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Wertschöpfung: Firmen sind die Verlierer

Der Anteil der Angestellten an der Wertschöpfung hat weiter zugelegt. Das Nachsehen haben die Unternehmen.

Von Christian Huggenbergund Heinz Rütter
am 26.09.2003

Erneut haben sich die Angestellten im letzten Jahr ein grösseres Stück aus dem Wertschöpfungskuchen abschneiden können. Ihr Anteil an der Wertschöpfung stieg 2002 um 1,0% (s. Grafik). Dies zeigt die jährlich von der «HandelsZeitung» und Rütter +Partner durchgeführte Wertschöpfungsanalyse bei den grössten Schweizer Industrie- und Handelsfirmen. Damit hat sich gezeigt, dass die Mitarbeiter ihre Position in der Krise verbessern konnten, nachdem sie in den Boomjahren gegenüber den anderen Stakeholdern jeweils (relativ) klar das Nachsehen hatten. So viel zum positiven Teil der neusten Firmenumfrage der «HandelsZeitung».

Nachdem sich bereits in den beiden Vorjahren eine Verlangsamung der Konjunktur in der Unternehmensanalyse widerspiegelte, hat sich dieser Trend erneut fortgesetzt. Insgesamt ist der Wertschöpfungskuchen 2002 kleiner geworden. Die Ertrags- bzw. Gewinnsituation der Unternehmen hat sich gegenüber dem Vorjahr weiter verschlechtert. Der Anteil des Gewinns an der Nettowertschöpfung hat um 1,1 Prozentpunkte abgenommen (vgl. Grafik). Zwar vermochten die Kapitalgeber, die 2001 erstmals seit neun Jahren eine Einbusse hinnehmen mussten, ihren Anteil diesmal gerade noch zu halten.

Deutlich schlechter weggekommen sind dagegen die Unternehmen, die 2002 die Hauptlast des Gewinnrückganges verschmerzen mussten. Entsprechend haben die Firmen gehandelt und auf die Verschlechterung ihrer Selbstfinanzierungskraft reagiert. So griffen sie bei Kapitalbedarf vermehrt auf Fremdmittel zurück. Als Folge davon fiel der Anteil der Kreditgeber trotz sinkendem Zinsniveau erneut leicht höher aus (Tabelle Vorjahresvergleich). Angesichts der Wirtschaftsflaute sahen sich die Unternehmen ferner gezwungen, ihre Kosten weiter zu reduzieren, mehr Wertschöpfung selbst zu erarbeiten (weniger Vorleistungsbezüge von Dritten) und beim Personal einzusparen. So weist die Studie zwar bezüglich der Entwicklung der Beschäftigtenzahlen einen minimalen Anstieg von 0,3% aus. In der Tat ist die Zunahme unter den in den Vergleich einbezogenen Unternehmungen aber allein auf Firmenanteile im Ausland zurückzuführen. Die Beschäftigtenzahl in der Schweiz ist um 0,2% gesunken. Zu den Verlierern gehört letztlich auch der Staat, dessen Anteil als Folge der negativen Gewinnentwicklung der Unternehmen nochmals, wenn auch nur leicht, abgenommen hat.

Ausgedehnte Krise

Zum ersten Mal überhaupt in den 22 Jahren der Publikation der Wertschöpfungsanalyse resultierte bei den erfassten Unternehmen eine Abnahme des Umsatzes von 1%. Was angesichts der veröffentlichten Daten zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung wenig erstaunt. Auch das Wachstum der Produktion von Waren und Dienstleistungen hat von 2,4% (2001) auf 0,2% im Jahr 2002 abgenommen. Alarmierend ist in der Wertschöpfungsanalyse, dass neben der Gesamtunternehmungsleistung auch zum ersten Mal in 15 Jahren die Arbeitsproduktivität (Bruttowertschöpfung pro Mitarbeiter) negativ ausgefallen ist, und zwar um 0,4%. Auch hier deutet die aktuelle Entwicklung darauf hin, dass sich das Jahr 2003 weiter wachstumshemmend auf die Wertschöpfungsentwicklung der Schweizer Firmen auswirken wird.

