Den Fischreiher haben Sie leider verpasst», ruft er schon von weitem. «Dafür kann ich ihnen unser neues Fohlen zeigen.» Fritz von Ballmoos (63) steuert direkt auf uns zu, in Gummistiefeln und Stallkleidern. Pensionär könnte er jetzt sein, seit er 2003 die Geschäftsführung des Einrichtungshauses Zingg-Lamprecht mit Sitz in Zürich an seinen ältesten Sohn Yves übergeben hat. Doch dafür ist der Unternehmer viel zu umtriebig. «Ich bin jetzt Bauer», sagt er stolz, «und Pferdezüchter, ein Hobby von mir.» Damit untertreibt Fritz von Ballmoos natürlich gewaltig, aber das ist seine Art. Die derzeit 16 Rennpferde – englische Vollblüter –, die auf seinem Wohnsitz auf Schloss Berg im Zürcher Weinland untergebracht sind, werden weltweit an Auktionen gehandelt. Von Ballmoos Gestüt, notabene das zweitgrösste in der Schweiz, ist der internationalen Szene ein Begriff.

Filmcrew in der Orangerie

Im Haus ist der 63-Jährige eher selten anzutreffen. Dort hält Ehefrau Cornelia alles in Schuss – und ist daneben noch Gemeindepräsidentin. «Parteilos», wie Gatte Fritz betont. Der Unterhalt des im 17. Jahrhundert erbauten ländlichen Herrensitzes birgt viel Arbeit. Neben dem Wohnhaus mit 13 Zimmern verfügt Schloss Berg über eine Hof- und Gartenanlage mit Orangerie und Wirtschaftsgebäuden.

Die Orangerie nutzt Cornelia von Ballmoos heute als Pflanzenhaus, brachte aber auch schon mal eine Filmcrew dort unter. «Einmal drehte das Schweizer Fernsehen bei uns Szenen für eine ‹Tatort›-Folge», erklärt sie. Ein über 20-köpfiges Team habe damals auf Schloss Berg campiert. Beeindruckend, aber nichts im Vergleich zu den Gästen, die in früheren Jahrzehnten auf Schloss Berg residierten. «Rainer Maria Rilke verbrachte die Jahre 1920 und 1921 in diesem Haus», berichtet Fritz von Ballmoos. Allerdings grassierte damals eine Viehseuche in Berg, deshalb blieb der Dichter die meiste Zeit über im grossen Wohnzimmer; wo er auch einen Brief an einen Bekannten verfasste. Fritz von Ballmoos ist in Besitz des Originals, er holt das dünne, beidseitige mit schwarzer Tinte beschriebene Papier aus einem Ordner.

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Mit gradliniger, leicht schräg gestellter Schrift berichtet Rilke seinem Freund Rudolf Junghans: «Mein Gehen ist jetzt durch die strengen Einschränkungen der Viehseuche auf den Park beschränkt, in dem ich mir einen Weg von hunderteinundzwanzig Schritten Länge als Bahn vorgesetzt habe, die ich viele Male hin und wieder durchmesse.»

Prominenter Gast war auch General Henri Guisan, der hier während des Aktivdienstes Unterkunft fand. Und Prinz Philipp von England, der einmal auf Schloss Berg übernachtete. Dem Adligen dürfte das Anwesen imponiert haben, hat es doch eine reiche Vergangenheit: Im Mittelalter war es ein Zehntenhof, später eine Gerichtsstätte der Kyburger. «Hier hat man die brutalsten Urteile gesprochen», witzelt Fritz von Ballmoos. «Ausser der Todesstrafe, dazu war das Gericht in Berg nicht befugt.»

Zwei Jahrhunderte lang bewohnten Mitglieder der Familie Escher das Haus, danach folgten mehrere Besitzerwechsel, bis 1922 der Industrielle Hans Bühler-Volkart das Anwesen übernahm. Dessen Nachfahren wiederum waren es, die Fritz von Ballmoos – der pflegte als einstiger Armeekavallerist über das Militär rege Kontakte zur Familie Bühler – Schloss Berg in den 1980er Jahren verkauften. Der hat das Haus rundum stimmig einrichten lassen. «Natürlich von Zingg-Lamprecht», betont von Ballmoos.

In der ehemaligen, original getäferten Amtsstube im 1. Stock des Wohnhauses hortet der Unternehmer Stühle aus der Kollektion von Zingg-Lamprecht, darunter die Liege von Calatrava und ein Prouvé-Stuhl. In der Mitte prangt ein Billardtisch. «Seit die Enkelkinder mitspielen, hat der Filz ein paar Löcher mehr», schmunzelt von Ballmoos. In der Ecke der Stube thront ein opulent verzierter Kachelofen. Nur einer von insgesamt sieben. Im Parterre befindet sich das grosse, behagliche Wohnzimmer, das Dichter Rikle einst angemietet hatte. Hier liess von Ballmoos Möbel und Accessoires verschiedener Stilrichtungen stimmig kombinieren. «Individualität ist das Motto unserer Zeit», erklärt der Unternehmer. «Die Leute wollen nicht mehr wie in einem Katalog leben.» Ein moderner Wohnraum mische diverse Stilrichtungen, aber auf gekonnte Weise. Grund dafür sei auch ein praktischer: «Es ist eher selten, dass eine Wohnung oder ein Haus komplett neu eingerichtet wird.» In den meisten Fällen bringe der Kunde einzelne Möbelstücke oder Accessoires mit. «Diese müssen stimmig integriert, mit neuen Produkten kombiniert werden.»

