Was wäre, wenn? Diese Frage hat sich wohl jeder schon einmal gestellt. Das Gedankenexperiment lohnt sich vor allem, wenn es darum geht, die Konsequenzen von Trends aufzuzeigen. 13 solcher Fragen stellt die Denkfabrik Avenir Suisse in einer neuen Publikation und zeigt damit mögliche Entwicklungen und ihre Folgen für die Schweiz auf. Eine Frage des Think Tank lautet: Was wäre, wenn alle multinationalen Firmen plötzlich die Schweiz verlassen?

Ein Massenexodus von globalen Konzernen wäre für die Schweiz nur schwer zu verkraften, so das Fazit: Die Folgen wären massiv – und das gleich auf mehreren Ebenen. Schliesslich wäre sogar der Wohlstand des Landes betroffen. Wie aber sieht das Szenario aus?

Arbeitslosenquote steigt

Zunächst wären da die Arbeitsplätze: Ziehen die Multis weg, brächen auf einen Schlag 26 Prozent der Schweizer Arbeitsplätze weg (siehe Grafik unten). Weniger Arbeitsplätze bedeutet weniger Arbeitskräfte, entsprechend würden viele zugezogene ausländische Arbeitnehmer die Schweiz wieder verlassen. Mit Folgen für den Immobilienmarkt: Immer mehr Wohnungen stünden leer.

Doch nicht nur Zugezogene würden der Schweiz den Rücken kehren: Mit dem Wegfall von einem Viertel der gesamten Arbeitsplätze steigt die Arbeitslosenquote. Hochqualifizierte Talente finden keine ansprechende Tätigkeit mehr, weswegen auch viele junge Schweizer ihre Heimat verlassen.

Wandern die Gutausgebildeten ab, fehlen dem Bund wiederum wichtige Erträge aus der Besteuerung natürlicher Personen.

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Weniger Einnahmen für den Bund

Doch das ist nicht das einzige Problem, denn die Finanzpolitik ist massgeblich von den Unternehmenssteuern der Multis abhängig: Bei einem Wegzug würden plötzlich Steuer-Einnahmen in Höhe von 4,5 Milliarden Franken – und damit 47 Prozent der gesamten Unternehmenssteuereinnahmen – in der Bundeskasse fehlen. Auf kantonaler Ebene wären die Auswirkungen noch drastischer.

Zugleich steigen die Ausgaben im Sozialbereich, wie Avenir Suisse weiter analysiert. Die Arbeitslosenversicherung läge im Minus, ebenso wie der AHV-Ausgleichsfonds aufgrund der gesunkenen Erträge aus Lohnbeiträgen. Die Folge: Die Bundesschulden steigen an.

Das Fehlen der Grosskonzerne macht sich auch in punkto Innovation bemerkbar – waren sie es schliesslich, die neue Ideen weitertrieben oder Geld in reifere Start-ups investierten.

Was könnte man also tun?

Um die Misere zu bekämpfen, bliebe nur eine Lösung: die Verbesserung der Standortattraktivität. Bloss: Wo ansetzen, ohne dass die Abwärtsspirale sich weiter dreht? Zum Beispiel würde eine Sanierung der AHV dringend notwendig – dies ginge aber nur auf Kosten der aktuellen Renten. Pensionierte würden sich gegen eine Kürzung wehren, bei einer entsprechenden Volksabstimmung wären die Jüngeren aufgrund der demografischen Entwicklung chancenlos. Die Folge: Der Exodus der Hochqualifizierten könnte sich nochmals verstärken.

Laut Avenir Suisse illustriert das Szenario des Wegzugs multinationaler Unternehmen aus der Schweiz vor allem eines: Wie wichtig es ist, die internationale Standortattraktivität zu bewahren.

Aus diesem Grund seien Massnahmen anzustreben, die die Bedingungen für international tätige Firmen hierzulande verbessern. Diese können etwa bei der Steuerbelastung von Unternehmen und Personen ansetzen; dies sei schliesslich ein entscheidendes Kriterium bei der Standortwahl. Spielraum gibt es hier laut Avenir Suisse genügend, beispielsweise über eine Senkung der direkten Bundessteuer.

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Auch empfiehlt die Denkfabrik höhere Kontingente für qualifizierte Arbeitskräfte bei gleichzeitiger Lockerung des Inländervorrangs. Schliesslich sei die ausufernde Bürokratie bei der Anstellung von Nicht-EU-Bürgern für die Firmen ein grosses Ärgernis. Als Drittes sieht Avenir Suisse einen Ansatzpunkt bei den ausländischen Direktinvestitionen. Nicht nur, dass es Investoren bei den Konkurrenzstandorten deutlich einfacher hätten, die hiesige Regulierungspraxis sei sogar einengender als im Schnitt der OECD, heisst es.

Quelle

Avenir SuissePeter Grünenfelder, Jürg Müller (Hrsg.): «Was wäre, wenn… 13 mögliche Entwicklungen und ihre Konsequenzen für die Schweiz», Oktober 2019.