Auf den ersten Blick erstaunt es denn, dass trotz leichtem Rückgang der Bruttowertschöpfung der Personalaufwand pro Mitarbeiter bei den untersuchten Firmen weiter angestiegen ist (+1,2%). Üblicherweise ist es aber so, dass Firmen einen Abschwung nicht antizipieren, sondern im Bereich Human Resources erst zeitverzögert auf eine Verlangsamung der Konjunktur reagieren können. Im Weiteren entlässt keine Gesellschaft gerne Angestellte, solange noch ein leiser Funke Hoffnung auf eine baldige Belebung der Wirtschaft bestanden hat. Erst mit einer weiteren Verzögerung des Aufschwunges haben die Firmen dann im letzten Jahr damit begonnen, ihre Kapazitäten nach unten anzupassen. Dies zwangsläufig, wie die Umfrage weiter aufzeigt. Zwischen Personalaufwand und Arbeitsproduktivität klafft inzwischen eine beachtliche Wachstumslücke. Die Unternehmen werden es sich kaum leisten können, diese Differenz längerfristig auf ihren Schultern zu tragen. Vielmehr werden sie alles daran setzen, dieses Verhältnis wieder umzukehren. Dies heisst einerseits, dass der Personalaufwand weiter reduziert werden muss. Zum anderen aber auch, dass die Firmen ungeachtet des Wirtschaftszyklus von ihren Angestellten mehr fordern werden. Mit anderen Worten: Auch wenn sich die Nachfrage belebt, bleiben die Chancen auf ein Jobwunder vorerst gering. Zumindest so lange, bis sich das Wachstum der Bruttowertschöpfung wieder deutlich beschleunigt hat.

Die Analyse erlaubt auch, einen Vorjahresvergleich vorzunehmen, der Aufschluss gibt über die Entwicklung von Schweizer Unternehmen. Darin eingeschlossen sind Firmen, die mindestens 85% ihrer Wertschöpfung in der Schweiz erarbeiten. Damit wird erreicht, dass die Werte in ihrer Tendenz die wirtschaftliche Entwicklung von mittelgrossen Firmen in der Schweiz widerspiegeln, wobei etwa Banken oder Versicherungen nicht miteinbezogen werden. Ausgeschlossen wurden im Weiteren namentlich die SBB, welche mit ihren Zahlen infolge besonderer Situationen stark verzerrend auf den Vergleich gewirkt hätte. Dies trifft auch für die Energiefirmen zu, die infolge Nichtzustandekommens des Elektrizitätsmarktgesetzes grosse Anpassungen bei Rückstellungen und Abschreibungen machten und deshalb ebenfalls nicht einbezogen worden sind.

Ebenso fallen bei der Betrachtung der Bruttowertschöpfung pro Mitarbeiter einige Unternehmen wegen branchentypischer Besonderheiten aus dem Rahmen. So kommen zum Beispiel Immobilienfirmen oder Mineralölgesellschaften, die im Verhältnis zum Kapitaleinsatz nur wenige Mitarbeiter benötigen, auf eine sehr hohe Arbeitsproduktivität.

Bei den erfassten Unternehmen lag die Bruttowertschöpfung pro Mitarbeiter 2002 im Durchschnitt mit 121800 Fr. leicht unter dem Vorjahr (-0,4%). Dagegen bewegte sich der durchschnittliche Personalaufwand pro Angestelltem mit 83500 Fr. auf leicht höherem Niveau (+1,2%).

