Der Wohnbau befindet sich im Spannungsfeld von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Anforderungen. Aktuelle Konzepte verlangen ein Nebeneinander massiver Hüllen und flexibler Wände.

Weil sich die Dynamik gesellschaftlicher Veränderungen ständig beschleunigt, wird die Halbwertzeit einer Wohnung, ihres Raumkonzepts und dessen Materialisierung immer kürzer. Architekten und Investoren stehen vor dem Problem, dass ihr langlebiges Gut die Wohnung zusehends schneller nicht mehr den Bedürfnissen des Marktes entspricht.

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Früher war die Nachfrage nach Wohnraum praktisch ausschliesslich durch das Wachstum der Bevölkerung bestimmt. Seit geraumer Zeit und mit steigender Tendenz hat sich der Bedarf von der inzwischen stagnierenden Bevölkerungsentwicklung abgekoppelt: Die Nachfrage und vor allem die Zusatznachfrage nach Wohnraum wird heute massgeblich von ökonomischen und gesellschaftlichen Faktoren bestimmt.

Spezialisierung oder Nutzungsneutralität

Lebensqualität definiert sich zunehmend über den Wohnkomfort Exklusivität heisst auch Ablehnung von Standards. Es mehren sich die Zeichen, dass bei Bauherren und Architekten darum ein Umdenken stattfindet. Gegenwärtige Tendenzen zeigen, dass man sich zunehmend von der tradierten Grundrissordnung der funktional orientierten Moderne löst. Funktionsoptimierbares Raumpotenzial wird angeboten, was vernünftig erscheint, wenn die spätere Nutzung weitgehend unbekannt oder sehr dynamisch ist. Das Interesse richtet sich dabei vermehrt auf die atmosphärische Qualität einzelner, differenzierter Räume, deren Unterschiedlichkeit anders als im funktionalen Innenraumkonzept vielfältige Bespielungen durch den jeweiligen Nutzer zulässt.

Die neuerdings zahlreichen Planungsmuster sind gemäss dem Soziologen Hartmut Häussermann Ausdruck gestiegener, ausdifferenzierter Ansprüche der Nachfrager. Diese stellen den Wohnungsbau vor teils widersprüchliche Herausforderungen. Unter den verschiedenen Paradigmen in der Wohnungsbaudebatte zeichnen sich insbesondere zwei unterschiedliche, zunächst gar widersprüchlich erscheinende Raumkonzepte ab:

- Während einerseits sehr spezialisierte Wohnungsangebote auf bestimmte Gruppen in bestimmten Lebensphasen zugeschnitten werden, sollen anderseits

- die gebauten Strukturen flexibel gegenüber den sich ändernden Lebensweisen sein.

Folglich existieren neben hochspezialisierten Konzepten für ganz bestimmte Wohnformen mit hoher Fluktuationsrate (so genannte Lebensabschnittswohnungen, die der massiv gestiegenen Umzugsbereitschaft entsprechen) auch Bemühungen um möglichst nutzungsneutrale Grundrisse, die sich ausschliesslich aus der Festlegung weniger Entwurfsparameter und einer räumlichen Zonierung in Service- bzw. Nutzungszonen ergeben. Sowohl der Wunsch nach Flexibilität als auch jener nach Spezialisierung wollen befriedigt werden ein Paradox.

Flexibilität - was heisst das?

Im aktuellen Wohnungsbau sind zahlreiche architektonische Konzepte zu finden, die angesichts der Forderung nach anpassbaren Grundrissen eine Antwort auf das «Wie» suchen. Seit den 80er Jahren entstehen immer mehr Konzepte und Überlegungen bezüglich neutraler Grundrisse. Allerdings herrscht dabei beträchtliche Unklarheit bezüglich der Begriffe Flexibilität und Nutzungsneutralität, wie der Bericht «Anpassbare Gebäude Definitionen und Terminologie» des Institutes Wohnen und Umwelt in Darmstadt aufzeigt.

