Letztes Jahr wurden in der Schweiz exakt 311'466 neue Autos verkauft. Über 98 Prozent davon wurden bei einer der gut 5000 Garagen im Land gekauft – und nur knapp 2 Prozent online. Im Gegensatz zu fast allen anderen Branchen hat der E-Commerce im Schweizer Autohandel noch nicht Einzug gehalten.

Doch das wird sich bereits in wenigen Wochen ändern. Denn Anfang März wird die Amag in den Online-Autohandel einsteigen. Das bestätigt Amag-Sprecher Dino Graf: «Im Rahmen des bereits im ersten Quartal 2020 geplanten Relaunch von amag.ch wird Amag ­Retail ein innovatives, inte­griertes Online-Sales-Portal lancieren.» Das Bekenntnis des Schweizer Marktführers im Autohandel zum E-Commerce kommt einem Damm­bruch gleich.

Nicht weil plötzlich viel mehr Autos online verkauft werden dürften als heute. Sondern weil auf einen Schlag die Fahrzeuge von vier der sechs meistverkauften Marken online verfügbar werden, namentlich die von der Amag importierten Autos von VW, Audi, Škoda und Seat. Das wird auch die hiesigen Vertriebsgesellschaften von BMW und Mercedes, welche die beliebtesten Automarken der Schweizer komplettieren, unter erheblichen Zugzwang setzen.

«Wie in anderen Branchen»

Starten will die Amag im «virtuellen Showroom» mit rund 6500 Lagerfahr­zeugen, Vorführwagen und Occasionen. Geplant ist gemäss Sprecher Graf aber auch, «hochwertige Gebrauchtwagen anderer namhafter Hersteller» auf der Plattform anzubieten.

Im Gegensatz zum Online-Vertriebsmodell von Tesla, bei dem der Kunde zum Schluss das bestellte Fahrzeug an einem sogenannten Auslieferungsort abholen muss, kann der Online-Kunde sein Fahrzeug fixfertig zu sich nach Hause liefern lassen – und den ganzen Kaufprozess online abwickeln, inklusive Rücknahme des bisherigen Autos, Leasing des Neuwagens und des Administrativkrams mit dem Strassenverkehrsamt.

«Wir wollen unseren Kunden ein Einkaufserlebnis ermöglichen, welches sie sich von anderen Branchen bereits gewohnt sind», begründet Sprecher Graf den Vorstoss. Und Amag-Chef Morten Hannesbo fügt hinzu: «Wir denken, mit diesem Angebot einerseits ein wichtiges Bedürfnis an­zusprechen, bei bestehenden und bei potenziellen Kunden. Anderseits wollen wir aber auch die Digital Natives für Amag gewinnen.»

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Diesbezüglich zählt der Autohändler im Vergleich zur Konkurrenz im Inland bereits zu den Fortgeschrittenen. Unter anderem dank der Tochter Clyde. Sie bietet diverse Autos und E-Fahrzeuge im Abo an – zum monatlichen Fixpreis. Ab 550 Franken gibt es bei Clyde einen VW Polo, für 1440 Franken einen E-tron von Audi. Clyde soll Amag-Kunden ab diesem Frühling auch ermöglichen, unkompliziert den Einstieg in die Elektromobilität zu finden und ein E-Auto im Alltag zu testen.

Martin Haefner, Besitzer und Verwaltungsrat der AMAG Group AG.

Martin Haefner: Sein Unternehmen steht vor einem entscheidenden Wandel.

Quelle: Gerry Nitsch / 13 Photo

Startups gegen Traditionshaus

All diese Initiativen stösst die Amag an, weil Chef Hannesbo davon überzeugt ist, dass es im Autohandel in den kommenden Jahren zu massiven Verschiebungen kommen wird. Er spricht von «dreimal dreissig»: Rund 30 Prozent der Marge werden wegfallen.

Ein Drittel der Volumen werde wegfallen, weil es neben dem klassischen Verkauf Miet- und Abomodelle und den Direktvertrieb durch die Hersteller geben wird. Und ein Drittel des Werkstattumsatzes werde wegfallen, weil die neuen Produkte weniger Wartung benötigten. Für Deutschland rechnet die Beratungsfirma PwC damit, dass gut 40 Prozent der Autohändler verschwinden.

Um entsprechend nicht unter die Räder zu kommen, muss sich der Milliardenkonzern Amag also deutlich verändern. Und will das auch: Ziel ist laut Hannesbo, in 25 Jahren – dann wird das Unternehmen von Milliardär Martin Haefner hundert Jahre alt sein – die komplette Palette individueller Mobilität abzudecken. Mit Verkauf, Abomodellen und diversen Mietmöglichkeiten.

Die grosse Frage wird sein, ob der notwendige Wandel einer Traditionsfirma wie Amag gelingen kann oder ob ihre jüngeren, tendenziell agileren Konkurrenten davonfahren. Autoabos gibt es auch von Herstellern wie Cadillac oder Porsche und von Startups wie Carvolution oder Carify, mit einem aktuell vergleichbaren Serviceangebot. Und mehrere Abos brauchen die wenigsten. Aber nach dem Abo vielleicht doch noch den eigenen E-Golf aus dem Online-Shop.