Der PharmakonzernRoche zurückgefallen

Die Bruttowertschöpfung pro Mitarbeiter ist je nach Branche sehr unterschiedlich. Sehr hoch ist sie infolge der Steuern bei den Mineralölgesellschaften oder bei den Energiefirmen wegen der hohen Kapitalintensität. Unter den Industriefirmen rangieren erneut Straumann, Siegfried sowie Bachem mit einer hohen Wertschöpfung pro Mitarbeiter auf den vordersten Plätzen. Vor allem Erstere fällt zudem durch einen verhältnismässig hohen, im Unternehmen belassenen Gewinnanteil von 79000 Fr. pro Mitarbeiter auf (vgl. Tabelle). In Anbetracht des ökonomischen Umfeldes ist dieser Anteil im Vergleich zu anderen Produktionsfirmen enorm hoch ausgefallen. Zu den Aufsteigern im industriellen Bereich gehörte im Jahr 2002 unter anderem Micronas, die sich mit einer Steigerung der Bruttowertschöpfung pro Mitarbeiter von 32% auf Platz eins unter den erfassten Maschinen- und Elektrofirmen vorarbeitete. Dagegen förmlich abgestürzt ist beispielsweise der Pharmariese Roche. Mit 149 000 Fr. lag die Bruttowertschöpfung pro Mitarbeiter bei den Baslern zwar noch über dem schweizerischen Durchschnitt. Der pro Mitarbeiter einbehaltene Gewinn von 18000 Fr. entsprach aber nur noch einem Bruchteil der vergangenen Jahre. Grund für die Zurückstufung war vor allem das schwache Finanzergebnis des Konzerns, der mit seinen enormen Kapitalreserven überdurchschnittlich stark unter der Börsenbaisse im letzten Jahr gelitten hat.

Fachwort

Was ist Wertschöpfung?@_Kastentext o.Einzug:Wertschöpfung ist der von einem Unternehmen in einer bestimmten Zeitperiode geschaffene Wertzuwachs; gleichzeitig ist sie auch Massgrösse für dessen volkswirtschaftliche Leistungskraft. Sie wird errechnet, indem zunächst von der Gesamtunternehmungsleistung ­ die ungefähr dem Umsatz entspricht ­alle Vorleistungen (Wert der von anderen Unternehmen bezogenen Güter und Dienstleistungen) abgezogen werden. Daraus ergibt sich die Bruttowertschöpfung, von der man durch Subtraktion der Abschreibungen die Nettowertschöpfung erhält. Diese wiederum verteilt sich auf die Gruppen Mitarbeiter, Staat, Kredit- und Kapitalgeber sowie auf die eigene Unternehmung (Selbstfinanzierung).

Umfrage

Die Teilnehmer

Im Rahmen der Wertschöpfungsstudie der «HandelsZeitung» und Rütter + Partner wurden 158 Unternehmen analysiert. Im vergangenen Jahr erzielten diese einen Umsatz von 247,9 Mrd Fr. und einen Gewinn von 2,2 Mrd Fr. 743667 Beschäftigte sind bei ihnen angestellt; davon 356357 in der Schweiz. 79 Firmen konnten in einen Vorjahresvergleich einbezogen werden. Er spiegelt die wirtschaftliche Entwicklung von mittelgrossen und grossen Firmen in der Schweiz.

Mitarbeiterbeitrag zur Firmensubstanz in 1000 Franken

Im Unternehmen Ausschüttung Bruttowertschöpfung
einbehaltener Gewinn an Kapitalgeber pro Mitarbeiter pro Mitarbeiter pro Mitarbeiter

