Für ein Jungunternehmen residiert der Schweizer Ableger von Too Good To Go sehr prominent: Wie kam es zum Sitz an der Bellerivestrasse im Zürcher Seefeld?
Mette Lykke: Wir überlassen die Wahl der Niederlassung dem unternehmerischen Spirit der Lokalverantwortlichen. Und da ist dem Schweizer Team eine ebenso ungewöhnliche wie hübsche Standortwahl geglückt.

Ebenso ungewöhnlich: Mit rund 400 ­Angestellten ist Ihr Startup vier Jahre nach der Gründung schon recht gross.
Und wir wachsen weiter. Aktuell sind wir jeden Tag einen Kopf mehr, wir stellen täglich mindestens eine neue Mitarbeiterin ein. Oder einen neuen Mitarbeiter.

Begonnen haben Sie Ihre Karriere 2006 bei McKinsey. Was lernt man bei einem Beratungsunternehmen, das auch beim Anti-Foodwaste-Management hilft?
Ursprünglich habe ich politische Wissenschaften studiert; bei McKinsey konnte ich mir einen grundsätzlichen Sinn fürs Geschäftsleben aneignen. Dazu kamen strategisches Denken und ein analytischer Ansatz, verbunden mit einem Business-­Werkzeugkasten, den ich für Problemstellungen aller Art brauchen kann.

Über alle 13 Länder, in denen Too Good To Go tätig ist: Wo steht die Schweiz beim durchschnittlichen Transaktionswert?
In Ländern der EU liegt ein Kunden­einkauf meist bei 3,99 Euro, der Kunde erhält dann typischerweise Lebensmittel, die im Handel regulär 10 Euro kosten. In der Schweiz dürften es 7.20 Franken sein und man erhält etwa den dreifachen Wert in Lebensmitteln.

Pro Transaktion erhält Too Good To Go eine Kommission. Wie hoch ist sie?
Das ist je nach Land verschieden. In der Schweiz beträgt die Kommission 2.90 Franken, in anderen europäischen Ländern liegt sie im Schnitt bei 1,19 Euro.

Wenn also jemand in der Schweiz via Too Good To Go für 7.20 Franken Lebensmittel rettet, bleiben bei Ihnen 2.90 Franken ­hängen. Eine sehr hohe Marge.
So hoch ist das gar nicht. Denn damit müssen wir die Payment-Kosten begleichen, die Plattform der App pflegen und einen Kundendienst sicherstellen. Das geht ins Geld und wir brauchen eine ziemliche grosse Belegschaft, um innerhalb von 24 Stunden Antworten liefern zu können. Profitabel ist Too Good To Go jedenfalls noch nicht.

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Too good to go Website Screenshot

Alles wird reinvestiert: Website von Too good to go.

Quelle: Screenshot

Was passiert mit all dem Geld, das Too Good To Go verdient?
Wir reinvestieren alles ins Geschäft. Nur schon für Unterhalt und Weiterentwicklung der App sind ständig dreissig Leute an der Arbeit. Kommt dazu: Wir streben einen grösseren Impact an, als nur Lebensmittel zu retten. Wir kreieren grosse Mengen an Infomaterial, welches Schulklassen und Konsumenten kostenlos downloaden können. Fürs Geschäft bringt das nichts, weil es nur kostet, aber keine Erträge abwirft. Aber es ist Teil unserer Mission, die Lebensmittelverschwendung einzudämmen. Dieses Jahr werden wir schätzungsweise zwanzig Millionen Mahlzeiten retten.

In der Schweiz arbeiten Sie aktuell mit 1500 Partnern zusammen. Ihr Ziel ist es, diese Zahl auf 3000 zu steigern bis Ende Jahr. Wie wollen Sie das schaffen?
Das ist wirklich ein ziemlich aggressives Ziel. Aber wir sind gut aufgestellt dafür. Too Good To Go hat in der Schweiz ein Verkaufsteam, das sich vor allem um kleinere, unabhängige Läden und Restaurants kümmert. Dazu kommt ein Key-Account-Team, das für Grosskunden zuständig ist. Um wirklich das Ziel von 3000 zu schaffen, müssen wir uns wohl vor allem bei den Grosskunden steigern.

