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Ulf Berg: Der Schreiner an der Sulzer-Spitze

Der CEO des Winterthurer Konzerns kommt aus dem «Italien des Nordens», aus Dänemark. Mit der Schweiz verbindet ihn aber mehr als nur sein Job. Für den Ingenieur ist die Marge wichtiger als Wachstum.

Von Mélanie Rietmann
am 17.08.2005

Ulf Berg kennt Sulzer bestens aus der Kundenperspektive ­ eine ideale Voraussetzung für seine heutige Aufgabe. Seine Erfahrung im Kerngeschäft dieses Industriekonzerns kommt ihm jetzt zugute. Mit der Strategie «operational Excellence» gibt er diesem Industriekonzern Schliff.

Auch privat bringt der CEO gerne Dinge in Form: «Schreinern» lautet die überraschende Antwort auf die Frage nach einem Hobby. Was denn so? «Tische, Schränke», sagt Ulf Berg, als ob dies das Selbstverständlichste der Welt sei. Endlich ein Manager, der nicht Marathon oder Golfen an erster Stelle seiner Freizeitbeschäftigungen erwähnt. Die Bäume für diese Lieblingsbeschäftigung fällt er selber. Als Holzlieferant kommt sein Schwiegervater infrage, der früher ein Bauerngut in Wängi im Kanton Thurgau betrieb. «Derzeit wird gerade Kirschbaumholz von ihm getrocknet», erzählt Berg.

Wängi ist deshalb besonders erwähnenswert, weil Bergs Frau in diesem Dorf aufgewachsen ist. Das erklärt auch, wieso Berg perfekt Schweizerdeutsch spricht ­ ohne jeden nordischen «Einschlag».

Dass er auch ein leidenschaftlicher Jäger ist, erstaunt noch mehr. «Doch, doch, es stimmt, ich jage schon seit meiner Jugend.» Die hat er in einem kleinen Ort nahe Kopenhagens verbracht, wo sein Vater in der Werbebranche tätig war. Er jagte ebenfalls, und sein Filius hat sich um die drei Jagdhunde und ihren Nachwuchs gekümmert. «Das hat mir viel Spass gemacht. Auf den langen Spaziergängen mit ihnen habe ich meine Liebe zur Natur entdeckt. Sie ist bis heute geblieben. Draussen fühle ich mich sehr wohl», sagt Berg. Doch sein Job als Firmenchef lässt ihm wenig Zeit, über Stock und Stein zu gehen.

Einen langweiligen Konzern führen

Darauf angesprochen, wieso er so viel Fröhlichkeit verbreitet ­ er lacht viel ­, sagt Berg: «Wir Dänen gelten als die Italiener des Nordens.» Möglicherweise kocht er deshalb so gerne ­ etwa Fischgerichte oder gefüllten Truthahn.

Keine Italianità leistet er sich im Job. Seine Leistungen sind unbestritten, seine Auftritte bescheiden und erfrischend ­ ganz ohne Pathos. Die Medien überraschte er mit der Aussage, dass Sulzer ein «langweiliger» Konzern sein solle. Doch die Ausführungen hierzu überzeugen: «Langweilig habe ich als plakatives Wort dafür gewählt, dass das Unternehmen konsistent geführt wird und die Geschäftsentwicklung abschätzbar sein soll», sagt er.

Drei Megabyte haben entschieden

Bei der Berufswahl war Berg hin und her gerissen zwischen Biologie und einer technischen Richtung. Schliesslich entschied er sich für das Studium der Ingenieurwissenschaften.

Seine erste Stelle trat er bei den BBC Kraftwerken in Baden als Entwicklungsingenieur an. Dort bot sich ihm die Gelegenheit, gleichzeitig noch seine Dissertation abzuschliessen. «Das war bei BBC sehr gut möglich. Der Computer der Technischen Universität Kopenhagen hatte damals nicht die erforderliche Speicherkapazität von drei Megabyte.» Berg ist Doktor im Maschinenbau der Technischen Universität Kopenhagen.

Gute Kontakte zur SIG

Berg blieb der BBC und späteren ABB lange Zeit in verschiedenen Funktionen treu. Zwischen 1977, dem Jahr seines Starts in Baden, bis 1998 hat er in verschiedenen Funktionen in den USA, Deutschland und der Schweiz gewirkt und war schliesslich Manager für Industriekraftwerke und Mitglied des Vorstandes der ABB Power Generation Group. Nach 22 Jahren in diesem Unternehmen führte Bergs berufliche Entwicklung nach Zug, wo er zwei Jahre lang die Carlo-Gavazzi-Gruppe leitete.

Dann machte er sich selbstständig. Unter dem Dach der EG Energy Group AG gründete er mit Kollegen verschiedene kleinere Firmen, die etwas gemeinsam hatten: Sie befassten sich mit der Energiebranche und der Maschinenindustrie. Als das Angebot der SIG kam, Leiter von SIG Beverages, Herstellerin von Maschinen und Anlagen für die Getränkeabfüllung, zu werden, sagte er zu.