Die konstruktive Flexibilität beschreibt die Möglichkeit, mittels der Demontage nichttragender Innenwände Veränderungen an Raumzahl und -grösse vorzunehmen. Charakteristisches Merkmal konstruktiver Flexibilität ist die Trennung von Tragwerk und Ausbauelementen wichtigstes Bauteil flexibler Grundrisse sind nichttragende Trennwände. Die funktionale Flexibilität, die so genannte Nutzungsneutralität, wird hingegen ohne besondere bauliche Massnahmen erreicht. Die Anpassbarkeit bezieht sich hier auf die Neutralität des Raumes im Hinblick auf seine Eigenschaften und Funktionsweisen. Die Planungsflexibilität wiederum bezieht sich auf die Organisation des Planungs- und Bauprozesses und erlaubt es, zu einem möglichst späten Zeitpunkt auf Kundenwünsche eingehen zu können.

Die gängigen Raumkonzepte lassen sich im Sinne unterschiedlicher Strategien wie folgt zusammenfassen:

- Sie zielen entweder auf den Ein- oder Ausbau raumabschliessender, veränderlicher Trennwände (konstruktive Flexibilität),

- auf die Zuschaltung externer Räume (Schaltzimmer) oder

- auf eine nutzungsneutrale Grundrissgestaltung (Nutzungsneutralität) ab.

Für die veränderten Lebensbedingungen als wegweisend galt in den 90er Jahren der offene Grundriss der Loft. Auch heute scheint die Bereitstellung von nicht determiniertem Raum, welcher individuell und flexibel gestaltet werden kann, bei Neubauten zunehmend auf Nachfrage zu stossen. Dabei darf man allerdings nicht vergessen, dass Loft-Living auf ein nur schmales und kaufkräftiges Bevölkerungssegment zugeschnitten ist. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung hingegen fühlt sich von der Vorstellung, eine unausgefüllte Wohnung nutzen zu müssen, schlichtweg überfordert.

Praxis widerspricht dem Mythos Flexibilität

Neben der Debatte um Innenraumkonzepte im Wohnbereich ist vor allem die Frage entscheidend, nach welchen Kriterien sich die relevanten Akteure im Hinblick auf die Materialisierung von Zimmertrennwänden entscheiden und welche Bedeutung die viel besungenen Flexibilitätskonzepte im Wohnungsbau für die Entscheidungsträger haben. Erste Erkenntnisse dazu finden sich in einer aktuellen Studie von Van Wezemael und Corrodi vom ETH-Wohnforum, Zürich. Die Frage, welche Entscheidungskriterien im Innenausbau gelten, wurde dabei am Beispiel von Gips-Trockenbausystemen untersucht.

Ausbausysteme und -materialien für die konstruktive und funktionale Flexibilität bei den Innenraumkonzepten gibt es viele Planer und Investoren haben die Qual der Wahl. Sie müssen sich trotz grossen Unsicherheiten für bestimmte Lösungen entscheiden. Im Lichte des Votums für Flexibilität erstaunt es allerdings, dass von 14 vorgegebenen Kriterien von Zimmertrennwänden die Planungsflexibilität und die konstruktive Flexibilität in den Augen der befragten Entscheidungsträger lediglich Rang 11 bzw. 12 belegen. Die Spitzenränge nehmen das Know-how in der Montage und die Schalldämmung, gefolgt von der preislichen Transparenz der Produkte, ein.

Planer, Investoren und Bauunternehmer unterscheiden sich aber deutlich in ihren Positionen. Die Investoren sind am nächsten beim Markt und nehmen Trends wie etwa ökologisches Bauen am schnellsten auf. Für die Bauunternehmer hingegen fällt in erster Linie der Preis ins Gewicht. Die Planer befinden sich auf einer Mittelposition: Sie müssen sowohl dem aktuellen Diskurs gerecht werden als auch je länger, je mehr die Kosten im Griff haben.

Angesichts der abweichenden Einschätzungen der Entscheidungsträger stellt sich zur Beurteilung der Akzeptanz flexibler Wandsysteme die Frage, wer letztlich entscheidet.