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Wie stark ist der Schweizer Markt pene­triert im Vergleich zu anderen Ländern?
In den meisten Ländern arbeiten wir mit 25 Prozent aller Kunden zusammen, die wir uns als Partner vorstellen können. In der Schweiz liegen wir unter 5 Prozent. Da ist also noch sehr vieles möglich.

Wer ist verantwortlich für die Qualität der zu rettenden Lebensmittel?
Der Partnerbetrieb, also der Detailhändler oder der Gastronom. Der Vertrag, der über die App zustande kommt, betrifft den ­abgebenden Partnerbetrieb und den Endkunden, nicht Too Good To Go. Wir sind die Plattform, sind quasi ein Anti-Foodwaste-Agent.

Wem gehören die Daten?
Die Daten gehören Too Good To Go. Sie liegen auf einer Datenbank, wir brauchen sie nur intern und gelegentlich für die Kundenansprache. Die Partnerbetriebe sehen nur kumulierte Daten, aber keine persönlichen Files.

Was sind die meistgehörten Absagen von Händlern und Restaurants, die nicht mitmachen wollen bei Too Good To Go?
In der Regel hören wir zwei Bedenken. Zum ersten sind es die Sorgen vor einer Kannibalisierung.

Die Food-Retterin

Mette Lykke, 38, ist seit Mitte 2017 Chefin von Too Good To Go. Zuvor war Mette Lykke Co-Gründerin und CEO der Ernährungs- und Fitness-App Endomondo, die 2015 vom US-amerikanischen Sportartikler Under Armour übernommen wurde.

Das Unternehmen Too Good To Go (TGTG) wurde 2015 gegründet und ist seit Mitte 2018 auch mit einer Niederlassung in der Schweiz vertreten. Über die Foodwaste-App können User stark vergünstigte Lebensmittel und Mahlzeiten reservieren und abholen. Dabei handelt es sich um Lebensmittel, die von TGTG-Partnerunternehmen, meist Restaurants und Retailern, bis Ladenschluss nicht verkauft werden konnten.

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Restaurants und Läden befürchten, dass die Kunden nicht mehr zum vollen Preis einkaufen, sondern warten, bis sie ­Mahlzeiten mit Rabatt erhalten können?
Genau. Wobei dieses Thema leicht umgangen werden kann. Händler und Restaurants können via App einen «Magic Bag» ausloben. Ein Angebot also, das als Überraschungstüte daherkommt. So wissen die Kunden vorab noch nicht, was genau sie erhalten werden. Wir gehen ­davon aus, dass ein Händler oder ein Gastro-Betrieb, der bei Too Good To Go mitmacht, zu neuen Kunden kommt. Man lernt den Betrieb durch unsere App kennen – und kauft nächstes Mal zum vollen Preis ein.

Und das zweite Problem?
Händler und Gastronomen fürchten in der Regel jeden zusätzlichen Aufwand im operativen Prozedere. Was sie dabei vergessen: Unser Konzept ist so einfach, dass es eine Person am Tresen gerade mal 20 Sekunden beschäftigt. Das sollte verkraftbar sein. Kommt dazu: Auch die Ange­stellten sind glücklicher, wenn sie keine Lebensmittel wegwerfen müssen.
 

Vier Ideen im Kampf gegen Foodwaste

Too good to go ist nicht das einzige Startup, das im Kampf gegen Foodwaste Erfolge feiert. Selbst Grosskonzerne werden kreativ - lesen Sie hier mehr.

Bezahlt werden kann bei Too Good To Go nur mit der Kreditkarte. Ein Grossteil der ganz jungen Menschen hat aber noch keine Kreditkarte. Sperren Sie damit nicht das hoffnungsvollste Kunden­segment aus?
Die Bezahlung funktioniert auch via Paypal, Sofort-Überweisung und in der Schweiz bald via Twint

… Das haben viele aber nicht installiert. Weshalb wird kein Bargeld akzeptiert?
Weil Bargeld die Sache unnötig verkompliziert. Mit Cash könnten wir das System zudem weniger gut skalieren. Bargeld ist definitiv keine Option für uns.

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Too Good To Go hat in Kopenhagen einen eigenen Laden eröffnet. Planen Sie das auch für die Schweiz?
Wir sind im Gespräch mit den SBB für mögliche Räumlichkeiten am Zürcher Hauptbahnhof und werden dann evaluieren, ob es auch für die Schweiz sinnvoll ist.

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