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Völkl will von der Krise profitieren

Die Finanzkrise wird die Konzentration in der internationalen Ski- produktion beschleunigen. Fressen oder gefressen werden – diese Frage bewegt die Branche.

Von Gret Heer
am 04.11.2008

Nichts Besseres konnte der leidenden Schneesportbranche passieren: Schnee in den Städten ? und das bereits im Oktober. Das kurbelt den Verkauf von Schneesportgeräten gewaltig an, was die Branche nötig hat.

In der Schweiz wurden letzte Saison 117000 oder 25% weniger Skis und Snowboards verkauft als in der Saison 1999/2000, als Carving und Snowboard noch auf dem Zenit standen. Der Verkaufseinbruch war vor allem im schneearmen Winter vor zwei Jahren happig ausgefallen (siehe Grafik).

Rasant schrumpfender Markt

Doch nicht nur schneearme Winter machen der Branche zu schaffen. «Ein weiterer Grund für den Rückgang liegt im stark wachsenden Mietgeschäft», sagt Claude Benoit, Präsident des Verbands des Schweizer Sportfachhandels. Das drücke kräftig auf den Absatz. «Heute gilt Convenience total. Der Schneesportler kann bei der Miete gleich mehrere Geräte ausprobieren, seien es Ski, Schneeschuhe oder Langlaufski», meint Benoit.

Weltweit herrscht Branchenflaute. In den letzten vier Jahren ist der Skimarkt um 25% geschrumpft. Der schneearme Winter 2006/07 hatte in ganz Europa unter anderem auch erhöhte Lagerbestände zur Folge. Zwei Jahre braucht es, um diese abzubauen. «Solange die Detailhändler ihre Lager voll mit alter Ware haben, bestellen sie keine neue», sagt Christoph Bronder, CEO der Marker-Völkl-Gruppe (siehe «Nachgefragt»). Im Vergleich zu Europa hat Nordamerika in den letzten Jahren eine positive Tendenz. Mit der Finanzkrise wird sich dies wohl ändern.

Gnadenlose Selektion

Die Konzentration in der Skiproduktion wird weiter zunehmen. Davon will Völkl profitieren. Der amerikanische Sportartikelhersteller Quiksilver will seine Marke Rossignol und Dynastar noch diesen November verkaufen. Die Übernahme des weltgrössten Skiherstellers aus Frankreich erwies sich für den aus dem Surfsport stammenden Quiksilver-Konzern nun als Flop. Erst vor drei Jahren hat er Rossignol gekauft.

Bereits 2000 hat Völkl den bankrotten Skibindungsproduzenten Marker übernommen. Die Marker-Völkl-Gruppe wurde selbst Opfer der Konzentration. 2004 wurde sie an die amerikanische Börsenholding K2 Inc. verkauft. Diese wiederum wurde 2007 vom US-Konsumgüterkonzern Jarden geschluckt. Zu Jarden gehören Outdoorunternehmen wie zum Beispiel Coleman und Campingaz. Jarden hat auch ein Auge auf Rossignol geworfen, aber nur als Minderheitsbeteiligter. «Wir schätzen die Chance für die Übernahme von Rossignol als gut ein», sagt Bronder.

Hierzulande setzt die Marker-VölklGruppe 30 Mio Fr. um. Wie gross der Gewinn ist, wird nicht bekannt gegeben. Neben Völkl-Ski und Marker-Bindungen werden auch Snowboards verkauft, die allerdings weniger als 10% am Umsatz ausmachen. Der Vertrieb von Völkl ist in der Schweiz an die selbstständige Völkl Schweiz AG ausgelagert. Völkl will hierzulande in der Wintersportbekleidung stärker werden. Die Gruppe setzt aber vor allem auf den Trend zum Freestyle und Freeride, wo sie die Jugend abholen will. Mit breiten Brettern in trendigem Grafikdesign lässt sich genauso cool rückwärts die Pisten herunter carven wie auch akrobatische Sprünge wagen und im Tiefschnee einen Switch landen.

Weltweit erzielt die Marker-Völkl-Gruppe einen Umsatz von 130 Mio Euro und beschäftigt 800 Mitarbeitende. Mit 13% Marktanteil weltweit steht die Gruppe hinter Rossignol (19%) und Atomic (18%) auf Platz drei, gleichauf mit Head.

