Er galt als Stil-Ikone und schönster Mann der Welt. Mit Luchino Visconti schrieb er in den 1960er und 1970er Jahren Filmgeschichte. Nach dem Abstieg feiert Helmut Berger mit 70 ein Comeback.

Mittelmass schien Helmut Berger stets ein Graus. Der österreichische Schauspieler war in den 1960er und 70er Jahren ein Star des europäischen Jet-Sets, feierte in St. Tropez und Monaco rauschende Feste und zierte als «schönster Mann der Welt» das Cover der Zeitschrift «Vogue».

Viscontis Tod als Zäsur

Der Tod seines Förderers und Geliebten Luchino Visconti warf ihn aus der Bahn. In den Jahren darauf machte Berger mit Alkoholeskapaden, fragwürdigen Talkshow-Auftritten und einem Gastspiel im RTL-Dschungelcamp von sich reden. Kurz vor seinem 70. Geburtstag am Auffahrtstag gelang ihm jedoch ein bemerkenswertes Comeback.

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«Ich weiss nicht, was Moral ist. Ich weiss auch nicht, was Unmoral ist. Ich habe nur mein Gewissen», sagte Berger einmal in den 70ern. Damals war er ganz oben, fehlte auf keiner wichtigen Party, hatte angeblich zahlreiche Affären und Liebschaften. In seiner Autobiografie «Ich» (1998) erzählt er aus dieser exzessiven Zeit.

Nur zehn Jahre Glanzzeit

Doch der Reihe nach: Der Sohn eines Hotelier-Ehepaares wird in der «Kaiserstadt» Bad Ischl geboren, wächst in Salzburg auf, macht die Matura in einem Franziskaner-Kolleg und geht nach London, um Schauspielunterricht zu nehmen. Später zieht es ihn nach Italien.

1964 arbeitet er als Filmstatist in Rom, ehe ihn der berühmte und 38 Jahre ältere Regisseur Luchino Visconti, sein späterer Lebensgefährte, entdeckt. 1966 gibt er Berger erstmals einen kleinen Part, bald darauf spielt der Österreicher unter Viscontis Regie seine eindringlichsten Rollen.

In «Die Verdammten» glänzt Berger als Fabrikantensohn mit pädophilen Neigungen, in «Ludwig II.» gibt er den wahnsinnig werdenden Bayernkönig. In «Gewalt und Leidenschaft» spielt er an der Seite von Hollywood-Legende Burt Lancaster einen provokanten, schönen Jüngling.

1976 dürfte das gravierendste Jahr in Bergers bewegtem Leben sein: Sein - so sagt er - «Meister» und «Vaterersatz» Visconti stirbt, anschliessend stürzt Berger ab. Er verfällt dem Alkohol, treibt die Rolle des dekadenten Bohemiens im wirklichen Leben zum Exzess und dreht kaum noch Filme.

Kartoffeln statt Kaviar

In den folgenden Jahren zehrt Berger zunehmend von seiner Vergangenheit, seine beeindruckende Schönheit schwindet, er macht mehr mit Auftritten in Talkshows als mit schauspielerischen Leistungen von sich reden. "Ich bin total versackt", erklärt er schliesslich 1996 in Harald Schmidts damaliger Sat.1-Show.

In den vergangenen Jahren lebt Berger schliesslich wieder in seiner alten Heimat im Salzburgischen, glanzlos, von 450 Euro Rente im Monat und «Kartoffelsuppe statt Kaviar», wie er sagt. Er zieht sich etwas zurück, Interviews gibt er nicht ohne weiteres. 2013 verbringt er zwei Tage im RTL-Dschungelcamp. Wegen gesundheitlicher Probleme steigt er jedoch aus.

Kurz vor seinem 70. Geburtstag berührt Berger hingegen noch einmal mit einem eher stillen Auftritt: Zittrig und gesundheitlich angeschlagen zeigt er sich zur Weltpremiere von «Saint Laurent» auf dem roten Teppich des Filmfestivals von Cannes. Berger spielt darin den Modedesigner in dessen letzten Lebensjahren, melancholisch und von Alkohol- und Tablettensucht gezeichnet. Die Rolle schien Berger auf den Leib geschneidert.

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(sda/dbe/sim)