1. Home
  2. Unternehmen
  3. Wie Lafarge die Kooperation mit dem IS riskierte

Erfahrungsbericht
Wie Lafarge die Kooperation mit dem IS riskierte

Der Weltkonzern Lafarge arrangierte sich unfreiwillig mit der Terrororganisation IS: Jetzt erklärt ein Ex-Manager, wie der Zementriese bis vor zwei Jahren im Bürgerkrieg von Syrien Geschäfte machte.

Von Marc Bürgi
am 12.10.2016

Der Artikel von «Le Monde» machte diesen Sommer weltweit Schlagzeilen: Die französische Zeitung berichtete über die Aktivitäten von Lafarge im Bürgerkriegsland Syrien. Die Journalisten zeigten auf, wie der damals noch französische Zementriese monatelang nur dank einer indirekten Kooperation mit der Terrororganisation IS im Land arbeiten konnte.

Der Bericht von «Le Monde» liess viele Fragen offen – zumal der inzwischen französisch-schweizerische Konzern LafargeHolcim nur mit einer Medienmitteilung auf die Vorwürfe reagierte. Wie genau der Konzern eine Zementfabrik während eines Bürgerkriegs betrieb, blieb bis heute unklar. Eine Untersuchung des französischen Parlaments fand keine Hinweise, dass zwischen Lafarge und dem IS Geld geflossen ist.

IS profitierte von der Zementfabrik

Nun erhält die Öffentlichkeit neuen Einblick in Lafarges Aktivitäten in Syrien: Der ehemalige Sicherheitsverantwortliche des Zementkonzerns für Syrien hat ein Buch über seine Erfahrungen im Kriegsgebiet geschrieben. handelszeitung.ch hat sich mit dem norwegischen Autor Jacob Waerness in Zürich unterhalten.

Im Gespräch stützt Waerness eine Aussage von «Le Monde»: Der IS habe monatelang indirekt von der Zementfabrik profitiert. Dies sei unausweichlich gewesen: Die radikale Organisation kontrollierte laut dem Norweger verschiedene Transportrouten, die zur Fabrik führten.

Paris hat zu spät gehandelt

Viele Lieferanten und Kunden von Lafarge hätten mit ihren Lastwagen das IS-Gebiet nur passieren können, wenn sie dem IS Wegzölle bezahlten, erzählt der Ex-Manager. Für diese problematische Situation macht Waerness die damalige Lafarge-Konzernspitze in Paris verantwortlich: Sie habe es unterlassen, die Fabrik zu schliessen, als klar wurde, dass der IS in der Region an Einfluss gewann.

Lafarge expandierte 2009 nach Syrien: Der Konzern übernahm zusammen mit einem lokalen Partner für 680 Millionen Dollar ein Zementwerk in Jalabiyeh im Norden von Syrien nahe der Grenze zur Türkei.

Waerness begann seinen Job bei Lafarge Syrien rund zwei Jahre später im September 2011. Als Sicherheitsverantwortlicher war er direkt dem Länderchef von Lafarge unterstellt.

Es war zu Beginn des Bürgerkriegs: Damals kontrollierte noch die syrische Regierung das Gebiet um die Fabrik. «Im Sommer 2012 zog sich die syrische Armee von dort zurück», sagt Waerness. Zuerst hatte eine kurdische Gruppe im Umfeld des Werks das Sagen. Danach wurde die Situation für das Unternehmen kompliziert: Im Bürgerkrieg wechselten die Machverhältnisse in der Region sehr schnell.

Der IS wird zur Macht

Das Unternehmen musste sich auf die ständig ändernden Verhältnisse einstellen. Waerness erzählt, wie sich die Fabrikleitung mit den verschiedenen Bürgerkriegsparteien arrangierte, etwa um den Transport der Waren sicherzustellen. «Wir wussten nie, was als nächstes passieren wird.» Das Management war mit immer neuen Problemen konfrontiert. Waerness und sein Team mussten beispielsweise mehrere Male Lösegeld zahlen, um entführte Mitarbeiter zu befreien.

Zunehmend gewannen radikal-islamische Gruppen in der Region die Überhand – und im Sommer 2013 entstand schliesslich der spätere IS. Die berüchtigte Organisation rief Rakka (Arabisch: Ar-Raqqa), rund 135 Kilometer südöstlich von der Fabrik, als ihre Hauptstadt aus.

IS-Kämpfer stürmen die Fabrik

Das ist aus Sicht von Waerness der Zeitpunkt, wo Lafarge hätte reagieren müssen. «Als wir sahen, dass eine Terrororganisation indirekt von unserem Werk profitierte, hätten wir uns zurückziehen sollen.» Lafarge betrieb die Fabrik aber noch bis September 2014 – bis der IS die Fabrik stürmte. Waerness hatte Syrien bereits im Oktober 2013 verlassen, als sein Vertrag mit Lafarge zu Ende ging.

Er findet es aber dennoch richtig, dass Lafarge möglichst lange im Bürgerkriegsland blieb. Das Unternehmen habe eine Verantwortung gegenüber seinen lokalen Mitarbeitern und der Bevölkerung gehabt. «Lafarge nahm seine Verantwortung wahr», betont der Autor. «Die Frage ist, ob wir zu weit gegangen sind – und ich glaube die Antwort dazu ist Ja.»

Tunnelblick des lokalen Management

Der Norweger sieht sich mitschuldig dafür, dass Lafarge bis zum Ende ausharrte: «Ich hätte darauf hinwirken sollen, dass wir die Fabrik schliessen.» Ihm und auch seinem Vorgesetztem, dem Chef von Lafarge Syrien, habe aber die nötige Distanz gefehlt. «Es ist schwierig, inmitten eines Rennens abzubrechen», erzählt der 38-Jährige.

Letztlich habe die Verantwortung bei der damaligen Konzernspitze in Paris gelegen, findet Jacob Waerness. «Wir konnten nicht mehr in der Region arbeiten, ohne indirekt mit terroristischen Organisationen zu kooperieren. Die Lafarge-Führung hätte das erkennen sollen.»

Jacob Waerness ist Sicherheitsexperte für den Nahen Osten und Afrika. Der Norweger mit Jahrgang 1978 arbeitet als selbständiger Berater in Zürich. Sein Buch «Risikosjef i Syria» erschien dieses Jahr auf Norwegisch und wird aktuell auf Französisch übersetzt. Waerness möchte das Buch auch auf Deutsch und Englisch herausbringen.

 

Anzeige