Flugzeuge stehen, Seefrachter in den weltgrössten Häfen sind angetäut. Die Grenzen auf dem Strassenweg sind nur schwer passierbar. Der Warenverkehr zwischen der Exportmacht China und Europa ist seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie weitgehend eingefroren.

Viele Konsumgüter und Halbfertigprodukte sind in Europa über Wochen hinweg nicht verfügbar. Schweizer Exporte finden kaum den Weg nach China. Die einzige, fast vollständig intakte Transportroute ist die Schiene. Fahrtzeit: 15 bis 20 Tage über die Seidenstrasse – und damit deutlich schneller als mit dem Schiff.

Profiteure in der Krise gibt es wenige. Das Transportunternehmen Schweizerzug ist einer davon. «Bisher haben wir uns auf die Westhäfen Rotterdam und Antwerpen konzentriert», sagt Swissterminal- und Schweizerzug-Chef Roman Mayer.

Seit dem 1. April bedient die Firmentochter des familiengeführten Logistikers Swissterminal neu eine gigantische Bahnstrecke von gut 11 000 Kilometern: Von Frenkendorf im Baselland und ­Niederglatt in Zürich durch Polen und Russland bis nach Hefei in Ostchina.

Erster Logistikanbieter zwischen der Schweiz und China

Schweizerzug verbindet Exporteure und Konsumenten in der Schweiz und China – und profitiert dabei nicht nur von der Bahn-Alternative zur Luftfracht. «Weil wir im Schweizer Hinterland keine direkte Anbindung an die Weltmeere haben, ermöglichen neue Kooperationen es uns auch, am Welthandel teilzunehmen – per direkten Anschluss nach China», sagt ­Mayer.

Schweizerzug ist der erste Logistikanbieter auf der Schiene zwischen der Schweiz und China. Das ist gut in dieser Krise, noch besser für danach.

«Fabriken in China sperren allmählich wieder auf, das Container-Aufkommen wird steigen», sagt Mayer. Und Schweizerzug wolle rechtzeitig dabei sein. Transportiert wird alles, ausser Gefahrgüter, vom Fernsehapparat über Motorschrauben bis zum Klopapier.

Und das in einem Konsortium mit mehr als einer Handvoll weiterer Unternehmen: «Schweizerzug ist ein wichtiger Kunde und Partner», sagt Dirk Pfister, Vertriebsleiter bei der BLS Cargo. BLS verbindet bereits eine langjährige Beziehung mit Swissterminal.

Den Zug ab Frenkendorf zieht BLS zusammen mit der schwedischen Hector Rail bis zum deutschen Industriehafen Neuss, wo China-Container aus der Schweiz und vom Schiff zum Weitertransport in den Fernen Osten verladen werden.

Logistische Mammutaufgabe

Der deutsche Logistiker RTSB koordiniert im Auftrag von Schweizerzug die Abwicklung von Neuss bis China zusammen mit dessen Tochterunternehmen Eurasian Railway Carrier ERC bis vor die Haustüren und zu den Betriebsstätten im Reich der Mitte.

Den Zoll auf der gesamten West-Ost-Achse wickeln die Schweizer Vlag und die niederländische Firma Gaston Schul ab. Gesteuert wird das Ganze von Basel aus, eine logistische Mammutaufgabe für Swissterminal.

Die Dienstleistung ist mit Koopera­tionsflügen im Luftverkehr vergleichbar. Beispielsweise wird bei Swiss gebucht, aber der Flug wird von einer Partner-­Airline durchgeführt. So funktioniert das auch bei Schweizerzug: Ein Transportauftrag wird gebucht. Schweizerzug organisiert dann, mit welchem Unternehmen auf welcher Strecke gefahren wird.

Schweizerzug füllt damit eine Lücke für die hiesige Wirtschaft, welche sich für die Eigentümerin Swissterminal wie für Schweizer Exporteure, Importeure und Konsumenten lohnen soll. Der Transport geht in beide Richtungen.

Besonders gross ist das Potenzial für den Warentransport in Richtung Europa (siehe Grafik). Aus chinesischer Sicht sollen in Zukunft bis zu 20 Prozent aller Exporte nach Europa auf der Schiene abgewickelt werden. Das Ziel der Chinesen ist der Transport von in Summe zwei Mil­lionen Standard-Containern pro Jahr.

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Swissterminal will seine Zahl abgewickelter Container von einer Viertelmillion Stück bei der Gelegenheit deutlich aus­bauen. Ein Zug allein der Swissterminal-­Tochter nach China fasst mehrere 40×40- Fuss-Container mit je 1800 Kubikmetern Volumen, das entspricht in etwa 7000 Schuhkartons pro Stahlbox.

Neues Warenlager in der Schweiz

Für die Expansion im In- und Ausland betreiben die Basler einigen Aufwand. ­Unterstützung bekommen sie dabei von ­einem der weltgrössten Hafenbetreiber im Eigentum eines arabischen Staatsfonds.

«Zusammen mit unserem neuen Partner DP World werden wir noch tiefer in die Warenkette einsteigen», sagt Mayer. DP World aus den Vereinigten Arabischen Emiraten ist seit Januar dieses Jahres zu 44 Prozent an Swissterminal beteiligt. Die anderen 56 Prozent sind im Besitz der Unternehmerfamilie Mayer.

Bis jetzt hat die Basler Firma fünf Terminals in der Schweiz und 75 Mitarbeitende. Das soll eben mehr werden: Ein grosses Warenlager im Inland kommt dazu.

Darüber hinaus habe Swissterminal mit seinem neuen Partner aus Dubai noch weitere «hohe Investitionen» vor. Gelder in Mil­lionenhöhe sollen dafür fliessen. Unter ­anderem in den «Ausbau der IT und die Erweiterung des Terminal-Netzwerks».