An fast jeder Finanzkonferenz ist inzwischen vom neuen digitalen Geld der Zentralbanken die Rede. Geld, das es in dieser Form noch nicht gibt. Geld von der Zentralbank, nicht in Münzen und Noten, sondern eben digital. ­Soeben kündigten die Japaner an, nächste Woche der Regierung einen entsprechenden Vorschlag zu unterbreiten. Diese Woche äusserte sich Jens Weidmann, Chef der deutschen Bundesbank, zum Thema. Thailand und Kambodscha machen bereits Tests. China rollt seine Version wahrscheinlich noch dieses Jahr aus. Dutzende Zentralbanken verfolgen entsprechende Projekte.

Auch die Schweiz steht da nicht abseits. Letzte Woche bildete die Schweizerische Nationalbank zusammen mit anderen Zentralbanken, vor allem aus Europa, eine Gruppe, in der die Erfahrungen ausgetauscht werden sollen. Hier folgt eine Zusammenstellung der wichtigsten Punkte darüber, was es mit dem neuen digitalen Zentralbankengeld auf sich hat.

Warum Zentralbanken neues Geld prüfen

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Was den Zentralbanken einheizte, war neue Konkurrenz aus dem Technologiesektor, die plötzlich am Horizont auftauchte. Am Anfang war Bitcoin. Ohne die erste und immer noch wichtigste Kryptowährung hätte sich bei den Notenbanken gar nie genügend Druck aufgebaut, um überhaupt mit neuen Technologien zu experimentieren. Wie wichtig die Vorarbeiten aus der ursprünglich libertären Kryptoszene waren, spiegelt sich in grossen Reports von etablierten Institutionen. So hat das World Economic Forum soeben ein Grundlagenpapier zum neuen Zentralbankengeld veröffentlicht.

Im 28 Seiten starken Bericht dauert es gerade mal bis zur Zeile sechs, bis das erste Mal von Kryptowährungen die Rede ist. Progressive Zentralbanken wie die englische haben schon vor Jahren die möglichen Konsequenzen des neuen Phänomens bis ins Detail durchgedacht, auch wenn niemand in der Welt der Notenbanker Bitcoin heute als gefährliche Konkurrenz einstuft. Zu heftig sind schon nur die Wertschwankungen dieser Kryptowährung. Ins Scheinwerferlicht rückte das Thema «neue Konkurrenz» erst letzten Sommer. Damals kündigte Facebook an, mit Libra eine neue Weltwährung lancieren zu wollen. Über zwei Milliarden Konsumenten wirft Facebook in die Waagschale. Das ist genug, um selbst die stärkste Zentralbank herauszufordern.

Was neues digitales Zentralbankgeld ist

Das neue Zentralbankgeld läuft in der Branche unter der Abkürzung CBDC, was für Central Bank Digital Currency steht. Es ist eine neue Form von digitalem Geld, das direkt von der Zentralbank ausgegeben wird. Die entscheidende Frage ist, wer es erhalten soll. Da gibt es zwei Konzepte: Infrage kommen erstens direkt die Endkonsumenten oder aber zweitens nur die Geschäftsbanken, die dann den Endkunden digitales Geld erst in ­einem zweiten Schritt weiterreichen.

Bisher haben die Zentralbanken für die Endkunden nur physisches Geld wie Münzen und Banknoten ausgegeben, nie aber digitales Geld. Digitales Geld kam bisher nur über die Geschäftsbanken in Umlauf, indem Privatkunden und Firmen Konti etwa bei Postfinance, Kantonalbanken und anderen halten und über diese Konti Geld hin und her schieben.

Auf dem Spiel steht die Vorherrschaft

Wer Geld und Zahlungsströme kontrolliert, hat Macht. Das zeigen schon die Sanktionen der USA, welche ohne Dollardominanz im internationalen Handel kein gleich starkes Druckmittel wären. Aber auch kleinere Währungsregionen mit ihren Zen­tralbanken pochen auf ihren souveränen Währungen, weil ohne sie keine Geldpolitik mehr möglich wäre. Eine wirksame Geldpolitik ist aber wegen neuen grenzüberschreitenden und unabhängigen Währungen und Zahlungsmitteln keineswegs für alle Zeiten gesichert.

Es ist denkbar, dass sich so etwas wie Libra im Alltag als Zahlungsmittel über Whatsapp verbreitet. Nicht morgen, aber vielleicht innerhalb von zehn Jahren. Und es könnte so den Spielraum von Zentralbanken bei der Steuerung der Geldmenge oder des Wechselkurses arg einschränken. Selbst geopolitische Überlegungen beginnen Staatspolitiker umzutreiben, seit China seine eigene digitale Währung forciert. Was heisst das für den Westen, wenn der Handel in Afrika dereinst durch die neue chinesische Digitalwährung geprägt würde? Eine solche Expansion wäre zwar auch heute schon mit bestehenden Mitteln möglich, aber das flächendeckende Ausrollen ist dank den neuen Technologien weitaus einfacher.

Notenbanker: Hüter und Hüterinnen des Geldes

Haruhiko_Kuroda-Thomas_Jordan-Christine_Lagarde-Jerome_Powell-Yi_Gang
Quelle: Bloomberg/Keystone/ZVG

Diese Notenbanker tüfteln an digitalen Lösungen (von links):

Haruhiko Kuroda: Japans Zentralbankchef ist in Warteposition. Aber aus dem Parlament kommt Druck, einen neuen digitalen Yen vorzubereiten.

Thomas Jordan: Der Präsident des SNB-Direktoriums prüft neues digitales Geld als effizientes Mittel zur Abwicklung von Börsentransaktionen.

