Die Stimme ist sanft mit einem leicht dunklen Unterton. Er redet gerne, aber bedächtig, er kann auch gut zuhören. Ein intellektueller Gesprächspartner, ausgeglichen, nichts scheint ihn aufzuregen.

Ausser der Besucher stellt die falsche Frage. Nämlich jene nach seiner Familie, die doch beim World Economic Forum (WEF) eine wichtige Rolle spielt. Dann kommt Klaus Schwab in Fahrt. Der feingliedrige Mann erhebt sich leicht aus seinem Stuhl, wird deutlich lauter als sonst. Und es folgen Sätze wie «Meine Kinder wollen als professionelle Manager und nicht als Schwabs betrachtet werden. Und genau das verdienen sie auch.»

Die Heftigkeit erstaunt. Denn der Chairman des WEF ist gar nie im Ruche der Vetternwirtschaft gestanden. Dabei kann er seit Jahren auf die Unterstützung durch seine Familie zählen. Vor allem seine Frau Hilde ist ihm eine grosse Hilfe. «Sie ist wichtig für den gesamten Betrieb. Sie ist die Seele des WEF», schwärmt der 74-Jährige.

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Seine Frau war Schwabs erste Mitarbeiterin. 1970 sah eine Hilde Stoll aus Aarburg AG in der «NZZ» ein Stelleninserat. Ein junger Professor suchte eine ­Assistentin, die sich mit der Organisation von Konferenzen auskennt. Klaus Schwab, der damals 31-jährige Deutsche, im Rucksack einen Studienabschluss in Maschinenbau sowie in Wirtschaftswissenschaften, dazu zwei Doktortitel und einen MBA made in Harvard, hatte eine Vision: an einem abgeschiedenen Ort Unternehmer und Politiker zusammenzubringen, damit sie über Probleme und Herausforderungen diskutieren können. Schwab stellte das Fräulein Stoll ein. Nur Monate später, vom 24. Januar bis zum 7. Februar 1971, ging das erste Forum über die Bühne.

Ein halbes Jahr danach gab Hilde Stoll Klaus Schwab ihr Ja-Wort. Von diesem Zeitpunkt an bezog Hilde Schwab zwar nie mehr einen Franken Lohn vom WEF. Doch sie ist bis heute die wichtigste Stütze ihres Mannes, begleitet ihn an Anlässe, übernimmt Repräsentationsaufgaben. Sie wird von Mitarbeitern als «Ruhepol» beschrieben, als jemand, der «mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht». Letzteres ist eine Eigenschaft, von der Klaus Schwab profitiert; denn ihm wird von seinem Umfeld zeitweise eine leichte, wohl professorale Abgehobenheit attestiert.

Soziale Unternehmer. Ihre wichtigste Aufgabe ist das Präsidium der Schwab Foundation for Social Entrepreneurship, die sie 1998 zusammen mit ihrem Mann gegründet hat. Die Institution will global das Bewusstsein für soziales Unternehmertum fördern. Dazu wird ein Netzwerk unterhalten, und es werden Verbindungen zwischen Projekten und möglichen Investoren geschaffen. Jedes Jahr zeichnet die Stiftung einen Unternehmer aus, der soziale Verantwortung und wirtschaftliches Handeln vereint.

Für Klaus und Hilde Schwab ist das WEF Mittelpunkt ihres Lebens. Auch zu Hause. Ihre Kinder, Nicole und Olivier, wurden von klein auf mit diesem Thema konfrontiert. Doch Freunde der Familie sind überzeugt, dass die Eltern die Heranwachsenden zu keinem Zeitpunkt auf eine Zukunft beim WEF trimmten. Das lässt sich nicht zuletzt daran ablesen, dass beide nichts von einer Management­ausbildung wissen wollten. Nicole Schwab studierte in Cambridge Immunologie sowie Zellforschung und holte sich in Harvard einen Master-Titel in Politikwissenschaften. Ihr Bruder liess sich von Technologie begeistern und bildete sich an der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne und danach am Massachusetts Institute of Technology (MIT) zum Ingenieur aus.