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Diesem Weg folgte von Ballmoos auch bei sich daheim. So drapierte er das zwei Jahrzehnte alte weisse Ledersofa mit angesagten Fellkissen und stellte konservativ verarbeitete, orange bezogene Sessel dazu. Hochwertiges Zubehör, etwa die schwarz-weisse Botta-Leuchte, runden das Gesamtbild ab. «Als ich vor gut 20 Jahren das Haus gekauft habe, sagte ich mir: ‹Jetzt bloss kein Korsett für dieses Haus machen.› Und schon gar kein Antikes – das würde angesichts des Alters dieser Immobilie ja auf der Hand liegen», erklärt von Ballmoos. Das Haus solle so eingerichtet werden, damit sich die Familie wohl fühle. «Ein Haus wie im Katalog, dominiert von einer Stilrichtung, das ist nie in Frage gekommen.»

Dieses Credo gilt auch bei Zingg-Lamprecht. Die Angestellten – «alles ausgebildete Innenarchitekten», wie von Ballmoos betont – sollen keinen Stil aufzwingen, sondern erfassen, wie der Kunde leben möchte. Eines der wichtigsten Ziele sei das Wohlbefinden. «Äusserst hilfreich wäre es natürlich, wenn unsere Angestellten jeweils ein Wochenende beim Kunden verbringen könnten», lacht von Ballmoos.

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Bei Zingg-Lamprecht sind alle namhaften internationalen Brands erhältlich – von Artemide bis Zoom Design. «Das ist ein grosser Vorteil für unsere Firmen- und Privatkunden», sagt von Ballmoos, «sie wissen, dass sie auf jeden Fall gute Qualität kaufen.» Auf Wunsch bietet Zingg-Lamprecht auch die komplette Einrichtung aus einer Hand. Selbst Kunstobjekte werden veräussert. Derzeit zeigt Zingg-Lamprecht Bilder von Christophe Hohler. «Die Auswahl an Künstlern ist stark beschränkt, wir möchten auf jeden Fall Exklusivität garantieren», betont von Ballmoos.

Zingg-Lamprecht: Alles aus einer Hand

Das Einrichtungshaus – Motto: Gutes Design im ganzen Haus – bedient seine Privat- und Firmenkunden von den drei Standorten Zürich, Brüttisellen und Bern-Ittigen aus. Zu den grössten Firmenkunden gehört der Bund. «Deshalb auch haben wir uns 2004 dazu entschlossen, die Niederlassung in Bern zu eröffnen», erklärt von Ballmoos.

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Insgesamt beschäftigt das Unternehmen rund 50 Angestellte und setzt jährlich «zwischen 18 und 20 Mio Fr.» um. Die Margen seien leider nicht mehr «ganz so schön» wie in früheren Jahren, bemerkt der Unternehmer. Der steigende Euro habe leider etwas auf die Gewinne gedrückt.

Allerdings habe die Aufwertung des Euro gegenüber dem Franken auch eine positive Seite: «Die Zeiten, als die Schweiz als Hochpreisinsel galt und Kunden deshalb lieber im benachbarten Deutschland, Österreich oder Italien einkauften, sind definitiv vorbei.»

Heute habe der Schweizer Möbelhandel auf der Preisebene gleich lange Spiesse wie die europäischen Konkurrenten. Zudem würden es die Kunden schätzen, dass sie bei Fragen einen Ansprechpartner vor Ort hätten.

Schloss Berg allerdings sei mit den Einkünften aus dem Geschäft von Zingg-Lamprecht nicht zu halten, betont der Unternehmer. Das an Unterhalt intensive Anwesen könne er sich leisten, weil er in der Boomphase der Immobilien eine gute Nase gehabt habe. «Wie die Pferdezucht ist auch das ein Hobby von mir», sagt er augenzwinkernd. Im grossen Stil habe er nie mit Immobilien geschäftet.

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Als Verwaltungsratspräsident von Zingg-Lamprecht verbringt von Ballmoos nicht mehr allzu viele Tage in der Firma. Alle operativen Aufgaben hat er an Sohn Yves abgegeben. «Nur die Reklamationen übernehme immer noch ich», lacht von Ballmoos. Sein zweitältester Sohn Thomas arbeitete früher bei der UBS, liess sich dann zum Hufschmied umschulen. Heute wohnt er mit seiner Familie direkt neben Schloss Berg und ist zudem als Pferdetrainer tätig. Der jüngste Sohn ist Arzt. Alle drei teilen mit ihrem Vater die Leidenschaft für Pferde. «Ich war Springreiter, nicht unerfolgreich, und meine Söhne stehen mir in nichts nach», erzählt er stolz. Einmal hätten die Jungen die Ränge 1 bis 3 belegt. «Besser hätte man es nicht machen können», lobt der Vater. Dann blickt er auf die Uhr: «Ich habe ein Meeting in Zürich», entschuldigt sich der Schlossherr. Ob ihm manchmal nicht alles zu viel wird? «Nein», fürs Rentnerleben sei er noch viel zu jung.

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