Shayne Nelson kennt Retail Banking aus dem Effeff. Der Australier und CEO der Universalbank Emirates NBD (ENBD), die Nummer eins der Geldhäuser in den Golf-Emiraten, begann seine Karriere damit, Bancomaten mit Bargeld aufzufüllen.

Heute ist Nelson mehr darauf bedacht, das E-Banking auszubauen. Denn laut der emiratischen Telekomaufsicht liegt die Marktdurchdringung in der Mobiltelefonie bei 192 Prozent – sprich, fast jeder hat zwei Handys. Dies ist global einer der höchsten Werte, was zum Teil an den relativ weiten Entfernungen zwischen den Agglomerationen in den Wüstenstaaten liegt. Ausserdem sind 59 Prozent der Mobiltelefone Smartphones.

Schütteln und sparen

Vor gut einem Jahr lancierte ENBD «Shake n'Save», eine Smartphone-App, die es Kunden erlaubt, Ersparnisse zu überweisen, indem sie ihr Handy schütteln. Das Schütteln generiert per Zufallsgenerator einen Betrag, der dann vom Privat- auf das Sparkonto übertragen wird. Die Limite kann vom Kunden vorher eingestellt werden. So soll Sparen Spass machen, denn der Gang zum Bankschalter oder zum Bancomat wird erspart und auch das lästige Transferieren per Online-Banking entfällt.

Laut World Economic Forum sind die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) das innovativste Land im Mittleren Osten im Hinblick auf E-Banking, E-Governance sowie beim Abbau von Bürokratie. Dubais Regent Scheich Mohammed war der erste arabische Politiker, der Konten auf den Social-Media-Kanälen Twitter, Facebook und Instagramm lancierte. In der Schweiz steht das Angebot vergleichbar am Anfang: Mit Bezahl-Apps wie Paymit und Tapit versuchen die Anbieter gerade, im Markt Fuss zu fassen.

Bussen per Smartphone bezahlen

Ein Schweizer, der in Dubai oder Abu Dhabi lebt, kann von dort Stromgebühren oder Strafzettel mit einer Smartphone-Applikation bezahlen und braucht keinen Pass, sondern lediglich Fingerabdruck und Gesicht zu scannen, um am Flughafen aus- und einzureisen.

Auf E-Banking ohne Zinsen setzt auch die islamische Bank Al Hilal in Abu Dhabi, wobei in ihrem Fall das «E» für Erlebnis steht. An der Corniche von Abu Dhabi, der Hauptstadt der VAE, betreibt Al Hilal Bank seit zwei Jahren eine Art Kaufhaus für Bankkunden, die Al Hilal Mall Branch. «Banking leben und nicht nur erledigen, ist das Ziel der Mall», sagt Mariam Ahli, Leiterin Unternehmenskommunikation bei Al Hilal Bank, die mit einem Stammkapital von vier Milliarden Dirham (1,1 Milliarden Franken) zu den Boutique-Banken unter den 23 lokalen Geldhäusern in den VAE und im erdölreichen Emirate Abu Dhabi zählt.

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Kinderkrippe in der Bank

Im Erdgeschoss gibt es neben der Bankfiliale auch ein Starbucks-Café und einen Kiosk. Höhepunkt der Event-Zweigstelle ist eine bunte Filiale namens «Sagheer» (Arabisch für klein), in der Eltern ihre Kinder betreuen lassen können und wo die Kinder zur gleichen Zeit den Umgang mit Geld erlernen. «Zum Kindergeburtstag und zum Ende das Fastenmonats Ramadan schenken wir allen jungen Kunden 100 Dirham (27 Franken). Dann erfahren sie von unseren Kundenberatern in Seminaren, wie sie das Geld anlegen können», erklärt Frau Ahli.

Die nächste Geschäftsreise oder der kommende Sommerurlaub können bei Al Hilal (das arabische Wort bedeutet Halbmond) auch gebucht werden. Ein Reisebüro, das natürlich von der staatlichen Fluggesellschaft Etihad aus Abu Dhabi betrieben wird, befindet sich direkt neben Starbucks. Gut betuchte Kunden nehmen den Aufzug in die oberen Etagen, wo diskrete Besprechungszimmer bereitstehen.

Auch ausserhalb der Filialen setzt die Bank mit dem roten Quadrat im Logo, das für Kundenfokussierung stehen soll, auf mehr Service. Die Filialen befinden sich oft an einer guten Lage und dort, wo Kunden leicht Zugang haben. Wie zum Beispiel an der berühmten Jumeirah-Road, die zum «Siebensternehotel» Burj Al Arab führt oder im Vergnügungspark Global Village an der Mohammed Bin Zayed Road.

Von Selfie-Manie profitieren

«Al Hilal Bank wollte seit ihrer Gründung im Juni 2008 anders sein», sagt Ahli. Dass die Bank so kurz vor der globalen Finanzkrise aus der Taufe gehoben wurde, schadete ihr indes nicht. Die Regierung von Abu Dhabi ist Alleineigentümerin und stützte Al Hilal Bank mit Petrodollars. Die Bancomaten der Al Hilal Bank sind zudem keine Mini-Geräte, die verdeckt in Ecken stehen, sondern sie haben das Format einer Garage: überdacht, transparent, mit Schiebetür für Diskretion und so viel Platz, dass auch Kinderwagen oder Rollstuhl hineinpassen.

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Auf die Selfie-Manie setzt Mashreq Bank aus Dubai. Mashreq Bank, deren Aktien an der Börse in Dubai gehandelt werden, hat vor Kurzem in einem Joint Venture mit Visa die erste Selfie-Kreditkarte in den VAE. Diese erlaubt es Kunden, zum Spass und zur Sicherheit ein Selfie auf dem Plastikgeld abzubilden. Um das Angebot zu versüssen, ist die Karte zugleich auch Eintrittsticket für 700 Business Class Lounges an 400 Orten weltweit.

Flughafen Dubais ist Kreditkarten-Treiber

Gerade in Dubai, dessen Flughafen im letzten Jahr 70 Millionen Passagiere begrüsste und erstmals London-Heathrow überholte, hat fast jede Kreditkarte irgendwelche Eigenschaften, die mit dem Fliegen zu tun haben, vom Meilensammeln, zum Lounge-Zugang bis hin zum Spa-Besuch vor dem Boarding.

Derzeit wird der Hub mit einem neuen «Concourse D» ausgebaut und ab 2016 eine Kapazität von 90 Millionen Passagieren haben. Emirates NBD lancierte im Februar die erste Kreditkarte, die den Kunden Rabatte in den meisten Kiosken, Bistros und Restaurants in der Freihandelszone Dubai Multi Commodities Center garantiert. DMCC ist mit über 10'000 Firmen, bei denen 85'000 Menschen arbeiten die grösste der fast 40 Free Zones im Golfstaat.

Dieser Artikel ist zuerst in der «Schweizer Bank» erschienen unter dem Titel «Die Filiale, die Wüste und das E-Banking».