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Die Geschwister Schwab haben die ersten Jahre ihrer beruflichen Laufbahn ausserhalb des WEF absolviert. Nicole arbeitete von 1999 bis 2002 für den bolivianischen Staat als Beraterin bei der Reform des Gesundheitswesens, danach war sie zwei Jahre in Diensten des Human Development Departments der Weltbank in Südamerika. Olivier dagegen schlug die Laufbahn als Manager ein, war unter anderem als Business Analyst für Mercer Management Consulting tätig. Später arbeitete er mehrere Jahre für Schindler und sammelte dabei Erfahrungen im China-Geschäft.

Nicole Schwab stieg 2005 beim WEF ein als Direktorin des Forum of Young Global Leaders (YGL). An Mitgliedern zählt die Stiftung über 700 Führungskräfte unter 40 Jahren aus aller Herren Ländern. Auf den Weg gebracht hat das WEF-Verjüngungsprojekt Klaus Schwab mit einer Anschubfinanzierung von gut einer Million Dollar. Erst seine Tochter brachte dem Projekt das Laufen bei. Sie leistete beim Aufbau «exzellente Arbeit», bescheinigen ihr einstige Mitarbeiter. ­Nicole wird als zurückhaltend, ja fast scheu, gleichzeitig als hochprofessionell und enorm zielgerichtet beschrieben.

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Nie auf einem Foto. Die Angst von Klaus Schwab vor dem Anwurf des Nepotismus hat sich längst auf die Kinder übertragen. Nicole meinte einst in lockerer Gesprächsrunde, sie werde alles daransetzen, nie mit ihrem Vater auf demselben Foto zu erscheinen. Gegenüber «Cash» sagte sie: «Am Vater liegt es nicht, dass ich heute hier bin.»

Nach zwei Jahren reichte sie beim WEF die Kündigung ein. Bis heute wird gemunkelt, Nicole Schwab habe einfach endgültig aus dem Schatten ihres übergrossen Vaters treten wollen. «Als Ende 2006 das Forum immer besser funktionierte, fand ich es an der Zeit, mein eigenes Projekt zu verwirklichen», meint die heute 37-Jährige gegenüber BILANZ. Zusammen mit Aniela Unguresan gründete sie 2009 das Gender Equality Project – mit dem WEF als Partner. Mit einer speziell entwickelten Methode können internationale Konzerne die Gleichstellung in ihrem Betrieb analysieren, kontrollieren und vorantreiben. Seit Anfang dieses Jahres wenden ein Dutzend Multis wie Accenture, Deloitte, Ikea oder Hewlett-Packard ein Zertifizierungssystem an. Dieser Tage nabelt sich das Gender Equality Project endgültig vom WEF ab. «Es bestehen keine formellen Verbindungen mehr», betont Nicole Schwab.

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Olivier Schwab stieg 2010 beim WEF ein und leitete das Programm «Technology Pioneers», das Firmen mit innovativen und nachhaltigen Technologien fördert. Als 2011 Christophe Weber als Leiter des WEF China abtrat, schlugen die Manager Robert Greenhill und Børge Brende Olivier Schwab als neuen China-Chef vor. «Auf diese Idee hat Klaus Schwab zuerst erschrocken reagiert», ­registrierte ein Beobachter. «Dabei gab es viele Gründe, weshalb sich Olivier bestens für diese Position eignet», sagt Greenhill, der mit Schwab junior bei Technology Pioneers zusammengearbeitet hat. «Olivier kennt China von früher und spricht etwas Chinesisch. Er ist Ingenieur mit MIT-Abschluss, in China eine hoch angesehene Ausbildung. Auch ist er Realist, pflegt einen guten Führungsstil und respektiert seine Mitmenschen, gerade in Asien ein wichtiger Punkt.»

