Am Montag war Ihr letzter Arbeitstag bei Baker & McKenzie? Wie war es?
Urs Schenker*: Ich bin durchs Haus gegangen und habe allen die Hand geschüttelt, einige umarmt.

Sie sollen noch am Abend Ihr neues Büro bei Walder Wyss eingerichtet haben.
Richtig. Ich hatte ja am Dienstag meinen ersten Arbeitstag. Ich musste parat sein.

Ferien sind für Verlierer?
Ich machte von Montagabend, 20 Uhr, bis Dienstagmorgen, 6.15 Uhr, Ferien. Das sind gut zehn Stunden.

Ihre Frau hat nicht gesagt: «Urs, jetzt mach mal Pause»?
Wir sind zusammen, seit wir 16 Jahre alt sind – sie kennt mich. Sie wäre deshalb nicht auf die Idee gekommen, das zu sagen. Wahrscheinlich hat sie befürchtet, dass ich zu Hause unzufrieden herumgesessen wäre. Mein Engagement entspringt meiner Freude am Anwaltsberuf.

Sie haben Baker & McKenzie 24 Jahre lang  aufgebaut und geführt. Jetzt sind Sie mit Misstönen ausgeschieden. Was bleibt?
Schöne Erinnerungen, die Freude über Erfolge, viele Freundschaften.

Das Finale war furios. Sie haben die Kanzlei verlassen, weil die Leitung in den USA Sie stärker an die Leine nehmen wollte.
Wir haben uns rational getrennt. Ich bin sicher, dass es meinen alten Kollegen und mir gut gehen wird.
 
Welche Rolle spielte der Fall Sika?
Sie werden dazu nichts von mir hören.

Warum wechseln Sie zu Walder Wyss?
Die Kanzlei hat mich überzeugt mit ihrem Bekenntnis zu Wachstum und Qualität. Man will vorwärtskommen, hat Ziele – und arbeitet hart dafür.
 
Bei Baker & McKenzie waren Sie Managing Partner, bei Walder Wyss sind Sie nicht einmal Partner.
«Nicht einmal Partner» ist die falsche Formulierung. Ich bin Senior Counsel. Im Übrigen kommt es nicht auf die Position an. Auch bei Walder Wyss mache ich, was ich schon immer machte: Anwalt sein, Kunden betreuen, Kunden akquirieren.
 
Vorher waren Sie ein Aushängeschild, jetzt ein Anwalt unter vielen.
Ich war Urs Schenker, Anwalt, und ich bin Urs Schenker, Anwalt. Ich war früher für meine Kunden da, ich bin es heute.
 
Wie viele Kunden hatten Sie bei Baker & McKenzie? Wie viele nehmen Sie mit?
Zu Ihrer ersten Frage: Es waren viele. Zur zweiten: Das weiss ich nicht. Es liegt nicht an mir, darüber zu entscheiden, das erledigt der Kunde. Wer Anwalt ist, hat immer auch eine persönliche Beziehung zum Klienten. Wir geben Ratschläge, unterstützen Kunden. Letztlich bieten wir ein sehr persönliches Produkt an. Der Kunde geht nicht primär zu einer Kanzlei, sondern zu einem bestimmten Anwalt.

Unmittelbar nach Ihnen stossen zwei etablierte Teams von Froriep zu Walder Wyss. Was können Sie zur Entwicklung der neuen Standorte in der Romandie beitragen?
Ich hoffe doch, einiges. Ich habe Kunden aus dem Welschland und ich habe Fälle, die sich auf die Romandie beziehen. Wenn man heute als Kanzlei die Schweiz ab­decken will, muss man in beiden grossen Sprachregionen sein. Im Tessin sind wir ja bereits länger. Übrigens wird das Büro in Lugano von einem Anwalt geleitet, der wie ich von Baker & McKenzie kam.

Und wie viele Leute werden quasi mit ­Ihnen von Baker zu Walder Wyss wechseln?
Im Moment bin ich der Einzige.

Mit Betonung auf «im Moment».
Nein. So ein Wechsel ist für jeden eine ­individuelle Entscheidung.

Sie haben sicher bereits Signale empfangen von wechselwilligen Kollegen?
Kein Kommentar.

Sie waren bei Baker & McKenzie der, welcher die Kanzlei auf Wachstum getrimmt hat. Sie standen immer voll auf dem Gas. Nehmen Sie es nun etwas gemütlicher?
Nein, sicher nicht. Ich habe noch nie nicht Gas gegeben.