Während Planer und Bauunternehmen sich darüber einig sind, dass die Planer vor den Investoren und den Bauunternehmern am meisten Entscheidungsgewalt haben, geben die Investoren sich selbst das grösste Gewicht und positionieren sich knapp vor den Planern.

Entscheidungen setzen Wissen voraus. Die Entscheidungsträger verfügen gemäss Van Wezemael und Corrodi jeweils in dem Bereich, in dem sie erfahren sind, über gutes, in Bezug auf andere Fragen jedoch ein mangelhaftes Know-how: So wissen die Bauunternehmer am besten über die Kostenstruktur innerhalb der Montage Bescheid, während Planer in erster Linie an den Bruttokosten des fertigen, montierten Produkts interessiert sind. Die Planer hingegen wissen im Gegensatz zu den Bauunternehmern zum grossen Teil, dass die fehlende Masse kein Hindernis für ausgezeichnete Schalldämmwerte ist.

Neues Denken ist gefordert

Die Studie von Van Wezemael und Corrodi zeigt eindrücklich, dass «helvetisches Bauen» in den Köpfen der Leute nach wie vor sehr stark mit der Vorstellung von Massivität verbunden ist. Trotzdem orientieren sich aber auch hier zu Lande zeitgemässe Innenraumkonzepte am Leitbild der Flexibilität.

Sich auf Neues einzulassen, heisst auch, mit Konventionen zu brechen, vertraute Pfade zu verlassen. Die gleichzeitige Orientierung an Flexibilität und an Massivität ist zwar von den Konventionen her verständlich, auf Dauer aber nur bedingt Erfolg versprechend. Die verkürzte Halbwertzeit einer Wohnung und ihres Raumkonzepts spricht vielmehr dafür, das Programm eines Wohngebäudes in kurz- und langlebige Teile aufzutrennen und den Innenausbau, unter den Bedingungen der (nachfragebedingten) Unsicherheit, sowohl nutzungsneutral als auch konstruktiv-flexibel zu bauen zum Beispiel mit einem Nebeneinander massiver Hüllen und tragender Kerne in Kombination mit einem nutzungsneutralen Innenraumkonzept, welches in konstruktiv flexibler Leichtbauweise ausgeführt ist.

Wohnen Schweiz - Doppelt so teuer wie im Ausland

In der Schweiz steigt die durchschnittliche Zahlungsbereitschaft im Bereich des Wohnens mit wachsendem Wohlstand. Der Wohnungsstandard ist hier zu Lande entsprechend gehoben auch im Mietbereich und im sozialen Wohnungsbau. Dies hat allerdings seinen Preis: Der durchschnittliche Baupreis einer Wohnung in der Schweiz ist etwa doppelt so hoch wie im Durchschnitt der 19 Länder Westeuropas und der höchste der Welt überhaupt.

Für die Einschätzung der Marktlage durch die Entscheidungsträger sind aber weniger die Baupreise an sich als vielmehr die Wohnkosten im Verhältnis zum Einkommen von Relevanz: Die Mietzinse in der Schweiz stiegen im Zeitverlauf zwar schneller als die übrigen Konsumentenpreise, jedoch langsamer als die verfügbaren Einkommen.

Auf der Nachfrageseite prägen vor allem folgende Trends die Marktentwicklung und die Innenraumkonzepte:

- Der Anteil älterer Menschen in unserer Gesellschaft wächst. Dieser lehnt den Lebensabend im Alters- oder Pflegeheim zusehends ab und zieht ihm den selbstständigen Verbleib in einer durchmischten Umgebung, am liebsten in der angestammten, vielleicht angepassten Wohnung, vor.

- Die Ausdifferenzierung der Lebensstile und die zunehmende Individualisierung schlagen sich in Form einer ebenso differenzierten Nachfrage nieder und sind marktrelevant. Dinks (dual income, no kids) stellen andere Ansprüche an die Wohnung als junge Familien mit «single income» und zu versorgenden Kindern.

- Die Wohnungen werden immer grösser, die Haushalte immer kleiner die Regel «Zimmerzahl = Bewohner + 1» ist von der Realität längst überholt.