Auf hoher See beschloss der alte Kapitän, das Steuer herumzureissen. Er hatte genug. Dabei fühlten sich Willy Michel und seine Schiffscrew hier auf der Ostsee wohl. Mit ihrer Yacht steuerten sie während Wochen hübsche Hafenstädtchen an. Dänemark, Norwegen, Schweden, Russland, Baltikum, Polen, Deutschland – die pure Idylle. Zuhause in Burgdorf aber standen die Zeichen auf Sturm. Der Gründer, Präsident und Hauptaktionär des Medizintechnik-Unternehmens Ypsomed musste handeln.

Michel brach seine Seereise ab und kehrte bei Ypsomed selbst auf den Chefsessel zurück. Der 64-Jährige wollte nicht länger vom Schiff aus zusehen, wie sein Konzern in einen immer schneller drehenden Strudel von Problemen geriet. Das war im letzten Sommer. «Zu viel lief in eine Richtung, die mir nicht passte», meint der Patron rückblickend.

Tatsächlich war es dem Diabetes-Spezialisten nicht gelungen, nach dem folgenschweren Bruch mit seinem Grosskunden Sanofi-Aventis wieder Tritt zu fassen. Ypsomed konnte die Ausfälle nicht kompensieren, und bei der Entwicklung neuer Produkte musste der Konzern immer wieder Rückschläge verkraften. Auch abrupte Projektstopps von Auftraggebern aus der Pharmaindustrie und falsch eingeschätzte Kosten machten zu schaffen. Der Umsatz sank im Geschäftsjahr 2010/ 11 um 5 Prozent auf 242,5 Millionen Franken. Das Management schien überfordert. Qualitätsmängel, Gewinneinbrüche und Entlassungen hatten schon in den Jahren zuvor immer wieder für negative Schlagzeilen gesorgt.

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Über die Jahre «aufgebläht»

Viel ist seit Michels Comeback nicht passiert. Immerhin aber schöpfen Investoren Zuversicht. So hat Martin Ebner seinen Anteil dieser Tage auf 5,2 Prozent aufgestockt. Er scheint Michel also viel zuzutrauen. Der neue Firmenchef drehte in den letzten Monaten bereits kräftig an der Kostenschraube und strich an den Standorten in Burgdorf und Solothurn nochmals Stellen.

Ypsomed sei über die Jahre «aufgebläht» worden, begründete er. Nun gehe es für ihn «in erster Linie darum, die Kosten zu optimieren». Auch bei den weltweiten Tochtergesellschaften will Michel aufräumen. In den Zahlen schlägt sich das bislang noch nicht nieder. Die Probleme, die das Unternehmen schon seit rund fünf Jahren belasten, bleiben.

Die Strategie ist jedoch klar. Michel will den Hersteller von Injektionssystemen zur Selbstverabreichung flüssiger Medikamente immer stärker zu einem Anbieter von Insulinpumpen und anderen Diabetetes-Produkten weiterentwickeln. Die Abhängigkeit von grossen Pharmakunden und deren Arzneimitteln soll drastisch reduziert werden.

Zurück zu den Wurzeln

Damit hofft Michel, an die guten alten Zeiten anzuknüpfen. 28 Jahre nach Gründung der Disetronic mit seinem Bruder Peter will der Unternehmer wieder dort stark werden, wo er mit seinem ersten Medizintechnik-Konzern einst Erfolge feierte. Disetronic war durch die Entwicklung neuartiger Insulinpumpen für die Diabetes-Therapie bekannt geworden. 2003 verkaufte Michel das Unternehmen für 1,6 Milliarden Franken an den Pharmariesen Roche. Den Injektionsbereich löste der Patron aus dem Deal heraus und führte ihn unter dem Namen Ypsomed – was so viel heisst wie Selbstmedikation – weiter.

Michel brachte Ypsomed 2004 erfolgreich an die Börse und baute den Pen-Produzenten dank guter Geschäfte mit dem französischen Insulinhersteller Sanofi-Aventis massiv aus. Roche hingegen kämpfte in ihrem frisch erworbenen Diabetes-Bereich mit Qualitätsproblemen und einem amerikanischen Importstopp. 2006 holte das Pech dann jedoch auch den erfolgsverwöhnten Berner ein. Mit Sanofi begannen sich die Probleme zu häufen. Der Grosskunde beschloss, auch selbst Pens herzustellen. Nun rächte sich, dass Ypsomed über Jahre ein Klumpenrisiko aufgebaut hatte. So machten die Sanofi-Lieferungen im Jahr 2005/2006 über 65 Prozent des Umsatzes aus. «Wir waren schlecht auf den Wegfall vorbereitet», sagt Michel heute, «da bin ich mitschuldig.»

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Für Kritiker kam der Absturz nicht überraschend. «Michel hat zwar sehr gute Ideen und einen sicheren Instinkt für Zukunftsmärkte», erzählt einer aus seinem Umfeld. Für den langfristigen Erfolg brauche es aber mehr. Da fehlten dem Patriarchen entscheidende Umsetzer-Qualitäten sowie die Fähigkeit, nicht nur gute, sondern auch eigenständige und kritische Manager um sich zu scharen.