Christine Lagarde: Die Präsidentin der EZB hat Kryptowährungen schon früh ernstgenommen und auf Konsequenzen der neuen Technologien hingewiesen.

Jerome Powell: Der Vorsitzende des FED bleibt zurückhaltend, lässt aber Kosten und Nutzen von digitalem Zentralbankgeld für private Haushalte prüfen.

Yi Gang: Chinas Zentralbankchef und sein Gremium haben die am weitesten reichenden Pläne. China dürfte nächsten Winter mit seinem Projekt loslegen.

Was die Vorteile für die Konsumenten sind

Falls die Konsumenten direkt Zugang zu Zentralbankgeld erhalten (sogenannte Retail-CBDC), gibt es einige Anreize, dieses Geld auch zu nutzen: Der Konsument hätte kein Gegenparteirisiko mehr, denn im Unterschied zu anderen Banken kann die Zentralbank nicht in Konkurs gehen. Das dürfte die Verbreitung fördern. Auch grenzüberschreitende Zahlungen könnten billiger und schneller werden. Vor allem aber entstünde eine Konkurrenz zu den bestehenden Dienstleistungen der Banken, die nun stärker um die Gunst der Konsumenten buhlen müssten. Das könnte insgesamt zu besseren Angeboten führen.

Falls neues digitales Zentralbankgeld nur den Geschäftsbanken zugänglich gemacht wird (sogenannte Wholesale-CBDC), ändert sich für die Endkunden nichts Wesentliches. Sie brauchen etwa fürs Bezahlen nach wie vor die Infrastruktur ihrer Banken. Die Geschäftsbanken dagegen erhielten ein neues Instrument, um unter sich in Echtzeit und ohne Gegenparteirisiko Transaktionen abzuwickeln, je nach Ausgestaltung auch grenzüberschreitend. Davon würden wiederum die Konsumenten profitieren.

Das sind die grössten Risiken

In der Schweiz funktioniert das bisherige Bezahlsystem sehr gut. Deshalb könnte der Gewinn an Nutzen die Risiken nicht aufwiegen, die Neuerungen zwangsläufig mit sich bringen. Die Zentralbank müsste massiv in Cyber Security und die Widerstandsfähigkeit ihrer Systeme investieren. Auch sind die Zentralbanken nicht geübt darin, Endkunden direkt zu bedienen. Möglicherweise käme es zu Verwerfungen, wenn der übrige Bankensektor durch das Vorpreschen der Zentralbank an Bedeutung verlieren würde: Gewinne könnten ausbleiben, Kreditvergaben sinken. Das wahrscheinlichste Szenario – China arbeitet daran – ist ein hybrides Modell: Die Zentralbanken geben ihr neues Geld direkt nur an grosse Finanzakteure weiter, welche dann die Feinverteilung und heute gängige Kontrollen wie KYC (Identifizierung) und AML (Anti-Geldwäscherei) übernehmen.

Die Pläne der SNB in diesem Jahr

Die SNB treibt vor allem ein Projekt in Zusammenarbeit mit der Börsenbetreiberin SIX voran. Die SIX baut unter dem Namen SDX gegenwärtig eine neue Handelsplattform auf. Der Börsenplatz fusst auf der komplett neuen Technologie Corda, die vom Unternehmen R3 bereitgestellt wird und eine raschere Abwicklung der Trades erlaubt. Auf der SDX sollen künftig Aktien, Bonds und neue Assets gehandelt werden – gegen Franken. Hier kommt die SNB ins Spiel. Sie prüft, wie von ihr geschaffenes neues digitales Zentralbankgeld bei der Abwicklung eingesetzt werden könnte. Dieses Geld wäre direkt eine Forderung an die Zentralbank. Es käme aber nicht bei den Endkonsumenten im Schweizer Alltag in Umlauf, sondern nur bei den Akteuren innerhalb des Handelsplatzes SDX. Ob die Pläne umgesetzt werden, entscheidet sich später im Jahr.

Das Warten geht noch eine Weile weiter

Alle reden jetzt von diesen CBDC. Aber gerade in westlichen Staaten dürfte es noch lange dauern, bis die Konsumenten direkt digitales Zentralbankengeld nutzen können. Zu viel steht auf dem Spiel, zu gut funktioniert das heutige Regime. Und auch in der alten Infrastruktur bewegt sich inzwischen einiges. Das Interbankensystem Swift erlaubt mittlerweile Echtzeit-­Transaktionen. Geschäftsbanken und Fintechs schrauben die Dauer von grenzüberschreitenden Überweisungen fortlaufend herunter. Trotzdem: Der Bank für Internationale Zusammenarbeit zufolge rollt jede zehnte Zentralbank innerhalb der nächsten drei Jahre die eine oder andere Form des neuen Geldes aus.

498 Mrd. Franken bei Geschätsbanken

Notenbankgeld: Die Schweizerische Nationalbank hat Geld im Wert von 580 Milliarden Franken im Umlauf. Nur 82 Milliarden davon sind Bargeld. Der Rest sind Guthaben der Geschäftsbanken bei der SNB. Das elektronische Geld gelangt nur über die Geschäfts banken zum Endkunden.

Kredit: In der Wirtschaft zirkuliert nicht nur Notenbankgeld, sondern auch Geld, das durch die Geschäftsbanken etwa durch Kreditvergabe geschaffen wird. Zählt man alle Sparkonti, Geldmarktpapiere und Schuldverschreibungen zusammen, beträgt die sogenannte Geldmenge M3 1071 Milliarden.