Unternehmen X hat eine neue Software auf den Rechnern der Mitarbeitenden installiert. Sie verfolgt alles, was am PC erledigt wird – jede Tastatureingabe, jede Mausbewegung und jedes geöffnete Dokument. So will man herausfinden, welche Tätigkeiten «routinisierbar» sind, also theoretisch von einem Computer übernommen werden können.

Dabei geht es nicht darum, den Mitarbeitenden überflüssig zu machen, sondern ihn gezielt so weiterzubilden, dass sein Arbeitsplatz zukunftssicher ist. Unternehmen Y will herausfinden, welche Mitarbeitenden sich mit bestimmten Themen besonders gut auskennen. Dafür setzt es eine Software von Starmind ein, die den Mail-Verkehr mitliest und herausfindet, in welchen Köpfen das Know-how steckt.

Antworten auf die drängendsten Fragen

Diese zwei Beispiele sind nicht fiktiv, bei X und Y handelt es sich um Schweizer Unternehmen. Beide betreiben sogenannte People oder HR Analytics: Sie nutzen Datenanalysen, um die Belegschaft – und das Unternehmen als Ganzes – leistungsfähiger zu machen.

Die Methode kann dabei helfen, die drängendsten Fragen im Personalressort zu beantworten: Was beeinflusst die Leistung der Mitarbeitenden? Was macht gute Führungsarbeit aus? Welche Mitarbeitenden könnten demnächst kündigen?

In den USA betreiben laut einer Studie von Deloitte schon 21 Prozent der Unternehmen People Analytics, in Europa ist man noch zurückhaltender, holt jedoch auf. «Gerade ITK-Unternehmen sowie Banken und Versicherungen probieren einiges aus», berichtet Antoinette Weibel, Professorin für Personalmanagement an der Universität St. Gallen. Ihr Team untersucht gerade die Anwendung von HR Analytics in Hinblick auf das Vertrauensklima am Arbeitsplatz und hat die eingangs erwähnten Beispiele recherchiert.

Anzeige

Personal-Controlling 2.0

Ganz neu ist dieser Ansatz natürlich nicht. Im Personal-Controlling werden seit je Daten ausgewertet, teilweise auch mit aufwendigen Methoden. Doch hier wird meist mit Zahlen aus der Vergangenheit gearbeitet oder man schaut sich den Status quo an. HR Analytics will mehr.

«Es geht darum, in die Zukunft zu schauen, Muster zu erkennen und Entwicklungen zu extrapolieren», erklärt Jose Marques, Partner im Bereich People and Organisation bei PwC Schweiz. Ein wichtiges Einsatzfeld für solche vorausschauenden Analysen (Fachwort: Predictive Analytics) ist die Personalplanung.

Viele Unternehmen sind derzeit dabei, sich auf die zunehmend automatisierte Arbeitswelt von morgen vorzubereiten. Analysen vom Rechner sollen dabei helfen. «Das Ziel ist, die Kluft zwischen vorhandenen und zukünftig verlangten Kenntnissen der Mitarbeitenden zu erkennen und Gegenstrategien zu formulieren», so Marques.

Datenflut eröffnet neue Möglichkeiten

Dass die Vermessung der Personalwelt jetzt mit Macht kommt, liegt vor allem daran, dass schlichtweg mehr Daten zur Verfügung stehen. Neue Kommunikationstools wie Slack produzieren eine wahre Flut von auswertbaren Informationen.

Daneben sorgen immer leistungsfähigere Rechner und Programme dafür, dass selbst kleine Firmen ihre Datenberge auswerten können – und sollte die eigene IT für die Analysen nicht reichen, lässt sich zusätzliche Rechenleistung einfach über die Cloud zukaufen.
 

Lesen Sie auch

«Das sind die besten Arbeitgeber der Schweiz 2020». Hier geht es zum Text.

