Täglich lassen sich Tausende testen, ob sie mit dem Coronavirus infiziert sind. Die Zahl der Erkrankten steigt, immer mehr müssen ins ­Spital. Krankenhausmanager beschaffen händeringend zusätzliche Beatmungs­geräte und erweitern die Bettenzahl in ­Intensivstationen.

Angesichts der Mehrkosten des Gesundheitswesens erstaunt nicht, dass Politiker von links bis rechts bereits einen rasanten Anstieg der Prämien in der Grundversicherung befürchten.

Vertreter von Krankenversicherern und deren Verbänden Curafutura und Santé­suisse widersprechen. Eine Prämienexplosion in der Grundversicherung sei nicht zu befürchten.

Denn die Anbieter der obligatorischen Grundversicherung sind solide finanziert: Die Pflichtreserven der Anbieter beliefen sich Ende 2018 gemäss der ­Statistik der obligatorischen Krankenver­sicherung des Bundesamts für Gesundheit (BAG) auf 8,3 Milliarden Franken.

Vergangene Geschäftsjahr für viele erfolgreich

Demnach betrug die kumulierte Solvenzquote der Branche 203 Prozent und war damit doppelt so hoch wie gesetzlich vorgeschrieben. Mit dem Solvenztest lässt sich bestimmen, ob ein Versicherer in der Grundversicherung über ausreichend dotierte Reserven verfügt.

Diese garantieren seine langfristige Zahlungsfähigkeit. Die Quote muss mindestens 100 Prozent betragen. Damit kann ein Krankenversicherer gemäss BAG auch nach einem sehr schlechten Jahr allen Verpflichtungen nachkommen.

 

Laut Verena Nold, Direktorin des Krankenversicherungsverbands Santésuisse, entsprachen die Reserven von Ende 2018 den damaligen Kosten für Behandlungen durch Ärzte, in Spitälern oder für Medikamente von drei Monaten. Ende 2019 waren die Reserven wohl noch leicht höher.

Denn die überwiegende Zahl der Kassen dürfte das vergangene Geschäftsjahr mit einem Gewinn abgeschlossen haben. ­Dieser fliesst direkt in die Pflichtreserven. Zudem erhöhten grosse Grundversicherer ihre Rückstellungen zur Abfederung möglicher Kapitalverluste.

«Kein Grund zur Besorgnis»

Bei der CSS flossen gemäss Geschäftsbericht 2019 insgesamt 100 Millionen Franken in diese Rücklagen. Sprecherin Christina Wettstein sagt: «Aktuell gibt es keinen Grund zur Besorgnis, dass die ­Reserven und Rückstellungen zur Abfederung von Verlusten auf den Kapitalanlagen die finanziellen Folgen der Pandemie nicht abdecken werden.»

Auch die beiden Anbieter der Grund­versicherung der Helsana-Gruppe verfügten über sehr gut dotierte Reserven sowie Rückstellungen zur Abfederung von Verlusten auf Kapitalanlagen, sagt Sprecher Can Arikan: «Daher gehen wir davon aus, dass unsere Krankenversicherer selbst bei sehr hohen Kostenfolgen Ende Jahr solide finanziert sind und die Mindestanforderungen betreffend Solvenz übertreffen werden.»

Die CSS und die Helsana-Gruppe sind mit je mehr als 1,3 Millionen Kunden die zwei grössten Schweizer Grundversicherer.

Den Löwenanteil berappen die Kantone

Auch die Aufseher im BAG wollen wissen, wie die Kassen die finanziellen Folgen der Corona-Krise einschätzen, Sie verlangen, dass die Versicherer aufgrund des Wissensstands von Ende März ihre Solvenzquote neu berechnen.

«Die Krankenversicherer sind in der Verantwortung, bei wesentlichen Änderungen ihrer Risiko­situation die Aufsicht zu informieren», sagt BAG-Sprecher Jonas Montani. Einen weiteren unterjährigen Solvenztest reichen die Versicherer Ende Juli mit der ­Eingabe der Prämien für 2021 ein.  