Konzentration schreitet voran

Produziert werden die Völkl-Ski im niederbayrischen Straubing und in China, wo zusammen mit K2 vor allem die Kinderski hergestellt werden. Die Bindungen werden in Tschechien fabriziert.

Wenn es dem US-Konzern Jarden gelingt, eine Minderheitsbeteiligung an Rossignol zu übernehmen, erreicht der Konzentrationsprozess in der Skiproduktion neue Dimensionen.

 

 

NACHGEFRAGT Christoph Bronder, CEO der Marker-Völkl-Gruppe, Baar


«Schnee wird es immer geben»

Gehört Völkl zu den ausländischen Firmen, die in Baar ZG ihr Steuerparadies gefunden haben?

Christoph Bronder: Nein. Der Hauptsitz der Gruppe liegt aus historischen Gründen in Baar. 1992 haben der Schweizer Gregor Furrer und Dieter Cleven die Völkl-Gruppe übernommen und den Firmenhauptsitz von Deutschland in die Schweiz verlegt. Tiefe Steuern sind aber ein Vorteil.

Hat die Finanzkrise bereits Auswirkungen auf Ihr Geschäft?

Bronder: Bisher überhaupt nicht. Wir verzeichnen in den ersten zehn Monaten dieses Jahres ein zweistelliges Umsatzwachstum. Wir konnten unsere Neuheiten, wie etwa Völkl Tigershark und Power Switch sehr gut verkaufen.

Befürchten Sie negative Auswirkungen für die Zukunft?

Bronder: Wir werden von der Finanzkrise hoffentlich profitieren. Natürlich haben wir die Krise weder für uns noch für unsere Wettbewerber gewünscht.

Inwiefern werden Sie profitieren?

Bronder: Es wird ein weiterer Bereinigungsprozess stattfinden. Rossignol samt Dynastar soll verkauft werden. Eine führende Investmentbank hat mit unserem Konzern Jarden ein Kaufinteresse bekundet. Jarden wird jedoch eine Minderheitsbeteiligung haben. Ich hoffe, dass unsere Branche wieder mehr zur Vernunft kommt.

Inwiefern war sie unvernünftig?

Bronder: Die Preisverzerrungen im Markt waren gross. Im Rennsport wurden von einzelnen Konkurrenzfirmen horrende Fahrer-honorare bezahlt; Rennläufer wurden uns gestohlen von Firmen, die Verluste schreiben. Ich hoffe, dass in der Krise deren finanzielle Situation sie wieder zur Vernunft zwingt.

Welche Schweizer Rennfahrer wurden Ihnen abgeworben?

Bronder: Marc Gini von Fischer und Dominique Gisin von Dynastar.

Weshalb brauchen Sie Rennfahrer?

Bronder: Sie sind für das Marketing sehr wichtig, vor allem ihre TV-Präsenz nützt unserer Marke.

Ist Völkl ein Nutzniesser der Krise?

Bronder: Ich wünsche mir keine Krisen, aber in Krisenzeiten sind starke Marken gefragt. Das hat auch der Horrorwinter 2006/07 gezeigt. Wichtiger als die Wirtschaftslage ist für unser Geschäft die Witterung: Snow first.

Schneearme Winter häufen sich. Haben Sie ein Szenario für den Klimawandel entwickelt?

Bronder: Wir ignorieren den Klimawandel nicht. Ich habe aber keine Bedenken, da massiv in den künstlichen Schnee investiert wird. Die Schweiz hat diesbezüglich noch einen Nachholbedarf.

Haben Sie kein Langfrist-Szenario, wenn Schneekanonen nicht mehr ausreichen?

Bronder: Wir haben den Vorteil, dass wir zu einem Konglomerat gehören, das in vielen Bereichen tätig ist und in dem der Wintersport weniger als 10% des Konzernumsatzes beträgt. Ich muss also nicht selber Schlauchboote entwickeln. Aber ich bin überzeugt, dass es immer Schnee geben wird.

Sie meinen Kunstschnee?

Bronder: Nicht nur. Wir sind in über 40 Ländern rund um den Erdball tätig. Wenn Sie die Wetterkarten beobachten, erkennen Sie, dass es auf einem Kontinent immer Schnee gibt.

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