. Damit wäre der Wert der 40-Prozent-Beteiligung nahe bei den 35 Millionen, mit denen das Aktienpaket derzeit in den Sarasin-Büchern steht.

Strähle selber gibt denn auch an, dass bezüglich der NZB keine weiteren finanziellen Folgen auf Sarasin zukommen: «Es wird keinen weiteren Abschreiber geben», betont er.

Doch auch ohne Zusatzabschreiber hat das NZB-Engagement einen tüchtigen Klecks in Strähles Reinheft hinterlassen und die Bilanz aus seinen ersten fünf Jahren als CEO getrübt. Sein Leistungsausweis ist durchzogen: Er hat die Bank zwar grösser, aber nicht profitabler gemacht. Die gute strategische Positionierung der Bank als Weissgeldinstitut wiederum muss in erster Linie dem Verwaltungsrat unter Präsident Christoph Ammann angerechnet werden. Ammann ist einer der Vordenker in dieser Thematik. So gehört er zusammen mit dem Bankierskollegen Konrad Hummler zu den Autoren des brisanten Papiers zur Finanzplatzstrategie vom März 2010.

Die Strategie des sauberen Geldes dürfte auch den holländischen Besitzern gefallen, denn Schwarzgeldskandale fürchtet die «Triple A»-Mutter wie der Teufel das Weihwasser.

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Sarasin ist wieder auf dem Markt

Immer wieder tauchen Gerüchte auf, die Holländer wollten sich von ihrer Beteiligung trennen. Im letzten Sommer soll das Verkaufsdossier bei mehreren Schweizer Banken auf dem Tisch gelandet sein, auch bei der Bank Bär. Beobachter sind sich einig, dass Julius Bär und Sarasin strategisch am besten zusammenpassen würden. Bestätigt wurden die Verkaufserwägungen von keiner Seite.

Nun sind die Gerüchte wieder aufgeflammt. Das Management in Holland habe Sarasin kürzlich erneut als «non-core» bezeichnet, also als nicht zum Kerngeschäft gehörig, wie aus Kreisen einer Investmentbank mit Kontakt zum holländischen Management zu vernehmen ist. In Holland selber wird dies in Abrede gestellt: «Es gab keine Statements seitens des Managements bezüglich Sarasin», sagte Rabobank-Sprecherin Manel Vrijenhoek.

Man sei sich der derzeitigen Verkaufsgerüchte zwar bewusst, lässt Rabobank ausrichten. «Im Moment ist dies nicht auf der Agenda», antwortet die Firmensprecherin jedoch auf die Frage nach einem Verkauf von Sarasin. Strähle selber sieht die Verkaufsgerüchte eher vor dem generellen Hintergrund der laufenden Konsolidierungsdiskussion in der Branche.

Sollte es doch zu einem Verkauf kommen, hat er sich selber aber bereits positioniert. Der 53-Jährige liebäugelt offen mit einem Management Buyout: «Selber unternehmerisch tätig zu sein, wäre sicher eine faszinierende Aufgabe.» Hält er das auch für realistisch? «Man darf noch Träume haben», antwortet er schmunzelnd. Er geht davon aus, dass er und sein Team bei einem möglichen Verkauf als Erste kontaktiert würden. «Es wurde noch nie erfolgreich eine Bank ohne Einwilligung des Managements verkauft», gibt er zu bedenken. Der Bankchef glaubt auch, dass er und sein Team für ein solches Vorhaben die volle Rückendeckung von kreditgebenden Banken bekämen. Teuer würde es allerdings: Der Börsenwert liegt derzeit bei 2,4 Milliarden.

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Dennoch halten Investment Banker mit Kenntnis des Dossiers einen Verkauf ans Management für unwahrscheinlich. Denn mit der Veräusserung an eine Konkurrenzbank könnte ein höherer Preis erzielt werden, weil dann Synergieeffekte eingerechnet würden. Die Holländer gelten als Rappenspalter und dürften sich kaum aus Goodwill gegenüber dem Sarasin-Management mit einem Freundschaftspreis bescheiden.

Strähle selber sagt, er gehe voll in seiner Aufgabe bei Sarasin auf und sehe den Job «als hoffentlich letzten in meiner Karriere». Er wolle die Bank dereinst als Pensionär verlassen. Dies als Miteigentümer zu tun, wäre für ihn wohl die Krönung.

Gegen innen fördern Gedankenspiele um den Besitz den Teamspirit, gegenüber den Holländern ist es auch etwas Säbelrasseln. Den Buyout-Traum sehen Beobachter auch als eine Art Flucht nach vorn. Ob der Sarasin-CEO beim Schulterschluss mit einem Konkurrenten Chef bliebe, ist fraglich. Mancher Bank-CEO, etwa Julius-Bär-Chef Boris Collardi, hätten dank eindrücklicheren Leistungsausweisen wohl bessere Karten.