WEF-CEO Børge Brende ist das nächste Opfer der Epstein-Files. Der Norweger tritt von seinem Chefposten beim World Economic Forum (WEF) zurück, wie die Organisation mitteilt. Eine Begründung enthielt die Medienmitteilung jedoch nicht. Auch auf Nachfrage wollte die Medienstelle des WEF keinen Rücktrittsgrund nennen. Dabei ist klar, dass Brende damit die Konsequenzen daraus zieht, wie er mit seinen Epstein-Kontakten umgegangen ist, als diese öffentlich wurden. Brende stolperte nicht über die Kontakte selbst, sondern darüber, dass er immer nur das zugab, was bereits bekannt war. 

Partner-Inhalte
 
 
 
 
 
 

Der frühere norwegische Aussenminister hat das WEF seit 2017 operativ geleitet. Sein Nachfolger wird Alois Zwinggi, der das Amt aber nur interimsmässig ausführen soll. Zwinggi ist quasi der «Mr. Switzerland» in der WEF-Geschäftsleitung, geht aber auf das Pensionsalter zu.  

Brende hatte zunächst öffentlich abgestritten, Kontakt zu Epstein gehabt zu haben. So hatte er im November gegenüber der norwegischen Zeitung «Aftenposten» erklärt, «nichts mit Epstein zu tun» zu haben. Als das US-Justizministerium dann zahlreiche neue Epstein-Akten veröffentlichte, kam heraus, dass Brende an drei Abendessen mit Epstein teilgenommen und dass die beiden zudem zahlreiche Mails und SMS miteinander ausgetauscht hatten.

In einem Mail an den WEF-Stiftungsrat bezeichnete Brende Epstein dann als ein «Monster». «Hätte ich seinen Hintergrund gekannt, hätte ich nicht einmal mit ihm gesprochen», so Brende. Das Ausmass seiner Kontakte habe sich aber auf drei Nachtessen und «wenige E-Mails und SMS» beschränkt. Tatsächlich sind in den Epstein-Files jedoch über hundert Nachrichten dokumentiert.

Streit zwischen Brende und Schwab

Auch Brendes Darstellung, er habe nichts über Epsteins Vergangenheit als verurteilter Sexualstraftäter gewusst, bekam schnell Risse. So hatte Epstein selbst dem WEF-Chef Anfang März 2019 einen Link zu einem Artikel aus der «New York Times» geschickt, in dem es um die Verurteilung Epsteins ging.

Epstein hatte sich 2008 schuldig bekannt, Minderjährige zur Prostitution gezwungen zu haben. Er erhielt eine Haftstrafe von 18 Monaten, von denen er rund 13 verbüsste.

Brende quittierte Epsteins Nachricht mit dem Artikel-Link mit einem «Daumen hoch»-Emoji. Darauf angesprochen, sagte Brende im norwegischen TV aber, dass er «völlig ahnungslos in Bezug auf diesen Link» gewesen sei. 

Brende erklärte zudem, dass er schon im Jahr 2019 den damaligen WEF-Präsidenten und -Gründer Klaus Schwab über seine Epstein-Kontakte informiert habe. Eine Darstellung, die Schwab mit Nachdruck bestreitet und Brende mit einer Klage droht, sollte dieser daran festhalten. 

Anfang Februar hat der Stiftungsrat dann die Anwaltskanzlei Homburger mit einer Untersuchung der Vorgänge betraut. Laut den Stiftungsratspräsidenten André Hoffmann und Larry Fink ist die Untersuchung beendet – was genau dabei herausgekommen ist, bleibt unklar. «Die Ergebnisse zeigten, dass es keine weiteren Fälle gab, die über die zuvor bekannt gegebenen hinausgehen.» Offenbar konnte Brende aber nicht belegen, dass er Schwab über seine Epstein-Kontakte wie behauptet informiert hatte. 

Bleiben Hoffmann und Fink nun länger?

Der Rücktritt Brendes schien angesichts dieser Lage unvermeidlich. Nun stellt sich die Frage, wie sich die Führung des Forums langfristig aufstellt. Denn sowohl der neue operative CEO Zwinggi als auch die beiden Stiftungsratspräsidenten Larry Fink und André Hoffmann sind Männer des Übergangs.  

Fink und Hoffmann hatten die Leitung des WEF übernommen, nachdem Gründer Klaus Schwab im vergangenen Frühjahr aufgrund von Vorwürfen durch interne Whistleblower zurückgetreten war, unter anderem ging es um unsauber abgerechnete Spesen. Allerdings hatte eine interne Untersuchung der Vorwürfe kaum Belastbares gegen Schwab zutage gefördert.

Nachdem das WEF-Treffen im Januar dank der Teilnahme von US-Präsident Donald Trump als grosser Erfolg gesehen wurde, hat vor allem Fink Freude an der neuen Rolle des WEF-Präsidenten gefunden – und will weitermachen, Hoffmann ebenso. 

Brendes Rücktritt gibt beiden nun einen handfesten Grund, länger zu bleiben. Denn jetzt müssen sie zunächst einen neuen CEO rekrutieren. Fraglich ist, ob sie zeitgleich auch ihre eigene Nachfolge aufgleisen wollen. 

Schwabs Wunschkandidatin als WEF-Präsidentin ist die amtierende EZB-Präsidentin Christine Lagarde. Die Französin hatte Medienberichte nicht dementiert, dass sie ihren Job in Frankfurt schon vor Ablauf ihrer Amtszeit im Oktober 2027 aufgeben wird, um noch vor den französischen Präsidentschaftswahlen Staatschef Macron die Möglichkeit zu geben, bei der Besetzung der EZB-Spitze noch ein Wort mitzureden.

Sollte es so kommen, wäre Lagarde frei, im kommenden Jahr beim WEF die Leitung des Stiftungsrates zu übernehmen. Doch von WEF-Insidern heisst es, dass es hier keinen Automatismus gebe. Der WEF-Topjob soll über ein professionelles Verfahren besetzt werden.

Kein Wunder: Corporate Governance war zuletzt nicht unbedingt eine Glanzdisziplin beim WEF.