Das Ziel von HR Analytics heisst evidenzbasiertes Personalmanagement. Einfach gesagt: Man will Entscheidungen nicht mehr aufgrund von Intuition oder Bauchgefühl fällen, sondern auf der Basis statistisch fundierter Erkenntnisse.

Die Zurich Insurance Group setzt People Analytics zum Beispiel ein, um Befragungen der Belegschaft auszuwerten. «So lässt sich feststellen, wie sich gewisse Massnahmen auf den Geschäftserfolg auswirken», erklärt Ralf Büchsenschuss, der den Bereich People Analytics bei der Versicherung leitet.

Schwer zu erfassende Zusammenhänge

Der Hintergrund: Umfragen in der Belegschaft haben oft viele Punkte, von der Mitarbeiterzufriedenheit bis zur Work-Life-Balance. Für das menschliche Auge sind Zusammenhänge in den Antworten oft nicht zu erkennen – dann kann People Analytics dabei helfen, zu den richtigen Erkenntnissen zu kommen.

«Es kann zum Beispiel gezeigt werden, ob Projekt A, B oder C einen Einfluss auf den Geschäftserfolg hatte», so Büchsenschuss. Natürlich ist es auch möglich, dass die Analysen Hypothesen widerlegen, die zuvor aufgrund von Erfahrung oder Intuition aufgestellt wurden.

Google als Vorreiter

Zu den beliebtesten Anwendungen von People Analytics gehört die Suche nach Kündigungsgründen. Die Credit Suisse hat laut «Wall Steet Journal» vor einiger Zeit eine Analyse durchgeführt, um herauszufinden, warum Mitarbeitende kündigen (grosse Teams und schlecht bewertete Führungskräfte führten die Liste an).

Viele US-Konzerne gehen noch weiter und berechnen für jeden Mitarbeitenden eine individuelle Kündigungswahrscheinlichkeit. Der finanzielle Nutzen solcher Analysen kann enorm sein; die Credit Suisse hat ausgerechnet, dass 1 Prozentpunkt weniger Fluktuation pro Jahr 75 bis 100 Millionen Dollar Einsparungen bringen.

Das Siegel «Bester Arbeitgeber 2020»

Ihr Unternehmen wurde ausgezeichnet, Sie haben aber noch kein Siegel erworben? Dann gelangen Sie hier zu weiteren Informationen.

Siegel bestellen
Placeholder
Anzeige

Am weitesten reizen Unternehmen aus dem angloamerikanischen Raum die Möglichkeiten der Datenanalyse aus. Das kanadische Startup Receptivi hat eine Software entwickelt, die E-Mails mitliest und bei Anzeichen einer «unerwünschten Subkultur» warnt. Sie erkennt angeblich, wenn Mitarbeitende zu hohe Risiken eingehen, Kollegen mobben oder den Arbeitgeber täuschen.

Dabei achtet der Rechner nicht nur auf verdächtige Formulierungen wie «aber nicht weitersagen», sondern erfasst angeblich ganzheitlich die Stimmung in einer Abteilung. Zwölf Kunden hat Receptivi schon, vor allem aus dem Finanzsektor. Sie bekommen auf sie zugeschnittene Analysen zur internen Kultur geliefert und nutzen sie für ihre Personalarbeit.

Was macht ein Topteam aus?

Als Weltmeister in Sachen Belegschaftsanalyse gilt der Internetkonzern Google. Die Personaler dort tragen auf ihren Laptops stolz Aufkleber mit dem Slogan «I have charts and graphs to back me up. So fuck off!» (sinngemäss: «Ich kanns mit Charts und Grafiken beweisen. Also leck mich!»).

Für Furore sorgte Google zuletzt mit einem Projekt namens Oxygen. Dabei verknüpften die Personaler Leistungs- und Mitarbeiterdaten, um herauszufinden, was ein Topteam ausmacht. Die Erkenntnisse aus dem Projekt werden unter anderem genutzt, um vorherzusagen, welche Zusammensetzung eines Teams die optimale Leistung bringt.

Anzeige