Gemäss einem Kassenmanager, der sich nicht zitieren lassen will, dürften die Solvenzquoten der Grundversicherer wegen der Pandemiekosten sowie wegen Anlageverlusten nach dem Einbruch der Finanzmärkte um bis zu einem Drittel schrumpfen.

Die Reserven könnten also um gegen 2,7 Milliarden Franken abschmelzen. Dennoch darf auf der Basis des Solvenztests von 2019 davon ausgegangen werden, dass die überwiegende Zahl der 51 Anbieter Ende Jahr eine Solvenzquote von mehr als 100 Prozent ausweisen dürfte.

Hinzu kommt: Den Löwenanteil der Pandemiekosten berappen die Kantone. Spitäler verrechnen für die stationäre Behandlung eines Corona-Patienten Fallpauschalen. Davon übernimmt 55 Prozent der Kanton. 45 Prozent gehen zulasten der Grundversicherer.

Ein schwerer Fall kostet bis zu 120 000 Franken

Die Spannweite dieser Kosten sei sehr gross, sagt Santésuisse-­Direktorin Nold: «Ein leichter Fall kann 7000 bis 25 000 Franken kosten, ein schwerer bis zu 120 000 Franken.»

Die Höhe des Behandlungsaufwands hängt davon ab, ob und wie lange jemand auf der Intensiv­station gepflegt und wie lange jemand beatmet werden muss.

Höhere Kosten ent­stehen auch, wenn ein Patient oder eine ­Patientin wegen Multiorganversagens ­lebenserhaltende Maschinen benötigt.

Obendrein bezahlen die Kantone gemäss eines Ende März publizierten BAG-­Faktenblatts die Aufwendungen für so­genannte Vorhalteleistungen.

Das sind Ausgaben für den Aufbau von Provisorien wie etwa von Containern zur Triage von Patienten oder von Feldspitälern, für die Beschaffung zusätzlicher Geräte, für den Ausbau von Intensivstationen oder für die Akquirierung von zusätzlichem Pflegepersonal für Corona-Patienten.

Viele Arztbesuche fallen aus

Wie hoch die Gesundheitskosten wegen der Pandemie ansteigen werden, ist schwer einschätzbar. So dürften die Ausgaben für Behandlungen durch Ärzte und Spitäler sowie für Medikamente im März trotz Corona-Krise insgesamt tiefer ausgefallen sein als im Vorjahresmonat, sagt ­Curafutura-Direktor Pius Zängerle.

Aktuell entfallen wesentliche Kosten, weil Spitäler keine nicht notwendigen Operationen durchführen dürfen.

Zudem vermeiden viele Personen einen Arztbesuch aufgrund von Bagatellerkrankungen. «Damit fällt ein Teil der Überversorgung im ambulanten Bereich weg», sagt Zängerle.

Reserven für Pandemien

Der Kostenanstieg könnte zum einen dank nicht bezogenen Gesundheitskosten gebremst werden, so Zängerle. Zum anderen seien die Reserven für ausser­ordentliche Lagen wie Pandemien und Rückstellungen für mögliche Verluste auf den Kapitalanlagen der Krankenver­sicherer sehr gut ausgestattet.

Dank der robusten Finanzierung bestehe derzeit keine Gefahr, dass es zu einer Prämienexplosion komme, sagt Zängerle: «Im Gegenteil, es könnte Krankenversicherer geben, die ihre Prämien für das kommende Jahr stabil halten oder gar senken könnten.»

Auch Santésuisse-Direktorin Nold erklärt, dass Krankenversicherer die zusätzlichen Kosten der Pandemie über die ­Reserven auffangen können sollten: «Daher führt das nicht zu einer Prämienexplo­sion. Aktuell gehen wir davon aus, dass die Prämien für 2021 lediglich den üblichen Kostenanstieg für das kommende Jahr ausgleichen müssen.»