Siebzig Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft haben Historiker eine kritisch kommentierte Ausgabe von Adolf Hitlers Hetzschrift «Mein Kampf" vorgestellt. Das Münchner Institut für Zeitgeschichte will mit der zweibändigen Edition das jahrzehntelang verbotene Buch entmystifizieren.

Die fast 2000 Seiten starke kritische Edition sei als eine «Gegenrede zu Hitlers Schrift» zu verstehen, sagte der Leiter des Editionsprojekts am Institut für Zeitgeschichte, Christian Hartmann, in München.

«Ordinäre Hasspredigt»

Die umfassend kommentierte Neuausgabe könne einem breiten Publikum verdeutlichen, dass es sich bei dem Buch «über weite Strecken um eine aggressive wie ordinäre Hasspredigt handelt», sagte Hartmann weiter. «Dieses Buch war und ist ein Symbol, daran hat sich bis heute nichts geändert.»

In seinem zwischen 1924 und 1926 verfassten zweibändigen Werk «Mein Kampf» hatte Hitler die ideologische Basis der Nazi-Bewegung formuliert.

Das Buch müsse heute verstanden werden als «das gedankliche Zentrum einer menschenverachtenden wie mörderischen Ideologie, deren Verwirklichung schliesslich in der grössten Katastrophe endete, welche die Geschichte kennt», führte der Historiker aus.

Die deutsche Neupublikation des Buchs war möglich geworden, weil der Urheberschutz Ende 2015 ausgelaufen war. Nach Hitlers Tod waren die Schutzrechte für das Buch «Mein Kampf», das bis 1945 rund zwölf Millionen Mal in Deutschland gedruckt worden war, für 70 Jahre auf den Freistaat Bayern übergegangen, der die Zustimmung zu einer Neuauflage stets verweigerte.

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Kritische Edition zwingend

Dass «Mein Kampf» nun allenthalben ohne urheberrechtliche Einschränkung publiziert werden könne, habe die kritisch kommentierte Edition geradezu zwingend erforderlich gemacht, sagte der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, Andreas Wirsching.

Es wäre schlicht unverantwortlich, «dieses Konvolut der Unmenschlichkeit» kommentarlos zu veröffentlichen, «ohne ihm eine kritische Referenzausgabe entgegenzustellen, die Text und Autor gleichsam in die Schranken weist». Unkommentierte Neuauflagen von «Mein Kampf» bleiben in Deutschland verboten.

Der Institutsdirektor räumte ein, dass die Neuausgabe Unbehagen und Kritik hervorrufe - «insbesondere aus der Perspektive der Opfer des nationalsozialistischen Terrors». Es wäre aber «auch politisch-moralisch nicht zu vertreten und mit grossen Risiken behaftet, in Sachen 'Mein Kampf' untätig zu bleiben», sagte Wirsching.

Die Neuausgabe «enttarnt die von Hitler gestreuten Falschinformationen und seine Lügen», sie sei ein «wissenschaftlicher Dienst an der Würde der Opfer» und trage zu einer «Entmystifizierung» der Hetzschrift bei.

Wirsching verwies in dem Zusammenhang auch auf das aktuelle Erstarken rechter Bewegungen in Europa. Derzeit drohten «entsprechende Denkhaltungen wieder salonfähig zu werden», warnte er. Deswegen sei es «erforderlich, die entsetzlichen Triebkräfte des Nationalsozialismus und seines tödlichen Rassismus zu erforschen, kritisch zu präsentieren und einer informierten Öffentlichkeit zur Diskussion zu überlassen».

«Mythos aufklären»

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, begrüsste die Veröffentlichung der kommentierten Edition von Hitlers Hetzschrift. «Ich kann mir gut vorstellen, dass diese kritisch kommentierte Auflage einer Aufklärung dient und dass sie einen gewissen Mythos, der um dieses Buch herrscht, aufzuklären vermag», sagte Schuster dem Sender NDR.

Der jüdische Weltkongress erklärte dagegen, er halte die Ausgabe für unnötig. Es wäre besser gewesen, Hitlers Buch im «Giftschrank de Geschichte» zu lassen.

Giulia Brogini, die Geschäftsleiterin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus, sagte, bei der kommentierten Ausgabe handle es sich um eine wissenschaftliche Aufarbeitung der historischen Dimension des Holocaust, eine solche Aufarbeitung sei sinnvoll.

Die kommentierte Edition des deutschen Instituts für Zeitgeschichte wird nach Angaben des Buchzentrums Olten auch in der Schweiz verkauft werden. Auf der deutschen Webseite von Amazon wird das Buch momentan zu 9999.99 Euro angeboten:

Russen genervt

Russische Politiker und Menschenrechtler äusserten sich kritisch über die kommentierte Neuauflage. «Anstelle der Deutschen hätte ich darüber noch einmal nachgedacht», sagte Ex-Sowjetpräsident Michail Gorbatschow der Agentur Interfax vor dem Erscheinen der kommentierten Ausgabe. Er verspüre «weder Wunsch noch Notwendigkeit» nach einer Neuausgabe.

Der Menschenrechtsbeauftragte des russischen Aussenministeriums, Konstantin Dolgow, schrieb bei Twitter: «Eine seltsame Art, gegen die wachsenden neonazistischen Tendenzen in Europa zu kämpfen!»

(sda/chb)