Dass etwa die Hälfte dieses Geschäftes wenig später verkauft werden sollte, konnte er nicht wissen. «Wir konnten den Entscheid von Ulf, sich zu verändern, sehr gut nachvollziehen. Zumal das Angebot, CEO von Sulzer zu werden, eine wirklich grosse Herausforderung für ihn war», sagt SIG-CEO Rolf Dieter Rademacher im Gespräch. «Wir verstehen uns nach wie vor bestens und haben immer noch Kontakt miteinander», versichern er sowie Berg.

Jetzt sitzt er also auf dem CEO-Stuhl bei Sulzer und will sich partout nicht mit fremden Federn schmücken. Er habe ein gut aufgegleistes Unternehmen und eine Strategie vorgefunden, mit der er sich identifizieren könne.

Der Kurs der Sulzer-Aktie ist seit seinem Amtsantritt immerhin von rund 300 auf fast 500 Fr. gestiegen. Will er gar nichts von diesem Erfolg für sich beanspruchen? «Ich bin nicht dafür, dass Ergebnisse personifiziert werden. Positiv hat sich sicher ausgewirkt, dass wir ein kompetentes und engagiertes Management-Team haben. Dissonanzen gibt es nicht. Das strahlt auch auf die Mitarbeitenden aus.» Besonders freut ihn die internationale Zusammensetzung der verantwortlichen Führungskräfte: Ein Niederländer, ein Amerikaner, drei Schweizer, ein Luxemburger und ein Däne bilden die Geschäftsleitung.

An die 100 Tage im Jahr unterwegs

Die Resultate der Zusammenarbeit dürfen sich sehen lassen. Nach der Entschlackungskur und Kostensenkungsprogrammen, Entlassungen und der Fokussierung auf vier Kernbereiche ist Sulzer profitabler geworden. Der Betriebsgewinn gegenüber dem Vorjahr steigerte sich um 79%, der Konzerngewinn-Zuwachs war fast gleich hoch, und die Aktionäre konnten sich über eine 50%ige Erhöhung der Dividende freuen.

Allerdings haben nicht alle Sparten zu diesem Erfolg beigetragen. Auf Lorbeeren ausruhen kann sich Berg also nicht. Das gilt speziell für den Bereich Sulzer Turbo Services, just der Dampf- und Gasturbinen-bereich, in dem Berg jahrzehntelang bei ABB «zuhause» war, und die Oberflächentechnikerin Sulzer Metco. Doch Ulf Berg schaut nach vorn, legt mehr Gewicht auf Forschung und Entwicklung. Derzeit sucht Sulzer nach einem Partner für die Lancierung der mit Erd-gas betriebenen Brennstoffzellen-Heizgeräte.

Sein Büro ist lichtdurchflutet, den Holztisch, an dem wir sitzen, hat er aber nicht selber gezimmert. «Das könnte ich schon. Das ist gar nicht so schwer», lacht er.

An einer Wand hängt eine grosse Landkarte. «Einen Teil meines Studiums habe ich mir als Lehrer in einer Erwachsenenbildungs-Institution in Kopenhagen verdient. Dort lehrte ich Biologie, Mathematik und Geografie. Aus dieser Zeit stammt meine Affinität zu Landkarten.»

Wie viele Tage im Jahr ist er eigentlich unterwegs? Berg steht auf, geht ins Nachbarbüro und will es von seiner Assistentin genau wissen. «An die 100 sind es schon», sagt sie. «Doch mehr, als ich gedacht habe», erwidert er. In seinem ersten Amtsjahr besuchte der Sulzer-CEO Niederlassungen unter anderem in den USA, Mexiko, Indien, Singapur und Finnland.


Dreimal kleiner, aber profitabel: Steckbrief

Name: Ulf Berg
Funktion: CEO von Sulzer
Alter: 55
Wohnort: Walchwil
Familie: Verheiratet, zwei Kinder

Karriere
1999­-2001 Carlo Gavazzi Holding AG, Zug, Schweiz; COO, CEO
2001-­2003 EG Energy Group AG, Zug, Schweiz; Inhaber
2003­-2004 SIG AG, Neuhausen, Schweiz; CEO der SIG Beverages International AG
Seit 2004 CEO der Sulzer AG, Winterthur

Firma: Sulzer
Der weltweit tätige Industriekonzern beschäftigt rund 9600 Mitarbeiter und setzt gut 2 Mrd Fr. um. Anfang der 90er Jahre beschäftigte Sulzer 33000 Angestellte und machte einen Umsatz von 6 Mrd Fr., war aber nicht profitabel. Im Lauf der Jahre wurde vieles abgestossen, etwa der Bau von Lokomotiven, von Textilmaschinen und von Dieselmotoren. Der Erfolg der vier Divisionen Sulzer Pumps, Sulzer Chemtech, Sulzer Turbo Service und Sulzer Metco (Oberflächenbeschichtung) ist unterschiedlich. Der Ebita der vier Divisionen bewegt sich zwischen 3,6% und 9,6% des Umsatzes.

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