Was fahren Sie für ein Auto?
Einen alten Mercedes. Autofahren gehört bei mir nicht zum Thema Gas geben. Ich kaufe grundsätzlich nur fünfjährige Mercedes mit 100'000 Kilometern. Die haben ein extrem gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Ich fahre die Wagen nochmals fünf bis acht Jahre und verschenke sie dann in der Familie weiter.

Aber in der Kanzlei drücken Sie nochmals richtig auf die Tube und zeigen es den ­Ex-Kollegen von Baker?
Darum geht es nicht. Ich muss niemandem etwas zeigen. Aber ich werde weiter Gas geben. Ich habe gerne Erfolg und möchte den Erfolg fortsetzen. Die Partner von Walder Wyss haben mich angestellt, weil sie überzeugt sind, dass ich ihnen etwas bringen kann. Ich bin also in der Pflicht.

Wann wird aus Walder Wyss die Kanzlei Walder Wyss Schenker?
Nie! Hier arbeiten über 150 Anwälte und ich bin nur einer davon.

Aber Sie gehören zu den bekanntesten und besten Wirtschaftsanwälten.
Wenn Sie das so sehen, freut es mich. Aber bei Walder Wyss arbeiten sehr viele sehr gute Leute. Die Kanzlei ist eine Erfolgsstory. Deshalb bin ich auch hier. Baker & McKenzie und Walder Wyss gingen fast zeitgleich an den Start. Und Walder Wyss hat es weit gebracht – ohne mich. Jetzt komme ich dazu und freue mich, mitzumachen.

Wie viele Angebote von anderen Kanzleien lagen bei Ihnen eigentlich auf dem Tisch?
Ich war erstaunt, dass es für einen 58-jährigen Anwalt wie mich eine gewisse Nachfrage gibt. Ich bin offenbar noch nicht schwer vermittelbar.

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Und die Gründung einer feinen Boutique-Kanzlei? Wäre das nichts gewesen für Sie?
Ich habe es mir überlegt. Es war mein Plan C. Aber hier zu sein ist attraktiver. Obwohl ich thematisch ziemlich breit bin, weiss ich viel zu viel nicht. Deshalb ist der Boutique-Ansatz schwierig. Zudem weiss ich, wie es ist als Boutique. Beim Start von Baker & McKenzie waren wir fünf Leute.

Wo haben Sie Ihr Metier gelernt?
In der Discount-Ecke von Homburger.

Wie bitte?
Ich arbeitete Mitte der 1980er-Jahre als Substitut bei Homburger und sass dort im kleinsten Büro. Intern hiess das Discount-Ecke: Tiefster Lohn, kleinstes Büro.

Heute ist Schluss mit Discount. Sie verrechnen Premium-Honorare. Es heisst, Sie kosten 900 Franken die Stunde. Richtig?
Wenn Sie das sagen, muss ich mir das merken.

Wächst der Anwaltsmarkt eigentlich?
Ja, aber nicht rasant. Ich würde sagen, etwas über dem Bruttoinlandprodukt, weil die Regulierung ständig zunimmt.

Von welchen Honorarvolumen reden wir?
Da gibt es nur Schätzungen. Der Schweizer Anwaltsverband zählt rund 9000 ­Aktivmitglieder. Wenn ein Anwalt im Schnitt rund 200'000 Franken Umsatz macht, kommen wir auf 1,8 Milliarden Franken. Aber das ist eine Milchbüchlein-Rechnung.

Und Sie? Wie viel Umsatz machen Sie? 5 Millionen Franken?
Quatsch! So viele Stunden kann selbst ich nicht arbeiten! Ich komme auf 2200 bis 2400 verrechenbare Stunden.

Das macht dann plus/minus 2 Millionen.
Kein Kommentar.

*Urs Schenker ist einer der profiliertesten Wirtschaftsanwälte der Schweiz. Zuletzt vertrat er die Sika-Erben im Kampf um die Übernahme durch Saint-Gobain. Anfang November wurde publik, dass Schenker Baker & McKenzie nach 24 Jahren verlässt. Der 58-Jährige hatte den Zürcher Standort der US-Kanzlei aufgebaut. Neu ist er Senior Counsel bei der Schweizer Kanzlei Walder Wyss.

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