Gut eine Woche nach dem Bombenanschlag in Boston hat die Frau eines der beiden mutmasslichen Attentäter ihr Schweigen gebrochen. Katherine Russel sicherte den Ermittlungsbehörden dabei ihre Mithilfe zu.

Die Frau des bei einer Schiesserei mit der Polizei getöteten Tamerlan Zarnajew liess von ihren Anwälten Amato DeLuca und Miriam Weizenbaum eine Erklärung verlesen. Darin teilte sie mit, sie sei erschüttert, dass ihr Mann und dessen jüngerer Bruder Dschochar in den Anschlag mit drei Todesopfern und mehr als 260 Verletzten verwickelt seien.

«Das war ein vollkommener Schock», sagten die in Providence im Bundesstaat Rhode Island ansässigen Anwälte. Sie brachten auch die Trauer ihrer Mandantin über den Anschlag auf den Boston Marathon zum Ausdruck.

«Die Toten und die Verletzten unter den Menschen, die gekommen waren, um einen Wettlauf und einen Feiertag zu feiern, haben Katie und ihrer Familie grosse Verzweiflung und Schmerz beschert», hiess es in der Erklärung.

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Die 24-Jährige hatte Tamerlan Zarnajew 2010 geheiratet. Das Paar hat eine dreijährige Tochter. US-Medien zufolge war Russel zum Islam konvertiert, nachdem sie ihren aus Tschetschenien stammenden Mann kennengelernt hatte.

Dschochar Zarnajew, der derzeit im Krankenhaus behandelt wird und gegen den bereits Anklage erhoben wurde, bezeichnete nach Informationen von US-Medien seinen getöteten 26-jährigen Bruder als Drahtzieher des Anschlags in Boston. Ein US-Regierungsvertreter sagte dem Sender CNN, der 19-Jährige habe angegeben, dass Tamerlan «den Islam vor Angriffen schützen wollte».

Aufarbeitung möglicher Versäumnisse

Vor dem Justizausschuss des US-Senats in Washington räumte Heimatschutzministerin Janet Napolitano ein, dass die Ausreise des mutmasslichen Attentäters Tamerlan Zarnajew in die unruhigen Kaukasusrepubliken Dagestan und Tschetschenien den US-Behörden zwar bekannt war, seine Rückkehr ihnen aber entging.

Tamerlan Zarnajew war 2011 auf Bitten Russlands von der US-Bundespolizei FBI befragt worden. 2012 reiste er nach Russland und besuchte während seines sechsmonatigen Aufenthalts auch Dagestan und Tschetschenien, wo einige islamistische Gruppen aktiv sind.

Als Zarnajew aufgebrochen sei, hätten die Sicherheitssystem angeschlagen, sagte Napolitano vor den Senatoren. Nach seinem Auslandsaufenthalt seien aber alle Ermittlungen gegen ihn bereits abgeschlossen gewesen, so dass seine Rückkehr in die USA unbemerkt geblieben sei. «Wir werden aus diesem Anschlag Lehren ziehen, wie wir es bei vergangenen Terrorfällen getan haben», sicherte die Ministerin zu.

Jüngstes Opfer beigesetzt

Der republikanische Senator Lindsey Graham beklagte vor Journalisten widersprüchliche Angaben der Behörden: «Wie konnte das Heimatschutzministerium wissen, dass dieser Typ das Land verlässt und das FBI nicht?»

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Der Republikaner John McCain forderte Anhörungen vor dem Kongress zur Aufklärung der Widersprüche. Sein Parteikollege Saxby Chambliss sagte, offenbar seien manche Behörden von «Mauern» umgeben, so dass ihnen wichtige Informationen entgingen.

Das jüngste Todesopfer des Anschlags, ein achtjähriger Junge, wurde am Dienstag im privaten Rahmen beigesetzt. Die in Dagestan lebenden Eltern der Zarnajew-Brüder kündigten an, sie wollten in die USA reisen, um Tamerlan nach muslimischem Ritus zu bestatten.

(tke/chb/sda)