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Erfolgreich in China. Olivier Schwab ist in China aufgeblüht. Aus dem eher schüchternen Jungmanager sei ein «weltgewandter, international ausgerichteter und zielstrebiger Mann» geworden, sagt Roland Decorvet, Chairman und CEO von Nestlé China. «Schon nach kurzer Zeit wird Olivier in der chinesischen Unternehmer- und Politikergemeinde hoch respektiert», bestätigt auch Victor Chu, Chef der in Hongkong domizilierten First Eastern Investment Group sowie Mitglied des Foundation Boards des WEF und Verwaltungsrat der Zurich Insurance Group. Viel zur Wandlung von Olivier Schwab beigetragen hat seine Ehefrau Jennifer. Schwab lernte die Chinesin am MIT kennen und lieben. Heute wohnen sie mit ihren beiden Kindern im Alter von vier und sechs Jahren in Peking.

Der neue China-Chef musste vor gut einem Jahr gleich fest zupacken: Er unterzog das asiatische WEF einer Neustrukturierung. Damit holte er sich erste Meriten. Auch die Jahreskonferenz der «New Champions» in der chinesischen Hafenstadt Tianjin wurde von ihm und seinen 22 Mitarbeitern reibungslos über die Bühne gebracht. «Das ist unser wichtigster Jahresanlass, und er hat sich innerhalb des WEF nach Davos zum zweitgrössten Gipfel entwickelt», erläutert Olivier Schwab. Am «Summer Davos» in China haben 2012 mehr als 2000 Teilnehmer aus über 85 Ländern partizipiert.

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Die grossen Entscheidungen in der WEF-Familie werden auch künftig am Hauptsitz in Genf fallen. Das WEF China allerdings nimmt eine immer wichtigere Rolle ein, ist strategisch höchst zentral. Ja China dürfte in einigen Jahren dem WEF USA den Rang ablaufen. Und dafür ist Olivier Schwab der richtige Mann am richtigen Ort. «Es ist eine faszinierende und aufregende Aufgabe», schwärmt er. «Für die Chinesen ist es wichtig, dass ein Schwab vor Ort ist», sagt Roland Decorvet von Nestlé China. Und fügt lachend hinzu: «Nur für Europäer mag dies vielleicht komisch sein.» Auch Olivier Schwab sieht seine Position als unproblematisch an: «Ich bin nur einer von vielen Managern des Forums.»

Einst fand sich noch ein weiterer Schwab auf der WEF-Lohnliste. Hans Schwab, der Neffe von Klaus Schwab, war in den neunziger Jahren zuständig für die Organisation von Anlässen. Später bastelte er mit einem Team an der multifunktionalen Webplattform World Electronic Leaders Community, allerdings mässig erfolgreich. Nach mehreren Firmengründungen – mit dem von ihm und Olivier Schwab ins Leben gerufenen Airline Club Airways ist er 2005 abgestürzt – dislozierte er nach Abu Dhabi. Dort entwickelt er Apps, beispielsweise Martini Terrace, mit der man die weltbesten Martini-Bars aufspüren kann.

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«Das Forum ist eine Stiftung, sie gehört also der Allgemeinheit und nicht der Familie», macht Klaus Schwab klar. Stiftung hin, Familienfirma her; Schwab ist auch ein Vater, und als solcher sähe er es wohl nicht ungern, wenn eines seiner Kinder ihm folgen würde. Entscheiden über die Nachfolge wird am Ende sowieso der Stiftungsrat.

Auch macht sich Klaus Schwab keine Illusionen. «Meine Kinder sind mit dem Forum aufgewachsen und eng damit verbunden. Dennoch haben beide klar gesagt, sie würden nur einige wenige Jahre hier arbeiten und dann etwas Neues beginnen.» Nicole Schwab hat dem WEF bereits den Rücken gekehrt. Kann sie sich eine Rückkehr vorstellen? «Alles ist möglich», sagt sie.