Firma

Esso Schweiz GmbH 0 151 3587

TAMOIL SA 0 23 2889

Migrol AG 0 26 2216

PSP Swiss Property AG 232 545 1357

Swissgas 101 5 1197

Groupe EOS Holding 0 213 1136

LO Holding Lausanne-Ouchy SA 0 360 1095

Grande-Dixence SA 0 0 1012

Würth Holding GmbH 0 710 1009

Dreieck Leasing SA 67 7 901

Kernkraftwerk Leibstadt AG 52 3 861

Du Pont de Nemours int. S.A. 0 241 614

NOK 38 27 560

Allreal Holding AG 87 94 526

St.Gallisch-Appenzellische KW 37 120 410

KW Gösgen-Däniken AG 42 3 400

Erdgas Ostschweiz AG 0 17 371

Elektrizitätswerk Stadt Zürich 70 67 360

Services Industriels de Genève 3 72 360

Centralschweizerische Kraftwerke19 63 297

BKW FMB Energie AG 15 70 297

AEW Energie AG 30 ­12 291

REKA Schweizer Reisekasse 2 12 289

Straumann AG 79 32 279

Siegfried Ltd. 8 97 277

Elektra Birseck (EBM) 0 57 277

EKZ 2 30 269

Energie Wasser Bern 64 21 266

Unique 0 9 262

Entreprises électr. fribourgeoises 5 50 242

Publisuisse SA 2 30 240

Micronas Semiconductor AG 0 41 239

CPH Chemie+Papier AG 9 41 238

BACHEM AG 21 49 224

Serono 19 13 219

TDC Switzerland AG 0 ­41 213

Zuckerfab. Aarberg und Frauenfeld3 5 212

IWB Industrielle Werke Basel 31 3 211

Geberit AG 46 13 211

Belimo Holding AG 34 24 210

Scintilla AG 18 52 193

A. Hiestand AG 7 26 186

EMS-Chemie Holding AG 0 27 184

DaimlerChrysler Schweiz AG 0 22 182

Lonza AG 15 20 179

Sources Minerales Henniez SA 0 59 175

Rohner AG 0 12 172

Mettler Toledo GmbH 0 33 172

Feldschlösschen Getränke AG 0 22 172

Citroen (Suisse) SA 9 1 170

Leica Geosystems AG 0 9 168

SBB 0 0 168

Jelmoli Holding AG 8 27 167

Saint-Gobain Isover SA 48 2 167

AZ Medien AG 2 ­1 166

Karton Deisswil AG 25 ­11 162

Motor-Columbus AG 7 14 161

Aare-Tessin AG für Elektrizität 8 13 161

Jungfraubahnen 11 15 156

Orell Füssli Holding AG 0 28 154

BLS Lötschbergbahn AG 1 5 154

F. Hoffmann-La Roche Ltd 18 ­76 149

SRG SSR Idée suisse 0 ­1 148

Berna Biotech AG 0 7 147

Losinger Construction SA/AG 10 1 144

HG Commerciale 1 3 143

Syngenta 3 ­2 141

Siemens Schweiz AG 0 17 140

ABB Schweiz Holding AG 0 17 138

Basler Zeitung 0 2 138

Komax Holding AG 4 14 136

Emmi Gruppe 2 9 136

Bobst SA 8 6 136

RUAG Holding 2 8 134

Zschokke Holding SA 1 2 134

Galenica AG 9 25 131

Metall Zug AG 4 17 130

Midor AG 11 5 129

Lagerhäuser der Centralschweiz 2 2 129

Estavayer Lait SA 7 11 129

Also Holding AG 3 14 127

Schulthess Group AG 7 17 126

sia Abrasives Industries AG 19 ­2 125

Crémo SA 0 6 123

Swiss Steel AG 0 1 122

Holcim Ltd 7 9 122

Interroll SA 2 ­2 122

Netstal-Maschinen AG 18 0 122

Rhätische Bahn 0 0 120

WMH Walter Meier Holding AG 5 6 119

Agfa-Gevaert AG 0 ­55 118

Conzzeta Holding 4 3 117

Charles Veillon S.A. 0 0 115

Eternit AG 8 1 114

SIG Holding AG 2 0 114

Franz AG 4 7 114

Barry Callebaut AG 7 14 112

Weisse Arena AG 0 4 112

Titlis Rotair 5 4 112

PubliGroupe SA 0 ­10 111

GVS Landw. Genossenschaftsverb.1 3 111

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