Ein Staubkorn auf der Halbleiterbahn hat den Effekt eines Meteoriten, der auf eine Stras­se stürzt: Der Verkehr steht still, die Chipproduk­tion auch. Keine Frage, Gebhard Lutz ist Ingenieur. Einer mit Humor. Mit seinem Vergleich beschreibt er, wie wichtig ultra­reine Produktionsräume in der Chipherstellung sind. Besonders gerne kommt er zur Heuschnupfenzeit in den Laborbereich. «Da gibt es keine Pollenplage.»

Lutz ist Bereichsleiter des Vakuum­ventilherstellers VAT mit Sitz im St. Galler Rheintal, direkt an der liechtensteinischen Grenze. Inmitten des Bergidylls wirtschaftete das Unternehmen nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit 50 Jahre lang vor sich hin, wuchs stetig, baute die Produk­tion aus und gehört mittlerweile zu den wichtigsten Arbeitgebern in der Region. Jetzt will VAT an die Börse. Am 14. April findet der bisher grösste Börsengang Europas in diesem Jahr statt. Der geschätzte Börsenwert: 1,5 Milliarden Franken. Die Kotierung wird von den Eigentümer­gesellschaften Capvis und Partners Group schon seit 2014 minutiös vorbereitet. Mit der Devestition werden für die Eigentümer Gelder frei, die sie anderweitig investieren können. Die Mehrheit wollen sie aber vorerst noch behalten.

Bande aus Oerlikon-Zeiten

Firmenchef Heinz Kundert und sein ­Finanzchef Andreas Leutenegger werben derweil auf Roadshows für ein lukratives Investment in VAT – eng abgestimmt mit dem Management und dem Verwaltungsrat. Schliesslich kennt man sich nicht nur aus den Werkhallen in Haag – und nicht erst seit der Zeit bei VAT. Kundert sammelte Erfahrung im Halbleiterbereich als Chef bei der Ex-Oerlikon-Bührle-Tochter Balzers und Leybold. Der operative Leiter Kurt Trippacher ist ebenfalls ein Ex-Oer­likon-Mann. Und VAT-Präsident Horst Heidsieck war einst Leybold-Chef – ebenfalls unter dem Dach von Oerlikon (der früheren Unaxis).

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Jetzt will die eingeschworene Runde aus Oerlikon-Zeiten den Hidden Champion VAT ans Licht holen. Die Marktstellung des Spezialisten aus Haag liefert genügend Gründe: VAT hat bereits einen weltweiten Marktanteil von mehr als 40 Prozent. Wer unter Vakuumbedingungen produzieren will, kommt kaum an den Ventilen der Gruppe vorbei.

Anspruchsvolle Kundschaft

«Präzision, aber auch Pünktlichkeit und Sauberkeit sind A und O unseres Geschäfts», sagt Lutz. In Werkhalle 1 reiht sich Werkbank an Werkbank, die Fertigungsstrassen liegen so dicht aneinander wie die Stände an einer Elektronikmesse. Das ist gewollt. Die Teile sollen «fliessen», zu grosse Distanzen würden nur die Produktion verlangsamen. Das spart Zeit, Quadratmeter und Geld.

Beim Wareneingang nimmt ein Mann mit Kittel und Haube diskusförmige Metallteile in die Hand und scannt sie ein. Das System errechnet den optimalen Weg für die Zuteilung des Bauteils an die Montageinseln zur Weiterverarbeitung. «Wir müssen just in time liefern», sagt Lutz. «So verlangen es unsere Kunden.» Das sind Riesen wie Samung, LG, Applied Mate­rials, ASML und Tokyo Electron Limited.

Marktführerschaft durch Spezialisierung

Bei diesen Firmen kaufen Tech-Giganten ihre Displays und Panele für Smartphones, Bildschirme und Solarenergie­träger ein. Ohne Vakuumventile von VAT für diese Zulieferer gäbe es kein «one more thing» auf der Apple-Bühne im kalifornischen Moscone Center. Herstell- und Lieferzeit liegen zwischen 40 Minuten für Kleinstbauteile im Millimeterbereich und bis zu acht Wochen für 5 Meter hohe Ventilkolosse, die nur noch liegend aus dem Werk transportiert werden können.

Die Spezialisierung über Jahrzehnte auf eine Nische wie Vakuumventile sicherte VAT die Marktführerschaft: Weltweit die Nummer eins und gemessen an Markt­anteilen achtmal grösser als die Nummer zwei im Business. Das Portfolio umfasst 8000 Spezialprodukte. Der Gesamtmarkt für Vakuumventile ist 1,5 Milliarden Dollar gross, davon 820 Millionen Dollar in der Halbleiterindustrie.

Hohe Forschungskosten

Dieser Erfolg ist nicht gratis. Rund 7 Prozent des Umsatzes investiert VAT in die Entwicklung. «Diesen Anteil wollen wir in Zukunft noch erhöhen», sagt Firmenchef Kundert. In der Industrie sind sonst Forschungsquoten von 3 bis 4 Prozent üblich. Über mehr als 160 Patente verfügt VAT, weitere 177 werden derzeit geprüft. Kundenpartnerschaften bestehen teilweise seit mehr als 20 Jahren.

Dieser jahrelange Erfolg schweisst ­zusammen. Verlässlichkeit wird in der Belegschaft gross geschrieben. «Weil jeder für seinen Bereich verantwortlich ist, stellt das den reibungslosen Ablauf sicher», sagt Lutz.

Ausbau in Malaysia

Auf mehreren 1000 Quadratmetern hat VAT zwei Werkhallen und ein Logistikzentrum errichtet. Der 2010 verstorbene Firmengründer Siegfried Schertler hatte sich schon frühzeitig die Baugründe gesichert. Das Areal wird nur von einem grossen Möbelhändler durchbrochen, der trotz vergangenen Diskussionen nicht bereit war, den Standort zu räumen.

Der Produktion von VAT tat dies keinen Abbruch. Ohnehin findet derzeit ein Ausbau der Produktion in Malaysia statt, um die wachsende Nachfrage in dieser Region abzudecken. «Die Produkte für den fernöstlichen Markt werden wir künftig verstärkt in Asien fertigen», sagt Kundert. Bereits heute sind 99 Prozent der Produkte aus Haag für den Export bestimmt. Das restliche Prozent geht an Schweizer Kunden wie das Forschungszentrum Cern bei Genf und den Solarzulieferer Meyer Burger in Thun.

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Expansion in Asien

Im besten Fall könnte in einigen Jahren die Hälfte der Produkte aus Haag, die andere Hälfte aus Malaysia kommen. Auch in China, Korea oder Japan sind für Kundert weitere Produktionsstätten denkbar.

Kostenoptimierung gehört mit zu den Hauptaufgaben des operativen Managements. Wobei Finanzchef Leutenegger klarstellt, dass am Hauptsitz in Haag nicht gerüttelt wird. «Das bleibt das Powerhouse und ist ein wichtiger Wettbewerbsvorteil.» Ein Abbau oder eine Verlagerung finden dezidiert nicht statt.