Erstaunen vermag diese Dominanz nicht. Als Besitzer von 75 Prozent der Aktien ist Michel auf Gedeih und Verderben mit dem Schicksal seines Konzerns verbunden. Sein Vermögen leidet direkt darunter, dass der Aktienkurs mit etwas über 50 Franken weit von den 2006 erreichten über 200 Franken entfernt ist. Kein Wunder, übte er als Verwaltungsratspräsident schon vor seiner Rückkehr ins Alltagsgeschäft einen erheblichen Einfluss auf die Geschicke der Firma aus. Nur blieben seine Bemühungen erfolglos. Zurück auf dem Chefstuhl soll sich das nun ändern.

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Pumpen mit Potenzial

Michel will im Diabetes-Geschäft nochmals gross rauskommen. Ins Visier nimmt er gleich die ganze Versorgung. Neben Injektionssystemen und -nadeln pusht er den Vertrieb von Blutzuckermessgeräten, die ein taiwanesischer Partner produziert. Neue Märkte will man auch mit einer schlauchlosen, auf die Haut klebbaren Insulinpumpe erobern.

Zwar machen solche Therapieinstrumente bisher erst geschätzte 7 Prozent des Weltmarktes aus. Von ihnen erhofft man sich aber viel. Statt dass sich die Diabetiker ein- oder mehrmals täglich ihre Dosis Insulin mit einem Pen selbst spritzen müssen, übernimmt eine am Körper fixierte Hightech-Pumpe die ganze Arbeit. Dem Patienten wird das Leben erleichtert. Insgesamt leiden heute weltweit über 285 Millionen Menschen an Diabetes. 2030 dürften es mehr als 440 Millionen sein.

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Im lukrativen Geschäft mischen immer mehr Anbieter mit. So fing sich Roche auf und setzt jetzt auf eine Mikropumpe eines israelischen Herstellers. Auch die amerikanischen Konzerne Metronic und Johnson & Johnson geben im Insulinmarkt kräftig Gas. Michel macht das keine Angst. «Wir entwickeln eine Billigpumpe, die 2013 auf den Markt kommen soll», kündigt der Ypsomed-Chef an. Der Verkaufspreis soll markant unter dem der Konkurrenz liegen. «Heute kostet eine Insulinpumpe zwischen 5000 und 6000 Franken», rechnet er vor. «Dazu kommen 1500 bis 2500 Franken für Zubehör wie Katheter oder Batterien. Bei Produktionskosten von 500 bis 700 Franken gibt es eine schöne Marge für die Hersteller. Krankenkassen und Versicherte zahlen.»

Hinter vorgehaltener Hand äussern sich Branchenkenner skeptisch. «Vor Billigpumpen und anderen Marketing-Gags warne ich», sagt einer. Michel verfüge zwar über das Wissen und die Erfahrung, eine solche Pumpe herzustellen. Ob sich ein solches Gerät ohne markante Abstriche bei der Qualität aber wirklich so kostengünstig produzieren lasse, sei fraglich.

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Boom-Markt Hormonbehandlungen

Das gilt auch für andere Firmen, an denen Michel beteiligt ist. Der Unternehmer versteht es wie kaum ein zweiter, seine Engagements miteinander zu verknüpfen. So bekommt es der auf die Produktion von Metall- und Kunststoffteilchen spezialisierte Industriekonzern Adval Tech als Zulieferer von Ypsomed direkt zu spüren, wenn die Geschäfte in Burgdorf rund laufen. Als wichtigster Aktionär und Verwaltungsrat hat Michel darauf hingewirkt, dass Adval seine Medizintechnik-Sparte ausbaut und im Zukunftsmarkt wächst.

Auch auf Ypsomeds Kundenseite sorgt Michel vor. So baute er in den letzten Jahren die Biotechfirma Finox auf. Das Unternehmen möchte sich im lukrativen Geschäft mit Fruchtbarkeitsbehandlungen einen Namen machen. Frauen, die Mühe haben, schwanger zu werden, soll ein Medikament mit einem follikelstimulierenden Hormon verabreicht werden. Das Arzneimittel wird selbst gespritzt – selbstverständlich mit einem Ypsomed-Pen. Noch ist Finox’ Medikament nicht auf dem Markt. Demnächst soll Afolia aber zur Registrierung eingereicht werden.

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Michel hat nichts von seinem Unternehmergeist eingebüsst. Zumindest bei Ypsomed möchte er in zwei bis drei Jahren jedoch wieder kürzertreten. Dann soll sein Sohn Simon die Firmenleitung übernehmen.

Ob der Kapitän dann wieder in hohe See sticht, ist offen. Derzeit überwintert seine Yacht in einem Hafen in Sardinien.

 

Willy Michel: Millionär mit vielen Interessen

Freude am Luxus
Auf 700 bis 800 Millionen Franken wird Willy Michels Vermögen geschätzt. Er machte es mit Medizinaltechnik, heute investiert er auch anderswo. So gehört ihm die Uhrenmarke Armin Strom in Biel, die von seinem Sohn Serge Michel geführt wird. Der 64-Jährige leistet sich auch Yachten, Sportwagen und Motorräder. Und schliesslich sammelt er Kunst. Für die grossformatigen Bilder und Holzschnitte des Schweizer Künstlers Franz Gertsch liess der Mäzen vor rund zehn Jahren in Burgdorf ein privates Museum bauen.

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Hotel mit Schneider-Ammann
In Burgdorf gehören Michel das stattliche Restaurant Stadthaus sowie das «Berchtold». Mit der Bundesratsfamilie Schneider-Ammann teilt er sich das Hotel Alpenland im Berner Ferienort Lauenen. Auch sich selbst weiss der Unternehmer weich zu betten. Michel ist Herr des prunkvollen Schlosses Gümligen in der Gemeinde Muri bei Bern.